Utopie

Ist das denn die Möglichkeit?!

Autor: André Boße |
Foto: Nadine Redlich
Utopisch zu denken bedeutet, mutig nach vorne zu schauen. Seit einiger Zeit fällt uns das zunehmend schwer, obwohl die Zukunft dringend gestaltet werden will. Welche Art von Utopie wird der heutigen Welt gerecht?

Utopia, dieser schöne andere Ort, ist gar nicht weit entfernt, nur ein paar Stunden südlich. Buchstäblich ins Blaue gebaut hat man diese Stadt, „errichtet auf dem Meer, von wo aus sie in den Himmel wächst“, wie Jörg Metelmann es formuliert. Das historische Zentrum von Venedig entstand auf 118 kleinen Inseln. Eine verrückte Idee, beinahe eine städtebauliche Anmaßung. Doch genau darum geht es ja bei der Utopie: Sie muss sich positiv absetzen von dem, was wir als Normalzustand erleben, darf und muss über das Übliche hinausweisen und -wachsen. Der Kulturwissenschaftler von der Universität St. Gallen absolviert gerade ein Forschungssemester in der Stadt, und wenn er über Venedig redet, spürt man, wie bei ihm die Magie des Utopischen wirkt, wie sie seinen „Möglichkeitssinn“ anregt – für das, was (besser) sein könnte.

Dumm nur, dass Venedig kaum noch zu retten ist. Viel zu viele Menschen trampeln täglich die Utopie kaputt. 54.000 Menschen leben in der Altstadt, jährlich werden sie von 30 Millionen Touristen buchstäblich heimgesucht. Viele von ihnen kommen nur für einen Tag, erreichen die Stadt auf monströsen Kreuzfahrtschiffen, die Venedig mit nach Fotos, Nippes und Espresso gierenden Touristen überfluten. Zwar sollen die größten Schiffe bald etwas außerhalb der Lagune in einem Industriehafen anlegen, doch viel ändern wird das wohl nicht. „Ich dachte: Das kann es eigentlich nicht geben“, sagt Jörg Metelmann über das Schauspiel. „Das ist jenseits dessen, was möglich ist.“

Die Utopie wird zur defizitären Realität. Da ist Venedig ja kein Einzelfall. Das Neue Testament ist auf dem Papier eine Lektion in Sachen Barmherzigkeit und Demut. Eigentlich absurd, wie die katholische Kirche es viele Jahre lang für ihre Machtansprüche genutzt hat. Die Gedanken von Marx und Engels zum Kapitalismus sind in vielen Punkten tragfähig – die auf dieser Basis gegründeten kommunistischen Staaten waren es nicht. Mit Utopien ist in der Menschheitsgeschichte allerhand Unfug und viel Grässliches angestellt worden. Kein Wunder, dass wir Postmodernen immer weniger Lust darauf haben, uns ausgeklügelte wünschenswerte Szenarien vorzustellen, geschweige denn, uns an die Arbeit zu machen, diese Träume Wirklichkeit werden zu lassen.

„Wenn du es träumen kannst, dann kannst du es auch tun“, hat Walt Disney einmal gesagt. In Deutschland wird hingegen sehr häufig ein Satz von Helmut Schmidt zitiert: Wer eine Vision hat, möge zum Arzt gehen. Die Worte des Altkanzlers sind für uns zu einer Art Freibrief geworden, sich bloß nicht mit vermeintlich Unrealistischem zu beschäftigen. Denn das rieche nach Krankheit. Dann schon lieber schön bodenständig und gelassen wie der gemeine Kölner: „Et kütt, wie et kütt.“ Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft: alles eins. Echt jetzt?

Bloß keinen Masterplan!

