Unternehmer 3.0

Jugend, forsch

Autor: Sonja Hausmanns |
Foto: Michael Hudler
An der Willy Brandt School für Public Policy in Erfurt werden die Unternehmer von morgen ausgebildet. Wir haben fünf von ihnen gefragt, was sie anders machen wollen, als ihre Vorgänger. Ein- und Aussichten der Generation Y.

„Die Karriere ist Teil des Traums“

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Juan David Acevedo Rivera, 26 Jahre, Kolumbien

Was hat Sie zu Ihrem Studium an der WBS bewegt?

Die Komplexität wirtschaftlicher, politischer und sozialer Entscheidungen hat mich schon immer fasziniert. Nach meinem Diplom in Wirtschaftswissenschaften war es für mich ein logischer Schritt, mich noch eingehender mit den politischen und sozialen Aspekten im gesellschaftlichen Zusammenhang zu befassen. Für die Willy Brandt School habe ich mich vor allem wegen des attraktiven Angebots an Spezialisierungsgebieten wie Public and Nonprofit Management oder International Political Economy entschieden. Zumal hier Vorlesungen von bekannten Dozenten und in sehr kleinen Gruppen abgehalten werden. Das hatte ich von meiner High School- und Universitätszeit in Kolumbien in guter Erinnerung. Nach einem Jahr an der WBS kann ich sagen, dass sich alle meine Ambitionen und Erwartungen erfüllt haben und diese Erfahrung mein berufliches und persönliches Leben enorm bereichert hat.

Welche Ziele verknüpfen Sie mit Ihrer Zeit in Erfurt?

Das Studium an der WBS bietet sehr viele großartige Möglichkeiten. So konnte ich ein Praktikum bei der größten NGO in Gambia in Westafrika absolvieren und hatte später Gelegenheit zur Teilnahme am WBS-Programm „Commitment Award“. Ein Kommilitone und ich erhielten den ersten Preis für unser Entwicklungsprojekt, bei dem es um die Produktion von Mango-Marmelade und den Ausbau der Reisproduktion in Gambia ging. Eine weitere großartige Gelegenheit war für mich die Verwirklichung einer Idee, die ich in meinem ersten Semester hatte: die Gründung eines akademischen Journals. Mit umfassender Unterstützung der WBS nahm ich dieses Projekt zusammen mit einer Gruppe von Kommilitonen in Angriff. Nun werden wir in Kürze die erste Ausgabe des „Political Analyst“ veröffentlichen. Nach meinem Abschluss möchte ich diese Arbeit fortsetzen, indem ich weiter Artikel schreibe und die künftigen Herausgeber unterstütze.

Worin unterscheidet sich Ihre Generation von der vorherigen – insbesondere im Hinblick auf die Karriereziele?

Als sich mein älterer Bruder vor einigen Jahren entscheiden musste, welchen akademischen Weg er einschlagen sollte, war der Rat der Familie klar: „Du solltest entweder Maschinenbau oder Jura studieren, denn das brauchen die Unternehmen in Kolumbien“. Damals war die Berufswahl durch das zyklische Verhalten unserer lokalen Wirtschaft beschränkt und man musste Karriere machen, um seine Träume verwirklichen zu können. Heute ist die Karriere Teil des Traums und wir können selbst entscheiden, welches Land und welche Universität uns die besten Optionen für die Verwirklichung unserer Ambitionen bieten.

Glauben Sie, dass sich die Wirtschaft verändern muss?

