Utopie

Seemanns Garn

Autor: Alexandra Alferi |
Foto: Christoph Kienzle/Shutterstock
Verantwortung übernehmen und die Umwelt schützen, das wollen viele. Mit einem Produkt des Haniel-Geschäftsbereichs BekaertDeslee sollen Kunden nun im Schlaf Gutes tun. Kann das funktionieren?

Ein Fischer steuert sein Boot durch die Wellen vor der nordspanischen Küste. Er zieht seine Netze an Bord, holt ein paar Fische heraus und verkauft sie anschließend an die hiesige Gastronomie. Was den Restaurantgästen selten in den Sinn kommt: Es waren nicht nur Fische im Netz, sondern auch jede Menge Abfall. Für die Fischer lohnt es sich nicht, leere Flaschen, verrostete Metallteile oder Plastiktüten an Bord zu sammeln. „Deshalb werfen sie den Müll normalerweise wieder ins Wasser“, sagt Michel Chtepa, Managing Director bei der in Spanien ansässigen Initiative Seaqual. Bis jetzt.

Müllabfuhr fürs Meer

Seaqual ist eine Kooperation der spanischen Textilfirmen Santanderina und Antex. Mit dem vor drei Jahren gegründeten Start-up wollen sie der Vermüllung der Weltmeere entgegenwirken. Rund acht Millionen Tonnen Plastik landen jährlich in den Ozeanen. Abfälle, die sich extrem langsam zersetzen und zur Todesfalle für viele Meeresbewohner werden. Zudem gelangt Mikroplastik in Fische und damit auch in den menschlichen Körper – mit noch ungeklärten Auswirkungen auf unsere Gesundheit. „Dessen sind sich zwar schon viele bewusst“, sagt Chtepa, „aber solange die Reinigung der Meere keinen ökonomischen Gewinn bringt, bewegt sich nichts.“ Also entwickelten Santanderina und Antex mit Seaqual ein einzigartiges Geschäftsmodell, das sich ökologisch und ökonomisch lohnt.

Die Fischer direkt für ihren Müllbeifang zu bezahlen, verstieße gegen das Gesetz. Deshalb unterstützt Seaqual sie beispielsweise bei Reparaturen oder finanziert neue Netze. „Aber auch darüber hinaus haben die Fischer ein starkes wirtschaftliches Interesse an der Idee“, sagt Chtepa. Denn der Müll im Meer ist eine Bedrohung für die Fische. „Der Bestand geht zurück und damit ist die Lebensgrundlage der Fischer in Gefahr“, erklärt Chtepa. Seaqual gibt den Fischern eine Stimme und thematisiert das Problem der Vermüllung der Ozeane auch bei der Regierung. Seaqual wartet jedoch nicht auf neue Gesetze, sondern packt das Thema entschlossen an: Täglich holen die rund 400 Kutter an der nordspanischen Küste etwa eine Tonne Müll aus dem Mittelmeer – Plastik, Glas, Metalle. Jedes Material geht dann in seine eigene Recyclingkette. Der Kunststoff PET, jedem Verbraucher in Flaschenform bekannt, landet in einer im spanischen Girona ansässigen Spinnerei, einem langjährigen Zulieferer von BekaertDeslee.

 

 

Aus dem recycelten und zu Garnen verarbeiteten Ozeanplastik stellt der Haniel- Geschäftsbereich seit März 2019 Matratzenbezugsstoffe her. Eine absolute Neuheit – wobei die Verwendung von Kunststofffasern schon lange üblich ist. „Die Schlafumgebung ist meistens relativ feucht“, erklärt Philip Ghekiere, Marketing und Design Director bei BekaertDeslee. „Deshalb nutzen wir Polyester, das Schweiß nicht aufnimmt, wie es zum Beispiel bei Baumwolle der Fall ist, sondern effektiv verdunsten lässt. Dadurch bleibt die Schlafumgebung trocken.“ Um Polyester herzustellen, wird Erdöl verwendet. Da das nicht besonders nachhaltig ist, setzt BekaertDeslee seit einigen Jahren auch Garne ein, die aus recycelten PET-Flaschen hergestellt werden.


SEAQUAL

beabsichtigt, das Engagement auszuweiten und auch in anderen Regionen Lösungen zur Vermeidung von Müll zu finden. Passgenaue Projekte zum Beispiel in Asien und Afrika, wo es noch kaum funktionierende Recyclingsysteme gibt, sind in Arbeit. Die Säuberung des Mittelmeers und die Kooperation mit der Textilindustrie sind erst der Anfang. Andere Industrien sollen künftig miteinbezogen werden, um die Vermüllung der Ozeane und Strände nachhaltig zu reduzieren. SEAQUAL™ arbeitet mit der in Barcelona sitzenden Stiftung Futureway zusammen. Über das gemeinsame Projekt „Together for a Clean Ocean“ können auch Unternehmen die Initiative unterstützen, die kein Ozeanplastik in ihren Produkten verarbeiten können.


Mit Seaqual geht der Haniel-Geschäftsbereich nun noch einen Schritt weiter: Mindestens 20 Prozent der verwendeten Garne für den Seaqual-Bezug waren mal im Meer treibender Plastikmüll, der Rest stammt aus anderen recycelten PET-Flaschen oder nachwachsenden Rohstoffen wie Lyocell, das aus nachhaltig bewirtschafteten Eukalyptuswäldern gewonnen wird. „Durch den Mindestwert haben wir einen gewissen Spielraum für die einzelnen Märkte. In bestimmten Regionen ist das Umweltbewusstsein ausgeprägter als in anderen. Demnach ist auch die Bereitschaft, für Seaqual mehr zu bezahlen, in einigen Ländern höher als in anderen“, sagt Ghekiere. Erste Marktanalysen und Verbraucherumfragen zeigen: Seaqual hat zum Beispiel in Deutschland ein hohes Potenzial. „Unser Plan, die Mehrkosten, die durch den enorm hohen Aufwand entstehen, ohne Verluste auf alle Beteiligten in der Lieferkette zu verteilen, kann definitiv funktionieren“, so Ghekiere. „Am Ende ist das eine Win-win-Situation, die sowohl wirtschaftlich als auch ökologisch Gewinn bringt.“

Eine Idee schlägt Wellen

BekaertDeslee ist das zweite Unternehmen, das mit Seaqual an die Öffentlichkeit geht, „in den letzten Monaten haben wir aber mit knapp 400 Unternehmen Partnerschaften begonnen“, erläutert Chtepa. Für BekaertDeslee ist mit dem Seaqual-Bezug das Ziel noch nicht erreicht. Seit einigen Jahren nimmt der Geschäftsbereich zum Beispiel am „Eneco Beach Clean Up“ teil. „Wir haben unsere Mitarbeiter dazu aufgerufen, an der belgischen Küste Müll aufzusammeln“, sagt Ghekiere. Die Kollegen in Australien und den USA taten das Gleiche. Ghekiere fasst zusammen: „Wir wollen dazu beitragen, unseren Planeten für die zukünftigen Generationen in einem ökologischen Gleichgewicht zu erhalten. Das ist es, was wir ,enkelfähig‘ nennen.“