Utopie

PET, PP, PE-LD – ade*

Autor: Sonja Hausmanns |
Foto: Holger Albrich
Ist eine Welt ohne Plastikmüll utopisch? Mag sein, dachten sich Haniel-Mitarbeiter Giuliano Alonzo und seine Frau. Und fingen trotzdem einfach mal an. Ein Erfahrungsbericht

Gut eineinhalb Jahre ist es her, da sind meine Frau und ich zufällig auf einen Beitrag der Bochumerin Shia Su gestoßen. Im Ruhrgebiet ist sie eine der Pionierinnen der Zero-Waste-Bewegung. Sie ist sehr konsequent und produziert pro Jahr ein Einmachglas Abfall. Meine Frau und ich haben uns damals angeguckt und gesagt: Plastik reduzieren – das versuchen wir auch!

Plastik-Tatort Küche

Wir kaufen unser Gemüse zwar schon lange lose auf dem Markt, trotzdem ist in der Küche jede Menge Plastikmüll angefallen. Also haben wir uns mit Glas- und Metallbehältern ausgestattet. Mit denen sind wir in den Supermarkt gezogen, um darin Käse, Fisch oder Fleisch verpacken zu lassen. In unserem bevorzugten Supermarkt weigerte sich die Verkäuferin wegen der Hygienebestimmungen, mir den Fisch in die mitgebrachte Dose zu legen. Im nächsten Markt dasselbe Spiel. Doch dort rief die Verkäuferin den Filialleiter an, und nach einem zehnminütigen Gespräch einigten wir uns auf folgendes Prozedere: Meine Box bleibt auf der Kundentheke liegen. Der Fisch wird dahinter abgewogen und dann ebenfalls auf der Theke in die Box hineingelegt.

Vieles kaufen wir auch im Unverpackt-Laden, der nur wenige Kilometer von uns entfernt ist. Dort gibt es eine große Auswahl an losen Produkten – die zu unserer Überraschung sogar selten mehr kosten als in konventionellen Geschäften. So ein Laden ist natürlich keine Lösung, wenn man 20 Minuten mit dem Auto hinfahren müsste, aber es gibt auch im normalen Super- oder Biomarkt viele unverpackte Produkte. Da lohnt es sich, sich bewusst umzuschauen. Wir machen aber auch Kompromisse: Mozzarella beispielsweise bekommen wir nirgendwo lose. Dennoch wollen wir darauf nicht verzichten. Dafür gibt es bei uns inzwischen mangels unverpackter Alternative keine Chips mehr. Ich gebe zu, das ist ein herber Einschnitt.

Sechs Wochen dauerte es, bis wir unsere Einkaufsgewohnheiten komplett umgestellt hatten. Immerhin: Unserer Haushaltskasse hat es nicht geschadet; wir geben etwa gleich viel Geld aus wie vor unserem Experiment. Dennoch fällt es manchmal schwer, konsequent am Ball zu bleiben. Quick Wins müssen her! Flüssigseife, die fast nur in Plastikverpackung erhältlich ist, haben wir überall gegen Seifenstücke ausgetauscht; statt Wegwerfschwämmen nutzen wir nun waschbare Spültücher. Gegen stärkeren Schmutz helfen unsere Luffaschwämme, hergestellt aus getrocknetem Kürbis. Sprudelwasser, Cola & Co. gibt es nur noch aus Pfandglasflaschen. Beim Bäcker lassen wir uns Brot und Brötchen in unseren Stoffbeutel füllen. Kleine Änderungen mit großer Wirkung.


ABFALL? NEIN DANKE!

Zero Waste, also „null Müll“, bezeichnet einen Lebensstil, bei dem es darum geht, Abfall gänzlich zu vermeiden. Mehrere Städte weltweit haben begonnen, das Prinzip umzusetzen. San Francisco zum Beispiel beabsichtigt, die erste müllfreie Großstadt zu werden. Die wirtschaftliche Bedeutung der Bewegung wächst. Das Zukunftsinstitut etwa geht davon aus, dass sich das veränderte Konsumverhalten stark auf die Energieindustrie und die Produktionsketten auswirken wird.

Mehr zum Thema:

www.zerowaste-germany.com

www.zerowastehome.com


Lieber Tube als Tablette

Im Bad zog sich das Experiment „plastikfrei“ ziemlich hin. Fast ein Jahr dauerte es, bis meine letzte Duschgelflasche leer war. Früher habe ich im Drogeriemarkt gerne mal mehrere auf Vorrat gekauft – jetzt wirkt das Bad erfrischend leer. Mit meiner neuen Seife zum Duschen und Haarewaschen komme ich gut zurecht. Auch die Rasur mit dem klassischen Rasierhobel gelingt, und für unsere elektrische Zahnbürste habe ich kompostierbare Aufsätze entdeckt. Mit den Zahnpastatabletten kann ich mich hingegen nicht anfreunden – und die Creme selbst herzustellen, ist nicht unser Ding: Wir wollen zwar weniger Plastik nutzen, aber es soll in unseren Alltag passen. Also kommt die Zahncreme bei uns weiterhin aus der Tube.

Es hört sich merkwürdig an, aber den Garten plastikfrei zu halten, ist schwierig: Pflanzen stecken beim Kauf meist in einem Kunststofftopf und Blumenerde gibt es nur in der Plastikfolie. Dieses Plastik versuchen wir aber im Haus zu nutzen, als Abdeckung für Pflanzen im Winter oder als Unterlage bei kleineren Renovierungsarbeiten. Bei vielen Dingen können wir jedoch allein wenig ausrichten: Dass beim Waschen unserer Kleidung Mikroplastik entsteht, ist ebenso unumgänglich wie der Kunststoffabrieb unserer Autoreifen. Dennoch haben wir viel erreicht: Statt einmal in der Woche musste ich die gelbe Tonne im vergangenen Jahr nur insgesamt zweimal rausstellen – und das vor allem deshalb, weil wir Vorräte in Plastik aufgebraucht haben. Was sich stark verändert hat, ist meine Einstellung: Am Anfang bin ich durch den Supermarkt gegangen und habe gedacht: Das kann ich nicht kaufen, das nicht, das nicht. Heute denke ich: Will ich auch gar nicht!

Generell merke ich, dass meine Frau und ich unseren Konsum stärker hinterfragen. Ich wünsche mir, dass auch die produzierenden Unternehmen ihre Engstirnigkeit aufbrechen und Produkte designen, die langlebig sind oder aus Naturmaterialien bestehen. Plastikmüll braucht teilweise Jahrhunderte, bis er sich zersetzt. Wie kann es nachhaltig sein, wenn wir ein Produkt nur für einen Bruchteil seiner Lebensdauer nutzen?


Giuliano Alonzo (36) ist Diplom-Ökonom und seit viereinhalb Jahren bei Haniel in der Konzernbilanzierung beschäftigt.

 

 

 


*PET steht für Polyethylenterephthalat und wird vor allem zu Einweg- und Mehrwegflaschen verarbeitet. Aus PP, also Polypropylen, bestehen unter anderem Getränkebecher und Folien, in denen Fisch, Käse und Fleisch verkauft werden. Flaschen für Duschgele oder Shampoos werden aus PE-LD (Polyethylen Low-Density) hergestellt.