Die digitale Revolution, ein erschwingliches Informationsangebot und der Zugang zu Ressourcen haben dazu geführt, dass alte Paradigmen der Geschäftswelt infrage gestellt werden. In diesem neuen Umfeld sind Wettbewerbsvorteile nicht mehr so langlebig und es hat sich gezeigt, dass größer nicht unbedingt besser bedeutet. Ich glaube, dass wir uns diese neuen Verhältnisse zunutze machen und neue Best-Practice-Standards für nachhaltige und sozialverträgliche Produktionsmodelle schaffen können. Den Unternehmen muss klar werden, dass es in ihrem Interesse ist, die negativen sozialen externen Effekte zu minimieren. Stellen Sie sich vor, wie es wäre, wenn schon bald die etwa 1.377 Millionen Menschen, die unterhalb der von der Weltbank definierten Armutsgrenze leben, ebenfalls am Marktgeschehen teilnehmen könnten. Damit ließe sich die Nachfrage steigern und neue Marktchancen schaffen. Und stellen Sie sich weiter vor, die Verbraucher könnten sich über eine Smartphone-App in Echtzeit über Unternehmen und deren Einhaltung dieser Standards informieren. Das würde dem Wachstum der unternehmerischen Wettbewerbsfähigkeit enormen Auftrieb geben.

In welcher Art von Gesellschaft möchten Sie in Zukunft leben?

Ich würde gerne in einer Welt leben, in der alle Menschen gleich behandelt werden, unabhängig von Nationalität, Rasse, Geschlecht oder sozialem Hintergrund. Ich halte es für sehr wichtig, dass die Menschen überall auf der Welt Zugang zu Bildung haben, und damit meine ich auch die elementaren Dinge wie Lesen, Schreiben und Rechnen. Nur dann können wir eine faire Interaktion und gleiche Chancen auf Arbeit gewährleisten. Leider ist die politische und soziale Ungleichheit auch in unserer modernen, globalisierten Welt nach wie vor ein sehr großes Problem.


 

„Meine Generation sucht nach Sinn“

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Lukas Richter, 24 Jahre, Deutschland

Was hat Sie zu Ihrem Studium an der WBS bewegt?

Zum einen ist da die thematische Ausrichtung, die mich unheimlich interessiert und mir gleichzeitig das Gefühl gibt, dass ich mit den erlernten Fähigkeiten etwas Sinnvolles anstellen kann. Auf der anderen Seite stand das internationale Umfeld, das ich als Bereicherung, Chance und Herausforderung gesehen habe und das es sonst in kaum einem anderen Programm gibt. Hinzu kommt, dass wir uns zwar mit ernsten Themen auseinandersetzen, aber keiner an der Brandt School deswegen seinen Humor, seine Offenheit oder Freundlichkeit verloren hat.

Welche Ziele verknüpfen Sie mit Ihrer Zeit in Erfurt?

Diese Internationalität in Verbindung mit der praktischen Ausbildung wird mir dabei helfen, mich schneller in anderen Ländern und Kulturen zurechtzufinden und vor Ort Veränderungsprozesse in Bildung, Politik und Wirtschaft voranzutreiben beziehungsweise zu begleiten.

Worin unterscheidet sich Ihre Generation von der vorherigen – insbesondere im Hinblick auf die Karriereziele?

Ich beobachte eine immer weiter gehende Diversifizierung, die es in der vorherigen Generation so noch nicht gegeben hat: Die Vorstellungen und Pläne, wie das eigene Leben aussehen soll, unterscheiden sich in höherem Maße, als das früher der Fall war. Im Bezug auf Karriere lässt sich sagen, dass meine Generation viel stärker die Frage nach dem Sinn stellt und die Menschen sich sehr genau überlegen, wo sie ihre Arbeitskraft am Besten einbringen können. Ich gehe daher davon aus, dass ein beträchtlicher Teil meiner Generation vor allem dadurch Karriere machen will, dass er Wandel aktiv gestaltet.

Glauben Sie, dass sich die Wirtschaft verändern muss?

Natürlich! Das ist ganz klar, dass sich die Wirtschaft in großem Maße anpassen muss und da werden einige Organisationen ziemlich auf den Kopf gestellt werden. Unternehmen – insbesondere die großen Konzerne – werden sich viel stärker darauf konzentrieren müssen, was das eigentliche Ziel ihrer Unternehmung (neben dem finanziellen Gewinn) ist. Das heißt: Die Frage nach dem „Warum“ wird eine ganz entscheidende werden, um wirklich gute Mitarbeiter an sich zu binden. Und bei dieser Zielbestimmung werden zwei Faktoren ganz wichtig sein. Erstens: Mitarbeiter werden mitreden wollen. Zweitens: Das Ziel muss glaubwürdig sein. Es fällt schwer zu glauben, dass der Fast-Food-Konzern seine Kunden gesünder machen will … Das heißt, Unternehmen müssen Prozesse und Organisationsformen finden, die diesen Umgang mit Mitarbeitern gewährleisten und in denen viel dezentraler und einfacher kollaboriert werden kann als das heute noch der Fall ist.