Wir bitten Harald Welzer um Hilfe. Der Sozialpsychologe beschäftigt sich mit der Zukunftsmüdigkeit der westlichen Gesellschaften und wundert sich: „Die Stagnation wäre verständlich, wenn es uns gutgehen würde. Aber so ist es ja nicht. Alle regen sich permanent auf, die Empörung ist groß, die Laune schlecht.“ Lautes Lachen. „Der Hyperkonsum sorgt dafür, dass wir alles haben – und doch geht’s uns scheiße. Das ist doch der Witz!“

Welzers Analyse trifft in Deutschland einen Nerv. Sein Buch „Alles könnte anders sein“ verkauft sich gut. Sein gedanklicher Dreisprung geht zugespitzt so: 1. Der vom Kapitalismus erzeugte Konsumwohlstand zerstört die Erde. 2. Also müssen wir ihm eine Gesellschaft entgegenstellen, die sich nicht alleine an Wachstum und Konsum orientiert. 3. Was bedeutet, dass es uns danach besser gehen kann als heute – denn, wie erwähnt: Glücklich machen uns Geld und Wohlstand alleine eben nicht. Hat dieses Denken in die Zukunft noch etwas mit einer Utopie im Sinne der Baumeister von Venedig oder Walt Disneys zu tun? Oder handelt es sich um den verzweifelten Versuch, kurz vor knapp der Apokalypse zu entgehen? Welzer schnauft, mit dem Weltuntergang hat er so seine Schwierigkeiten. Er stellt eine bizarre „Lust der Zombifizierung“ fest, und er kann sie begründen: „Zu sagen, alles gehe dem Ende entgegen – das ist halt der billige Weg, dem utopischen Denken zu entkommen.“ Er fordert, dass wir uns an die Arbeit machen: die Zivilgesellschaft, die Unternehmen, gerade auch die Politik, die ihre Vorstellungskraft vollständig verloren habe. „Die Moderne war einmal eine Epoche der Utopien. Das hat sich komplett erschöpft.“



Utopie – bekannt und wirkmächtig wurde der Begriff 1516 durch den britischen Staatsmann und Humanisten Thomas Morus. In dem Buch „Utopia“ beschreibt er eine erdachte Insel als ideale Alternative zum aus seiner Sicht wenig vorteilhaften Feudal- und Kirchenstaat seiner Tage. „Morus konstruierte einen Raum, den es nicht gibt“, erklärt Welzer. Kleine Kinder machen das täglich, wenn sie mit Lego oder Playmobil spielen. Begriffsgeschichtlich folgte auf diese räumliche die zeitliche Utopie: „Sie spielt an einem bekannten Ort, kreiert aber ein Szenario, das noch nicht da ist.“ Marx hat diese Idee des Utopischen geboten. Ein Science-Fiction-Film wie „Blade Runner“ bedient das Gegenstück: die zeitliche Dystopie, die Zukunft in Grau.

„Was wir heute brauchen, ist eine neue, dritte Form von Utopie“, sagt Welzer. Diese funktioniere nicht mehr als Masterplan-Utopie. Morus hatte einen solchen Masterplan noch, als er seine Insel Utopia beschrieb. Auch die Kommunisten hatten ihn, als sie den Staat DDR entwarfen. Und leider auch die Nazis. „Die Geschichte hat uns die bittere Lektion erteilt, dass Masterplan-Utopien viel Unheil bringen. Wir sollten das lassen“, sagt Welzer und schlägt dagegen ein kleinteiliges, konkretes und realistisches Utopie-Update vor, das „auf dem aufbaut, was wir zivilisatorisch bereits erreicht haben, zum Beispiel dem Sozialstaat oder dem Arbeitsrecht“. Klingt erst mal irgendwie klein, aber diese Utopie verortet sich im Hier und Jetzt. Sie basiert auf dieser Gesellschaft, dockt an unsere tatsächlichen Erfolge und Herausforderungen an – verzweifelt aber nicht an ihnen, sondern erdenkt sich Lösungswege für die Zukunft und malt sich diese aus.

