Unternehmer 3.0

Die Unternehmensdenkerin

Autor: Sonja Hausmanns |
Foto: Michael Hudler
An der Willy Brandt School in Erfurt lernen Studenten aus vielen Nationen, wie sie die Welt verändern können. Als Aletta-Haniel-Professorin bringt Heike Grimm ihnen bei, wie Entrepreneure zu denken.

Ein schmuckvoller Backsteinbau gegenüber der Erfurter Universität. Einst war dies eine Nervenheilanstalt, woran eine von innen gepolsterte Tür auf der ersten Etage erinnert. Heute ist hier das Büro der Aletta Haniel Professorin Heike Grimm. Als Grimm im vergangenen November ihre Berufung erhielt, war sie noch eine Tür weiter untergebracht. In dem engen Raum gibt es nicht viel mehr als einen Schreibtisch und ein Bücherregal. Darin steht ein Foto, das sie mit Bill Clinton zeigt. Daneben ein Schmuckei aus der Ukraine, das die 46-Jährige mitbrachte, als sie für eine Konferenz in das Land reiste, aus dem einige ihrer Studenten stammen. „Ich wollte verstehen, aus welchem Kontext sie kommen. Das ist wichtig, um sie unterrichten zu können.“ Grimm lehrt an der Willy Brandt School of Public Policy, die bereits seit ihrer Gründung 2002 von der Haniel Stiftung unterstützt wird. Vor vier Jahren hat die Stiftung dort den Franz Haniel Lehrstuhl eingerichtet, jetzt folgte die nach der Mutter des Unternehmers benannte Aletta Haniel Professur für öffentliche Verwaltung und Unternehmertum. Wer Heike Grimm trifft, merkt, dass sie für diese Themen brennt. Sie hat früh gelernt, was Unternehmertum bedeutet, und kennt die Aufs und Abs. Ihre Großmutter hatte nach dem Krieg in Starnberg einen Lebensmittelhandel eröffnet, der sogar expandierte.

Doch dann musste sie sich dem Konkurrenzdruck durch die großen Ketten beugen. „Von ihr habe ich viel gelernt, was die unternehmerische Geisteshaltung anbelangt“, sagt Grimm heute. Sie ist sich sicher, dass ihre Großmutter als gebürtige Amerikanerin so etwas wie ein Unternehmergen in sich trug. In dem Einwandererland USA habe sich eine Kultur entwickelt, in der die Menschen unternehmerisch denken und handeln – egal, ob sie wirklich Unternehmer sind oder nicht. „Es geht um die Fähigkeit, Wandel als etwas Positives zu begreifen und Chancen zu nutzen“, beschreibt Grimm diese Haltung. In ihrer wissenschaftlichen Arbeit waren es aber zunächst andere Themen, die sie interessierten. In ihrer Magisterarbeit, die sie 1992 an der Universität München schrieb, beschäftigte sie sich mit den Unruhen im Iran in den 1950er- und 1970er-Jahren. Zuvor hatte sie sich in London an der School of Oriental and African Studies mit der europäischen Nahostpolitik auseinandergesetzt. Die Zäsur kam 1997, als Grimm eine Doktorarbeit mit dem Titel „Existenzgründungen in den neuen Bundesländern“ vorlegte.

Vom Nahen Osten in den fernen Westen

Was war passiert? Eigentlich wollte sie ihrem Studienschwerpunkt treu bleiben und eine Arbeit über hoch qualifizierte Frauen im Iran und deren Revolutionspotenzial vorlegen. „Aber ich konnte bei den Professoren damals kein Interesse am Thema wecken“, sagt sie lakonisch. Statt sich ein Thema zu suchen, das den Betreuern passte, entschied sie sich zunächst, in die Wirtschaft zu gehen. Sie arbeitete für eine Personalberatung, später wurde sie Vorstandsreferentin bei der Union Mittelständischer Unternehmen und der European Union of Small and Medium-Sized Companies: „Damals hat sich meine Perspektive vollkommen verändert.“