In welcher Art von Gesellschaft möchten Sie in Zukunft leben?

In einer Gesellschaft, die den Wert sozialen Zusammenlebens und des Austauschs untereinander versteht, wertschätzt und bewahrt. Diese Gesellschaft sieht das Zusammenkommen und Einbinden verschiedener Generationen, Herkünfte und Einstellungen als eine ihrer zentralen Aufgaben an. Die Gesellschaft meiner Zukunft hat ein Bildungs- und Arbeitssystem, das jedem Einzelnen die Entdeckung und Entfaltung seiner ganz persönlichen Potentiale und Wünsche ermöglicht. Sie versteht Kinder als wichtigsten Bestandteil und weiß, dass Kinder in großem Maße zum persönlichen Lebensglück beitragen. Dabei ist die genaue Familienform zunehmend egal. Die Mitglieder der Gesellschaft meiner Zukunft ermutigen sich gegenseitig ihren Wünschen und Träumen nachzugehen und werten andere nicht anhand der eigenen Maßstäbe. Freiheit, Empathie und soziale Verantwortung sind die Grundpfeiler ihres ausgereiften Wertesystems.

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„Um weiter zu wachsen, muss sich die Wirtschaft verändern“

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Martin Raul Taveras, 26 Jahre, Dom. Republik

Was hat Sie zu Ihrem Studium an der WBS bewegt?

Ich wollte an die Willy Brandt School, weil dort Globalisierung zu den Kernkonzepten des Lehrplans gehört. In den letzten Jahren habe ich erkannt, dass wir den Begriff „lokal“ weiter gefasst definieren müssen. Früher war die Welt groß und fremd, und der Mangel an Kommunikation zwischen den Nationen führte zu Isolation. Die Welt von heute wird dank des technischen Fortschritts zunehmend kleiner, offen und erreichbar. Der größte Motivationsfaktor für das Studium an der WBS war jedoch die multikulturelle Studentenschaft, die als solche bereits für die Globalisierung steht und uns unterschiedliche Perspektiven im Denken und Handeln näher bringt.

Welche Ziele verknüpfen Sie mit Ihrer Zeit in Erfurt?

Mein bisheriger beruflicher Werdegang verlief ohne klare Richtung. Ich habe mit dem Jurastudium begonnen, weil ich sehr rechtsaffin bin. Dann nahm ich eine Stelle als Rechtsassessor im Strafrechtssystem an, weil ich im Strafrecht noch Wissenslücken hatte. Danach erhielt ich ein Stellenangebot als Rechtsanalyst für die Chamber of Deputies in der Dominikanischen Republik, wo ich in rechtsvergleichenden Untersuchungen mitwirken sollte. Als ich dann für das Legislative Fellows-Programm des US-Außenministeriums ausgewählt wurde, hatte ich das Gefühl, auf dem richtigen Weg zu sein. Über einen Monat lang vertrat und förderte ich im Rahmen meiner Arbeit in Minnesota die Interessen der Latino-Bevölkerung dort. Ich möchte mir deshalb durch mein Studium an der Willy Brandt School möglichst viele Informationen, Sichtweisen und Hilfsmittel aneignen, um bereit zu sein für die nächste Chance und diese dann entschlossen wahrzunehmen.

Worin unterscheidet sich Ihre Generation von der vorherigen – insbesondere im Hinblick auf die Karriereziele?