Ein bisschen Geduld, bitte

„Imagineering“ nennt der Kulturwissenschaftler Jörg Metelmann die Technik des Sich-Vorstellens von Dingen, die sowohl wünschenswert als auch praktikabel sind. Das Wort habe er von Disney übernommen, es helfe, Vernunft und Utopie zusammen zu denken. „In diesem Begriff steckt nämlich erstens die Umsetzung mit ihren technischen Aspekten wie Effizienz und Verantwortung“, sagt er. Darin sind wir – als „Engineering“-Erprobte – geübt. Beispiel autonom fahrende Autos: Noch bevor sie auf der Straße sind, haben Juristen, Ethiker und Versicherer bereits viele Haftungsfragen geklärt. Gut so! „Was uns größere Schwierigkeiten bereitet, ist die zweite Ebene des Begriffs, nämlich die der Imagination“, glaubt Metelmann. In einer Gesellschaft, in der durch Konsum beinahe alle vermeintlichen Glückserfahrungen permanent möglich seien, leide die Fähigkeit, sich ein anderes Leben vorzustellen: „Es mangelt uns an Vorstellungskraft für eine Welt, die nicht länger von außen in Gestalt von Konsumangeboten befeuert wird, sondern in der sich die Wünsche von innen heraus aus uns selbst entwickeln.“ Also nicht: Was denken Amazon, Google& Co., was ich wollen sollte? Sondern: Was ist mir wichtig?

Das klingt abstrakt. Bis man mit Sima Gatea spricht, die daran arbeitet, diese Form von Werte-Utopie Realität werden zu lassen. Sie wuchs in Toronto auf, stammt aus einer Familie mit nordamerikanischen und arabischen Wurzeln, hat in Heidelberg studiert, ist Coach für „Soziale Innovationen“ und Gesellschafterin bei Singa Deutschland, einer Organisation mit der Mission, auf lokaler Ebene Einheimische und Neuankömmlinge zusammenzubringen. Zum Beispiel, um Unternehmen zu gründen. „Unser Ziel ist eine offene Gesellschaft, die natürliche Netzwerke fördert, sodass sich Menschen, die etwas gemeinsam haben, viel schneller kennen lernen“, erklärt Sima Gatea. Denn es sei doch seltsam, dass sich lokale Gemeinschaften häufig noch darüber definieren, wer wie lange wo wohnt und wo jemand ursprünglich herkommt. „Name, Pass, Herkunft, Hautfarbe – das alles spielt doch keine Rolle, wenn man entdeckt, dass man sich auf gemeinsame Interessen, Erfahrungen oder Ziele einigen kann.“ Neben ihrer Tätigkeit bei Singa engagiert sich Sima Gatea für Europa, gibt Sprachunterricht für Asylsuchende, hilft Flüchtlingsfamilien. Ihr ist vollkommen klar, dass es Leute gibt, die eine auf den ersten Blick ganz andere Utopie verfolgen: Grenzen dicht, wir sind ein Volk – und ihr nicht! Was uns zu der Frage bringt: Darf man die Utopien der anderen ablehnen, wenn sie einem gesellschaftspolitisch nicht in den Kram passen? Oder muss man sich einem Wettstreit der Utopien stellen?

Harald Welzer plädiert für Letzteres, sein Ansatz: gutes Storytelling. „Es geht darum, Utopien mit einer positiven Geschichte zu verbinden. Wer zum Beispiel die Vorstellung einer nachhaltigen Zukunft stetig mit Begriffen wie Verzicht, Verlust und Verbot koppelt, spielt denen in die Karten, die dieser Utopie entgegenstehen.“ Sima Gateas Ansatz geht über das utopische Wettrüsten hinaus, sie sucht nach Gemeinsamkeiten: Begriffe wie Grenze oder Heimat, Pass oder Volk sind für sie technokratisch, beschäftigen sich vorschnell mit Detailfragen. „Die Basis einer Utopie sind doch unsere Werte, und ich glaube, dass wir diese mit mehr Menschen teilen, als wir gemeinhin denken.“ Wer könne sich denn nicht auf Gerechtigkeit und Gleichheit einigen? Darauf, Geduld aufzubringen, einander zuzuhören, als Mensch wertgeschätzt zu werden? „Interessant ist doch“, sagt sie, „dass von allen Seiten genau diese Werte eingefordert werden. Warum also nicht versuchen, eine Gesellschaft auf Basis dieser gemeinsamen Werte zu formen?“

Klingt utopisch? Genau darum geht’s.