Es ist vor allem der Widerspruch, der Grimm damals beschäftigte: Zwar ist der Mittelstand die tragende Säule in Deutschlands Wirtschaft, von der Politik wurde er aber – zumindest damals – kaum gefördert. Weil sie das Thema Unternehmertum auch wissenschaftlich reizte, bewarb sie sich Ende der 1990er-Jahre um ein Forschungsstipendium in Washington. Hier verglich sie die Rollen des Unternehmertums in den USA und in Europa und schrieb einen Ratgeber für deutsche Unternehmen, die in den USA Fuß fassen wollen. Daraus entstand auch gleich ein Geschäftsmodell: Gemeinsam mit einer befreundeten Juristin gründete Grimm eine Unternehmensberatung für deutsche Firmenlenker, die den Sprung in die USA wagen wollten und umgekehrt. Die Website war fast fertig, die ersten Projekte bereits angelaufen – da kam der 11. September 2001. „Das war ein Bruch“, beschreibt Grimm die Situation. „Viele wollten sich zu diesem Zeitpunkt nicht mehr in den USA selbstständig machen, und amerikanische Firmen blieben lieber in der Heimat.“ Dennoch ist die Selbstständigkeit für Grimm nach wie vor eine Option. „Auch wenn man scheitert, ist es eine wichtige Erfahrung.“

Berlin? London? Erfurt!

Als Forschungsdozentin verschlug es sie 2002 zum ersten Mal nach Erfurt. Vier Jahre später wurde sie hier geschäftsführende Direktorin der Erfurt School of Public Policy, seit 2011 ist sie stellvertretende Direktorin des Instituts, das mittlerweile als Willy Brandt School firmiert. Auch wenn es Grimm in der Stadt mit ihren mittelalterlichen Gassen, durch die auch schon Martin Luther flanierte, manchmal etwas zu heimelig wird: Für den Standort an der Peripherie hat sie sich sehr bewusst entschieden. Denn anders als in Berlin oder London zieht es die Studenten nach Erfurt vor allem wegen der Qualität der Lehre. Und der will Grimm mit der Aletta Haniel Professur einen neuen Schwerpunkt in Richtung Unternehmertum geben – zumal sie merkt, dass es hier einen großen Bedarf bei den Studenten gibt. „Aletta wird in meinen Lehrangeboten sicherlich eine große Rolle spielen, weil sie alle Charakteristika eines Unternehmers in sich vereint“, kündigt Grimm an und verweist auf den Mut, die Weitsicht und das Verhandlungsgeschick der gebildeten Unternehmerin. „Sie wäre aber sicher nicht so erfolgreich gewesen, wenn sie nicht den familiären Rückhalt durch ihre Kinder gehabt hätte. Das zeigt uns heute: Man muss nicht immer auf den Staat sehen, wenn es darum geht, Beruf und Familie zu vereinen, sondern kann das auch innerhalb der Familie balancieren.“ Grimm spricht aus Erfahrung, schließlich hat sie selbst zwei Kinder im Alter von acht und 13 Jahren, und ihr Mann war in den vergangenen zehn Jahren im Ausland.

Ihre Kinder nimmt Grimm öfter mal mit ins Büro – auch, damit sie von Anfang an sehen, dass eine Frau beruflich etwas erreichen kann. An der Brandt School klappt das problemlos, denn die Atmosphäre ist familiär: So klopft gerade ein Student an Grimms Bürotür. Seine einjährige Tochter auf dem Arm, entschuldigt er sich, weil er nicht zum Seminar kommen konnte – die Kleine hatte die ganze Nacht geweint und ihm den Schlaf geraubt. Er spricht gebrochen deutsch, denn wie die meisten der etwa 75 Studenten des neuen Studienjahrgangs kommt er aus dem Ausland. Rund 40 Nationen sind an der Brandt School vertreten, darunter die USA oder Frankreich, aber auch Afghanistan und die Ukraine. Was die Studenten eint, ist nicht weniger als der Wunsch, die Welt zu verändern. „Sie sind alle neugierig, sie möchten die Situation in Ländern verbessern, die durch Armut und Korruption geprägt sind. Und sie kommen hierher, um die Instrumente dafür zu erlernen“, beschreibt Grimm den Anspruch. Was sie am Ende mit diesem Wissen machen, ist ganz unterschiedlich. „Den klassischen Werdegang gibt es bei unseren Absolventen nicht. Oft sind wir selbst ganz überrascht, was aus ihnen wird.“ So wie bei dem deutschen Studenten, der noch während seines Studiums die Regionalgruppe Thüringen/Sachsen-Anhalt von Transparency International leitete, sich nach seinem Abschluss erfolgreich um eine Stelle im Auswärtigen Amt bewarb – dann aber doch lieber bei einer Unternehmensberatung anheuerte. Am Ende ist dieser Werdegang vielleicht doch typisch, zeigt er ja, wie viele Möglichkeiten den Absolventen offenstehen.