Aus meiner Sicht haben die Globalisierung, der technische Fortschritt und die Art der Informationsverbreitung über die Medien dazu geführt, dass unsere Generation heute vernetzter ist. Über das Internet erfährt man nicht nur Neues über die eigene Stadt oder das eigene Land, sondern auch über die Menschen im Iran oder in Botswana und ihre Interessen. Das hat in gewisser Weise zu einer Vereinheitlichung von wichtigen Interessen und Werten geführt. Ich finde, dadurch haben sich das Verständnis und die Wertschätzung für das Allgemeinwohl erhöht. Heute geht es nicht mehr darum, einigen wenigen Menschen zu helfen, sondern vielen. Unsere Generation hat dadurch ein stärkeres Sozialbewusstsein und ist mehr daran interessiert, sich in Bereichen zu spezialisieren, die für die Massen relevant sind. Besonders deutlich wurde dies nach der globalen Finanzkrise 2008, als immer mehr Menschen diese Einstellung auch mit ihrer Stimme vertraten.

Glauben Sie, dass sich die Wirtschaft verändern muss?

Ich persönlich vertrete die Auffassung, dass sie sich nicht verändern muss. Vielmehr muss sie sich an die veränderten Verhältnisse anpassen. So, wie die Menschen – also die Kunden – ihre Interessen ändern und mehr soziales Bewusstsein entwickeln, so muss auch die Geschäftswelt auf diese Veränderungen eingehen, wenn sie weiterwachsen will. Es muss mehr Interaktion mit der Gesellschaft stattfinden; die Unternehmen müssen auf deren Bedürfnisse und Interessen hören. Auch müssen sie sich stärker für ihre Verantwortung im sozialen Bereich engagieren und akzeptieren, dass die Behörden im Bedarfsfall ihre Aufsichtsfunktionen wahrnehmen.

In welcher Art von Gesellschaft möchten Sie in Zukunft leben?

Ich bin überzeugt, dass das Leben unsere Schritte lenkt. Auch wenn wir versuchen können die Zukunft zu gestalten, so wissen wir doch nicht wirklich, was morgen geschieht. Aber ich hoffe, in einer Gesellschaft leben zu können, die von Transparenz, Verantwortungsgefühl und sozialem Bewusstsein geprägt ist.


„Wir wollen die Welt verändern“

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Nora Böggemann, 26 Jahre, Deutschland

Was hat Sie zu Ihrem Studium an der WBS bewegt?

Das kann ich ganz plakativ mit den Schlagworten „Interdisziplinarität” und „Internationalität” beantworten. Diese Begriffe klingen vielleicht etwas abgenutzt, aber sie werden an der WBS tatsächlich gelebt. Dies gilt für die Lehre und die Lehrkräfte, aber auch für das soziale Miteinander und die Unterschiedlichkeit innerhalb der Studentengruppe. Große globale Fragestellungen und Themen werden an der Brandt School aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet. Die Kombination an Kursen aus den Bereichen Recht, Sozial- und Politikwissenschaft, Wirtschaftswissenschaft oder auch Philosophie sensibilisieren uns für einen offenen Blick und die Einbeziehung verschiedenster Methoden bei unserer Arbeit. Die kulturelle Diversität von uns Studenten ist für mich absolut einmalig und bereichernd. Auch haben alle ganz verschiedene akademische Hintergründe und Praxiserfahrung, von Politik über Ethnologie bis hin zu Architektur. Das ist nicht nur in Bezug auf die Diskussionen in den Kursen toll, sondern auch abseits davon in unserer Freizeit: Wir haben viel Spaß zusammen und entwickeln uns persönlich enorm weiter!

Welche Ziele verknüpfen Sie mit Ihrer Zeit in Erfurt?

