Unternehmer 3.0

Visionen am Fließband

Autor: Liane Rapp |
Foto: Courtesy of Entrepreneur 4.0 Award/Sascha Weidner/Jonas Feige/Mishka Henner/Dionisio González
Als Produzent für Antriebssysteme ist Wittenstein Marktführer. Damit das so bleibt, geht man neue Wege – eine Fabrik mitten in der Stadt, mitbestimmende Mitarbeiter und ein Kunstwettbewerb: enkelfähig porträtiert ein Unternehmen mit Weitblick.

Am Anfang steht, wie so oft, ein Visionär. Manfred Wittenstein, Vorstand der familiengeführten, nicht börsennotierten Wittenstein AG, dem Marktführer für mechatronische Antriebssysteme. Er entwickelte vor wenigen Jahren ein Konzept für die „Produktion der Zukunft“, die höchste Qualität in der Fertigung mit modernen Erkenntnissen über Arbeitsorganisation verbinden sollte. Als eines der ersten Projekte entstand eine neue Fabrik in einem urbanen Umfeld, realisiert vom Tochterunternehmen WITTENSTEIN bastian in Fellbach bei Stuttgart.

Auf den ersten Blick wirkt das helle Firmengebäude – am Rande eines Wohngebiets, drei Minuten zu Fuß vom Bahnhof entfernt – eher wie ein modernes Bildungszentrum oder ein schicker Bürotrakt. Nicht wie eine Fabrikhalle, in der zum Beispiel Zahnräder für High-Speed-Getriebe produziert werden, die sie zum Sitz des deutschen Marktführers für Hochpräzisionsverzahnung machen. Zu einem Zulieferbetrieb der Automobil- und Maschinenbaubranche, der ein Musterbeispiel für die Produktion der Zukunft sein möchte und sich Fragen stellte, deren Nutzen bei anderen Firmen vielleicht noch gar nicht erkannt wurde. Etwa die, ob ökonomische, ökologische und soziale Nachhaltigkeit wirklich den gleichen Stellenwert haben sollten: „Es wurde eine konsequent ökologische Bauweise gewählt, das ist richtig, und nachhaltiges Handeln gehört zur DNA von Wittenstein“, sagt Michael Müller. Er ist einer von zwei Geschäftsführern von WITTENSTEIN bastian, „aber all dies soll ganz klar hocheffiziente Prozesse ermöglichen“.

Die Fabrik der Zukunft existiert schon heute

Die 105 Mitarbeiter der Fellbacher Konzerntochter jedenfalls profitieren seit Ende 2011 von den vielen Vorteilen, die der zwölf Millionen Euro teure Neubau mit sich bringt: von der ausgezeichneten Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr. Von den Ladengeschäften, Cafés und dem Kiosk, alle nur ein paar Schritte entfernt. Auch von der Holzterrasse vor der Kantine und gleich neben dem neu angelegten Teichbiotop, wo sie im Sommer ihre Pausen gern verbringen. Von den zwei Tankstellen für Elektrofahrzeuge, die nicht nur ihnen, sondern auch externen Gästen und Anwohnern zur Verfügung stehen. Und auch von der voll regenerativen Energieversorgung und den ohnehin schon niedrigen Geräuschemissionen, die durch einen Lärmschutzwall weiter reduziert werden. „Die eigentlichen Innovationen stecken aber teils im Verborgenen“, erklärt Eva Daberger, Assistentin der Geschäftsleitung. „Vom Teppichkleber bis hin zu den Büromöbeln wurde alles einem harten Test unterzogen – es durften keine Schadstoffe enthalten sein, und die Bestandteile müssen biologisch abbaubar sein.“

