Unternehmer 3.0

Vertrauen als harte Währung

Autor: Nils Ole Oermann |
Foto: Julian Rentzsch (Illustration)
Wer anständig Geld verdienen will, muss sich mit guten Geschäften das Zutrauen anderer verdienen und sich auf den Kern seiner Unternehmung konzentrieren, sagt Nils Ole Oermann.

Ist in Unternehmen vom Ruf nach einer Rückbesinnung auf wirtschaftsethische Maßstäbe die Rede, dann fällt oftmals der Begriff „Vertrauen“, und man redet vom „ehrbaren Kaufmann“. Wirtschaftsethik, Vertrauen und ehrbare Kaufleute – das klingt so wohlfeil wie zuweilen realitätsfern. Ethik fragt nach dem Verständnis vieler Menschen von dem Guten, nach Moral und nach Werten, die im Vergleich zu Effizienz, Umsatz oder Profit als weiche Währung gelten.

Dass das Gegenteil der Fall ist, zeigt der Blick auf einen einfachen Geldschein. Das gesamte Geldwesen lebt von Vertrauen, das damit zu einer der härtesten Währungen der Marktwirtschaft wird. Ein Geldschein ist nichts anderes als ein Versprechen der ihn zeichnenden Zentralbank. Wenn das Vertrauen in dieses Versprechen durch Intransparenz, exzessive Verschuldung, Betrug oder Verantwortungslosigkeit verspielt wird, verliert Geld zunächst an Wert und büßt am Ende seine Funktion insgesamt ein. Anständiges und nachhaltiges Wirtschaften hingegen schafft Vertrauen, und Vertrauen schafft stabile Finanzmärkte und Währungssysteme.

Ganz ähnlich verhält es sich beim ehrbaren Kaufmann: Dass ein Kaufmann ehrlich ist, ist selbstverständlich, und die Maßstäbe dieser Ehrlichkeit finden sich im Handels- und Strafgesetzbuch. Ob er ein ehrbarer Kaufmann ist, beurteilen diejenigen, die mit ihm Geschäfte machen und auf seine Verlässlichkeit vertrauen. Auch hier ist das Vertrauen der anderen, der Partner, der Kunden eine ganz harte Währung – man denke nur aktuell an die Debatte um das Geschäftsgebaren des ADAC.

Ein ehrbarer Unternehmer sollte vor allem den Menschen bei der Entfaltung helfen, die für ihn arbeiten

Ist ein Kaufmann oder Unternehmer jedoch weder ehrlich noch ehrbar, wird er jene guten Geschäfte nicht mehr machen können, von denen Thomas Mann den alten Buddenbrook sagen ließ: „Mein Sohn, sey mit Lust bey den Geschäften am Tage, aber mache nur solche, dass wir bey Nacht ruhig schlafen können.“

Wer sich an juristisch definierte Regeln hält, aber auch Maßstäbe beachtet, wie sie Buddenbrook beschreibt, hat die Chance, langfristig und wahrlich „enkelfähig“ anständig Geld zu verdienen und dabei gut zu schlafen. In der Wirtschaftsethik steht diese Art von guten Geschäften und nicht etwa der Verzicht auf Wachstum oder die Förderung „anderer Zwecke“ im Zentrum.

Wirtschaftsethik, so wie ich sie verstehe, beschäftigt sich mit der Legitimität des Wirtschaftens auf Basis von Kants Grundfrage der Ethik, die da lautet: „Was soll ich tun?“ Ein Unternehmer, der sich dieser Frage stellt, ist mehr als ein ehrlicher Kaufmann. Ein vorbildlicher Unternehmer wird mehr anstreben. So, wie es einem Steuerhinterzieher nicht hilft, privat viel zu spenden, misst man einen ehrbaren Kaufmann weniger an der Förderung „anderer Zwecke“ als an der Ehrbarkeit, der Legalität wie Legitimität seiner Kernunternehmung. Sich auf diese Unternehmung und vor allem auf die dort tätigen Menschen zu konzentrieren, ihnen als Unternehmer zu helfen, ihr volles Potenzial und ihre Talente angemessen zur Geltung zu bringen, ist ein sinnvolles Unternehmen.


Univ.-Prof. Dr. Dr. Nils Ole Oermann gilt laut „Handelsblatt“ als einer der profiliertesten deutschen Wirtschaftsethiker. Er wurde in Oxford promoviert und habilitierte sich mit der wirtschaftsethischen Arbeit („Anständig Geld verdienen?“). In Harvard erwarb er einen Master in Public Administration. Oermann lehrt an der Leuphana Universität Lüneburg als Institutsdirektor Ethik, ist Gastprofessor in St. Gallen und berät den Bundesminister der Finanzen. Zuletzt erschien von ihm „Tod eines Investmentbankers. Eine Sittengeschichte der Finanzkrise“ (Herder 2013).