Ich bin sicher, dass ich hier einige Kompetenzen erlerne, die sich in einem späteren Arbeitsumfeld als wertvoll erweisen weren. Sich immer auf neue Perspektiven, Argumentationen, Arbeitsweisen, Charaktere und Kommunikationspartner einzustellen ist sehr wichtig, um im Team voranzukommen und erfolgreich zu sein – sei es im öffentlichen, im zivilgesellschaftlichen oder im privaten Sektor, im nationalen oder internationalen Arbeitsumfeld. Ich sehe meine berufliche Zukunft in einem privaten Unternehmen mit internationaler Geschäftstätigkeit. Ein Unternehmen, das eine moderne Strategie verantwortungsvollen Wirtschaftens verfolgt und Geschäftsmodelle entwickelt, die mit den jeweiligen lokalen Gegebenheiten, Erfordernissen und Bedürfnissen von gesellschaftlichen Stakeholdern in Einklang stehen. Ich sehe mich durch das Public Policy Studium in der Lage, systematischer die Perspektiven verschiedener gesellschaftlicher Akteure zu erforschen und zu verstehen. Darüberhinaus wurde ich noch stärker dafür sensibilisert, bei einem Eingreifen in Lebenswelten – und das ist es ja, was policy makers letzendlich tun – auf die spezifischen kulturellen und sozialen Merkmale der Bevölkerungsgruppe Rücksicht zu nehmen, und das Konzept von public value immer genauestens zu hinterfragen.

Worin unterscheidet sich Ihre Generation von der vorherigen – insbesondere im Hinblick auf die Karriereziele?

Generation Y” ist ja ein häufig gebrauchtes Schlagwort, und es gibt wirklich immer mehr junge Erwachsene, die bei ihrer Lebens- und Berufsplanung nach mehr suchen als nach einem soliden, statusträchtigen oder finanziell attraktiven Job. Durch die enorm schnelle und effektive Kommunikation und erhöhte Mobilität, mit der wir wie selbstverständlich aufgewachsen sind, verwischen immer mehr die Grenzen zwischen unserem „Hier und Jetzt“ und der „Welt da draußen“. Wir, und ich kann damit nur von meinem Freundeskreis und Umfeld sprechen, nehmen viel mehr Teil an den Dingen die anderswo passieren, sie sind Teil unseres Lebens und unserer Identitäts- und Meinungsbildung. Das umfasst alles, von kulturellen- und Lifestyle Trends, bis hin zu sozialen und politischen Missständen. Durch diesen Vergleich und das Wissen um große Disparitäten und Ungerechtigkeiten entsteht in vielen von uns der Wunsch, aktiv einzugreifen, sich nützlich zu machen, etwas zum Positiven zu verändern. Das klingt noch sehr abstrakt, aber es lässt sich auf ganz viele Bereiche und Interessengebiete anwenden. Sei es auf das globale Kapitalmarktsystem, den Welthandel, Bildungssysteme, politische Regime, Geschlechtergerechtigkeit, Gesundheitsversorgung, Arbeitsbedingungen, und viele viele mehr.

Glauben Sie, dass sich die Wirtschaft verändern muss?

Ja, zu einem gewissen Grad muss sie das. Meiner Meinung nach muss ein tiefgreifender Wandel erfolgen in der unternehmerischen Wahrnehmung der Umwelt: Gesellschaftliche oder politische Anspruchsgruppen und ihre Forderungen dürfen nicht als Bedrohung angesehen werden, sondern eher als Chance und Herausforderung, auf deren Basis moderne und wirklich nachhaltige Geschäftsmodelle entwickelt werden können. Das kann natürlich nicht über Nacht geschehen. Aber ein Mentalitätswandel ist ja in jüngeren Generationen schon unterwegs und in einigen Branchen und Ländern sind Unternehmen bereits offener und kooperativer. Hiervon können positive Impulse ausgehen und sich mit der Zeit auf die „mainstream“ Unternehmenswelt übertragen. Zivilgesellschafltiche Gruppen sind und bleiben dabei ganz wichtiger Akteure, aber auch in der akademischen Welt müssen Entwicklungen geschehen, um bereits bei der Ausbildung zukünftiger Führungskräfte anzusetzen.

In welcher Art von Gesellschaft möchten Sie in Zukunft leben?

Ich möchte in einer Gesellschaft leben, in der sich alle Akteure – Bürger, Regierungen, Organisationen, Unternehmen – entsprechend ihrer Fähigkeiten und Möglichkeiten darum bemühen, dass sich Individuen weltweit ihrer fundamentalen Menschenrechte sicher sein können.