Auch den Nachbarn, die in der angrenzenden Passivhaussiedlung wohnen, war es wichtig, dass kein Lärm nach draußen dringt. Dafür wurde die Produktion, das Herzstück des Unternehmens, in die Mitte des Gebäudes „gepflanzt“. Umgeben von einem Gürtel von Büros, wird nun jeder Lärm nach außen abgeschirmt, erläutert Eva Daberger: „Im Gegensatz zu manch anderem Betrieb steht bei uns die Produktion im Mittelpunkt, also das, womit wir unser Geld verdienen. Lediglich Glaswände trennen die Kollegen dort von denen in der Verwaltung und der Entwicklungsabteilung. Die sitzen fast alle in Großraumbüros, denen die alten kleinteiligen Büroeinheiten weichen mussten. Unsere Erwartung, dass Abstimmungen so schneller und effizienter vonstatten gehen, haben sich auch schon erfüllt“, sagt die 24-Jährige. An so viel Offenheit mussten sich viele erst einmal gewöhnen, wie sich Eva Daberger erinnert: „Sie hatten anfangs das Gefühl, der Blick ginge einseitig in die Produktion, und fühlten sich beobachtet. Mittlerweile ist klar: Der Blick ist auch andersherum in die Verwaltung möglich. Diese wichtige Baumaßnahme hat unsere gesamte Kommunikation verändert. Man bekommt mehr mit von dem, was die anderen machen, weil man die Kollegen ständig vor Augen hat.“

Das Ziel: Aus jedem Mitarbeiter einen Unternehmer machen, der sich und sein Fachwissen für Wittenstein einbringt

Als Geschäftsführer Michael Müller, 33, hier 2011 einstieg, war vieles neu für die Mitarbeiter: dass die Geschäftsführer – Philipp Guth und er – oft mit Laptops inmitten der Fertigung sitzen oder stehen, um dort zu arbeiten. Dass die Unternehmensergebnisse auf einer Stellwand für alle sichtbar veröffentlicht werden. Dass es ein Miteinander auf Augenhöhe gibt, das aber auch für jeden bedeutet: Ich muss mitdenken, ich bin mitverantwortlich. „Das Schlimmste wäre, wenn sich jemand zurücklehnen und sagen würde: Es gibt ja noch 100 andere, also ist es egal, ob ich meinen Job richtig oder falsch mache“, erklärt Michael Müller. „Nein, wir wollen die Entscheidungen dort verorten, wo sie bestmöglich getroffen werden können. Jeder soll wissen, welche Wertigkeit seine Arbeit im Gesamtkontext hat. Ich möchte aus allen Mitarbeitern kleine Unternehmer machen, jedem das Verständnis dafür geben, wie er in der Gewinn- und Verlustrechnung wirkt. Nur so entsteht bei allen ein hohes Qualitäts- und gleichzeitig Kostenbewusstsein. Dafür ist aber ein Punkt wesentlich: Die Menschen wollen spüren, dass sie wertgeschätzt werden. Wenn ich morgens in die Halle komme, freue ich mich wirklich, da zu sein und unsere Mitarbeiter zu sehen, und zeige das auch.“

Etwa durch die Begrüßung: „Das ist bei uns Usus – dass man sich die Hand gibt“, bestätigt Leonardo Placentino, 42, Industrie-Mechatroniker, bei WITTENSTEIN bastian seit über neun Jahren Prüfmittel-Beauftragter: „Da hat sich viel geändert beim Betriebsklima. In meinen Augen ist das heute ein vorbildliches Miteinander.“