Unternehmer unter Druck

Obwohl es so manchen Studenten in die klassische Wirtschaft verschlägt, verstehen sich die Erfurter nicht als Business-School. Stattdessen werden hier die Kandidaten für Top-Positionen in Politik, öffentlicher Verwaltung und Non-Profit-Organisationen ausgebildet. Deshalb sind Marketing und Businesspläne eher Nebensache. „Wir versuchen hier, einen langfristigen Ansatz zu vermitteln und zu zeigen, wie sich dauerhaft Wert schaffen lässt“, erläutert Grimm. „Es geht darum, sich Mechanismen zu überlegen, die nachhaltig wirken. An Visionen zu arbeiten und diese in Strategien umzusetzen.“ Letztlich nichts anderes als die klassischen unternehmerischen Tugenden, wie sie schon Aletta Haniel verkörperte – das findet auch Grimm: „Aber sie konnte eben noch gründlich über ihr Tun nachdenken. Wohingegen die Unternehmer heute ständig unter enormem Entscheidungsdruck stehen, das lässt sich nicht vergleichen.“

Im Gegensatz zur öffentlichen Verwaltung, wo es manchmal so scheint, als seien die Uhren stehengeblieben. „Wie kann ich eigentlich von der Wirtschaft verlangen, immer innovativ zu sein, in einer wissensbasierten Ökonomie zu bestehen, wenn man andererseits eine Verwaltung hat, die nicht dazu passt?“, fragt sich Grimm und gibt gleich die Antwort: „Wir brauchen auch im öffentlichen Sektor Menschen, die entrepreneurial sind, die zwei Schritte weiter denken, die durchaus auch Risiken eingehen.“ So wie einer ihrer ehemaligen Studenten aus Tansania, der heute im Kader des Präsidenten wirkt. In fünf bis sechs Jahren so schätzt Grimm, werden sich die Absolventen der Willy Brandt School mit ihrem unternehmerischen Denken überall auf der Welt bemerkbar machen und sich auch die Strukturen in der Verwaltung langsam ändern. „Das ist auch Kampf, natürlich. Aber das ist es auch für den Unternehmer auf dem Markt.“

Langjährige Partnerschaft

An der Willy Brandt School of Public Policy bereiten sich Hochschulabsolventen aus aller Welt auf eine Karriere vor – sei es in der Politik, im öffentlichen Dienst oder in Unternehmen. Für ihren Abschluss als Master of Public Policy besuchen sie Seminare verschiedener Fachrichtungen und absolvieren Praktika. Bis zu 70 Teilnehmer beginnen jedes Jahr das englischsprachige Aufbaustudium. Wir haben fünf von ihnen gefragt, was sie anders machen wollen als ihre Vorgänger. Diese Ein- und Aussichten der Generation Y können Sie im Artikel „Jugend, forsch“ nachlesen.

Die Kooperation mit der Haniel Stiftung ist in drei Säulen gegliedert:

  1. Die Haniel Stiftung (teil)finanziert seit 2008 den Franz Haniel Chair of Public Policy und seit 2012 die Aletta Haniel Professur für Public Policy and Entrepreneurship.
  2. Die Haniel-Kooperationsprogramme ermöglichen es der Willy Brandt School, sich noch stärker mit anderen Hochschulen international zu vernetzen – darunter das renommierte Staatliche Moskauer Institut für Internationale Beziehungen oder die Higher School of Economics (ebenfalls in Moskau). Seit 2010 findet jährlich eine Haniel Spring- oder Fall School in Städten Mittel- und Osteuropas statt, 2012 zum Beispiel in St. Petersburg und 2013 in Nowosibirsk.
  3. Mit den Haniel-Stipendienprogrammen fördert die Haniel Stiftung seit 2002 Lebenshaltungsstipendien für Studenten aus Mittelosteuropa und GUS-Ländern sowie seit 2012 Gebührenstipendien für Bewerber aus Deutschland, der EU und Nordamerika.

Weitere Informationen: www.brandtschool.de, www.haniel-stiftung.de