„Ich will lernen, gesellschaftliche Konflike gewaltfrei zu lösen“

 

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Karen Simbulan, 32 Jahre, Philipinen

Was hat Sie zu Ihrem Studium an der WBS bewegt?

 

Nach der Protestwelle und den Demonstrationen Ende 2010, dem sogenannten Arabischen Frühling, wollte ich mehr über Konflikte und ihre Ursachen erfahren und darüber, wie sich gewaltfrei ein gesellschaftlicher Wandel herbeiführen lässt. Ich machte mich auf die Suche nach Graduate-Programmen mit dem Themenschwerpunkt „Konflikte“. Die Brandt School war die einzige Einrichtung in Deutschland, die einen Master-Studiengang Public Policy mit Spezialisierung auf International Conflict Management anbot. Auch, dass sich die Kurse durch eine globalere Herangehensweise – also weniger auf Europa allein ausgerichtet –auszeichnen, gefiel mir.

Welche Ziele verknüpfen Sie mit Ihrer Zeit in Erfurt?

Ich habe eine juristische Ausbildung und möchte diese mit den Fähigkeiten verbinden, die ich durch mein Studium an der Brandt School erworben habe. Ich würde gerne für eine internationale Organisation arbeiten und praktische Konfliktforschung betreiben, um besser zu verstehen, wie man sich konstruktiv gegen gesellschaftliche Konflikte wappnen kann. Eine meiner wichtigsten Lernerfahrungen an der Brandt School war die Erkenntnis, dass Konflikte ein normaler Bestandteil einer jeden Gesellschaft sind und sogar dazu beitragen können, den Zusammenhalt gesellschaftlicher Strukturen zu festigen und die Identitätsbildung zu fördern. Konflikte haben konstruktiven Nutzen, vorausgesetzt, sie eskalieren nicht und werden nicht gewalttätig ausgetragen.

Worin unterscheidet sich Ihre Generation von der vorherigen – insbesondere im Hinblick auf die Karriereziele?

Als Angehörige der philippinischen Mittelschicht kann ich sagen, dass meine Generation in der Überzeugung groß geworden ist, dass wir durch unsere Möglichkeiten und Fähigkeiten so ziemlich alles schaffen können, wenn wir uns nur entschlossen genug dafür einsetzen. Deshalb haben wir ehrgeizigere Berufswünsche und streben Jobs an, an die unsere Eltern vor zwanzig Jahren nie gedacht hätten. Hinzu kommt, dass unsere Karriereziele heute nicht mehr durch Landesgrenzen definiert sind.

Glauben Sie, dass sich die Wirtschaft verändern muss?

Weltweit herrscht große Desillusion in Bezug auf Kapitalismus und Big Business: Es hat sich gezeigt, wie verheerend die Auswirkungen sind, wenn die Aktivitäten der Unternehmen nicht von staatlicher Seite reguliert werden. Die Menschen in Entwicklungsländern leben seit Jahrzehnten mit den tödlichen Konsequenzen dieser Wirtschaft – denken Sie etwa an die armen Arbeiter, die Textilien für namhafte Marken anfertigen oder an Pächter in der Landwirtschaft, die für multinationale Agrarkonzerne arbeiten. Zwischenzeitlich bemühen sich Unternehmen darum, den angerichteten Schaden dadurch wiedergutzumachen, dass sie sich Corporate Social Responsibility-Grundsätze auf ihre Fahnen schreiben. Leider sind diese Initiativen überwiegend auf die westliche Welt konzentriert. In den Entwicklungsländern, wo die Menschen am stärksten unter der Gier der Unternehmen leiden, schreitet diese Entwicklung nicht schnell genug voran.

An der Willy Brandt School in Erfurt lernen Studenten aus vielen Nationen, wie sie die Welt verändern können. Als Aletta-Haniel-Professorin bringt Heike Grimm ihnen bei, wie Entrepreneure zu denken. Lesen Sie das Porträt der „Unternehmensdenkerin“.