Ein Betriebsklima, in dem auch Beschwerden möglich sind. Die Sozialräume – Umkleiden, Duschen und Toiletten – waren nach Meinung der Belegschaft zu klein. Nach einer Abstimmungsphase wurden die entsprechenden Umbaumaßnahmen 2013 in Angriff genommen und sollen Ende März abgeschlossen sein. Um möglichst viele mitzunehmen auf seine Reise zur „Produktion 4.0.“, der Produktion von morgen, führte Müller anfangs mit einem Großteil der Mitarbeiter strukturierte Interviews, um herauszubekommen, was gut läuft und wo es noch hakt. „Wir haben hier jede Menge hoch qualifizierter Fachkräfte, die Dinge machen, die es auf diesem Planeten kein zweites Mal gibt. Wir fertigen nicht in Großserie, sondern überwiegend Prototypen und Kleinserien“, erläutert der Geschäftsführer, „da geht es bei den Zahnrädern teils um Genauigkeiten von 600 Nanometern, also einem Hundertstel einer Haaresbreite. Das bedeutet Ultrapräzision, und die Arbeit selbst ist hochkomplex. Deshalb ist es wichtig, dass unsere Mitarbeiter aus einer intrinsischen Motivation heraus handeln und nicht durch eine Führungskraft eingepeitscht werden.“ Von Anfang an, so der Mechatronik-Ingenieur, hat er die Belegschaft auch bei Neueinstellungen einbezogen. Beim Bewerbungsgespräch ist neben den Geschäftsführern und dem unmittelbaren Vorgesetzten auch immer ein Mitarbeiter dabei, mit dem der- oder diejenige zukünftig arbeiten soll: „Es gibt ein gleichwertiges Vetorecht aller Beteiligten. Wenn nur einer von uns Vieren dagegen ist, nehmen wir ihn oder sie nicht. Das Veto der Mitarbeiter zählt also genauso viel wie das des Geschäftsführers.“

Alle ziehen an einem Strang

Ein Vorgehen, das auch Eberhard Mäule, 58, seit 28 Jahren im Unternehmen und seit vier Jahren Betriebsrat, unterstützt. Der gelernte Mechaniker arbeitet in der Fertigung und meint: „Hier ist schon vieles anders als anderswo. Keiner von uns geht einfach nach Hause, wenn die Schicht zu Ende ist, sondern erst dann, wenn die Arbeit getan ist. Und wenn in der Nachbarabteilung Unterstützung gebraucht wird, ist auch gleich einer da, der den Meister fragt, ob er rübergehen kann. Die ziehen alle mit, ohne Murren.“

Eine Unternehmenskultur, die sich nun in sehr kurzer Zeit als erfolgreich erwiesen hat: So war für das Jahr 2013 ein Umsatzwachstum von elf Prozent geplant, es lag aber letztendlich bei 18 Prozent. So soll es weitergehen bei WITTENSTEIN bastian, findet Michael Müller. Die vierte Stufe der industriellen Revolution soll in nächster Zeit zünden. Ähnlich erfolgreiche Restrukturierungsmaßnahmen wie hier würde man auch gerne in anderen Bereichen des Konzerns umsetzen. Nachhaltigkeit spielt bei all diesen Überlegungen eine große Rolle. Doch mit Gutmenschentum, betont Müller, habe das Ganze wenig zu tun: „Die Ökonomie muss mit der Ökologie in Einklang stehen. Nur auf diese Weise kann ein Unternehmen langfristig bestehen.“

Entrepreneur 4.0 Award: Augenöffnerei

Neue Wertmaßstäbe verlangen nach neuen Impulsen. So soll der von Manfred Wittenstein initiierte Wettbewerb mithilfe von künstlerischen Beiträgen das Bewusstsein für diese Werte schärfen und für die Anforderungen sensibilisieren, die auf Unternehmer künftig zukommen werden – enkelfähig zeigt einige der ausgezeichneten Arbeiten:

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Weitere Informationen: www.unternehmer4punkt0.de, www.immagis.de


Die WITTENSTEIN bastian GmbH ist ein Tochterunternehmen der 1906 gegründeten Wittenstein AG, bei der weltweit 1800 Mitarbeiter angestellt sind. Die 105 Beschäftigten der WITTENSTEIN bastian GmbH setzen Engineering-Dienstleistungen um, zu denen Entwicklung, Konstruktion, Detailberechnungen, Belastungsprüfungen, Produktoptimierung, Gutachten und Expertenschulung gehören. Für seinen innovativen Fertigungsprozess wurde das Unternehmen vielfach ausgezeichnet. Etwa mit dem Zertifikat in Gold durch die Deutsche Gesellschaft für nachhaltiges Bauen, dem Preis „Ausgezeichneter Ort“ der Initiative des Bundespräsidenten „Deutschland – Land der Ideen“ und als Bundessieger in der Kategorie Wirtschaft 2013/2014 für die „Urbane Produktion der Zukunft“. Weitere Informationen: www.wittenstein-bastian.de