Utopie

Teile und smile – So funktioniert sozialer Konsum

Autor: Aileen Singhof |
Foto: Gene Glover
Ein trüber Abend in Duisburg. Bevor der Zug einfährt, noch schnell ein Abstecher zu dm. Eine Flasche Wasser, ein Nussriegel – ach ja, Duschgel für morgen früh wäre auch gut. Ein kleiner Einkauf – hinter dem eine große Idee steckt: Konsum wird sozial. Auch dank der Förderung durch die Haniel Stiftung.

Sozialer Konsum? Klingt erst mal paradox – dass es aber funktioniert, beweist die soziale Marke share. Hygiene, Lebensmittel, Wasser: Mit zehn Produkten in diesen Kategorien ist sie im März 2018 gestartet. Für jedes verkaufte Produkt finanziert share ein gleichwertiges in einem Krisengebiet. Eine Flasche Wasser spendet durch den Bau von Brunnen einen Tag Trinkwasser, ein Nussriegel eine Mahlzeit, ein Duschgel ein Stück Seife. „Wir haben eine optimistische Botschaft: Jeder kann was tun. Aber auch: Jeder muss was tun. Und an die, die es noch nicht tun, wollen wir herantreten und sie in ihrem Alltag, im Supermarkt, erreichen“, erläutert Gründerin Iris Braun. Mittlerweile ist das Sozialunternehmen in acht Ländern aktiv, hat zehn Millionen Produkte verteilt und 35 Produkte im Sortiment – erhältlich in rund 5.000 Läden, unter anderem bei dm und Rewe. Und die Ziele bleiben ambitioniert: „Wir wollen es schaffen, einen Brunnen pro Tag zu bauen. Dazu müssen wir 0,1 Prozent des Wassermarkts abdecken. Zurzeit ist es immerhin mehr als ein Brunnen pro Woche.“


Iris Braun hat in der Entwicklungshilfe gearbeitet, war Beraterin bei der Weltbank und verschiedenen Lebensmittelkonzernen. Jetzt leitet die Entwicklungsökonomin den Bereich Produkt und Soziale Projekte bei share.

 

 


Wie wird man zur Weltverbesserin?

Iris Braun will etwas bewegen – nicht nur Zahlen, sondern Menschen. Dank eines Stipendiums der Deutschen Studienstiftung und der Haniel Stiftung macht sie ihren Master in Entwicklungsökonomie an der Harvard Kennedy School. Beim Welternährungsprogramm der UN lernt sie später Sebastian Stricker kennen, Gründer von ShareTheMeal, der weltweit größten Spenden-App. Obwohl es beide danach in verschiedene Teile der Welt zog, haben sie immer den Kontakt gehalten. Vereint hat sie stets der Drang, gegen die Ungleichheit auf der Welt vorzugehen: „Ich lebe im Überfluss, während nebenan Menschen leiden – dieser Kontrast tut weh“, erzählt Braun. Als es schließlich an die konkrete Planung von share ging, galt die erste Frage dem sozialen Impact. „Erst im zweiten Schritt haben wir uns überlegt, welche Produkte wir anbieten – das ist wohl der ungewöhnlichste Weg, wie je eine Konsumgüterfirma gegründet wurde.“ Das Unternehmen produziert nicht selbst, achtet aber darauf, dass Rohstoffhändler und Hersteller die wichtigen Zertifizierungen besitzen: „Da unser Portfolio diversifiziert ist, kann ich nicht der Weltexperte für jede Zutat sein, aber ich kann sagen: Ich arbeite mit den Weltexperten zusammen.“


Iris Braun im Video-Interview: Von der Stipendiatin zur Sozialunternehmerin


Wem kommt es zugute?

Der eingescannte QR-Code auf dem Produkt leitet auf die Homepage weiter, wo dank eines Track-Codes auf der Verpackung sichtbar wird, was genau die Spende wo auf der Welt bewirkt. In einem Impact-Profil steigen Käufer in höhere „Karma-Level“ auf und können verfolgen, wie viele gute Taten sie mit ihrer sozialen Kaufentscheidung bewirkt haben.

Damit die Hilfe dort ankommt, wo sie am dringendsten gebraucht wird, arbeitet share mit namhaften Organisationen zusammen – wie dem Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen und der Welthungerhilfe. „Die wiederum verknüpfen sich mit lokalen Organisationen“, erläutert Braun. „Da werden ganze Dörfer kartografiert. So können wir gezielt Risikogruppen erreichen wie stillende Mütter und kleine Kinder. Zudem sorgen wir für eine gewisse Nachhaltigkeit – zum Beispiel, indem wir der Gemeinschaft zeigen, wie sie den Brunnen instand halten kann.“ Die Menschen mit Nahrung zu versorgen, ist für Braun der Beitrag zu einer viel größeren Veränderung: „Regelmäßige Mahlzeiten machen ein Kind vielleicht nicht zum Ingenieur – aber wenn es hungert, wird es gar nicht erst zur Schule gehen.“


HANIEL STIFTUNG

Seit 2002 fördert die Haniel Stiftung gemeinsam mit dem McCloy Academic Scholarship Program den transatlantischen Dialog zwischen Amerika und Europa. Die Stipendiaten studieren zwei Jahre an der renommierten Harvard University. Jährlich werden bis zu sechs Stipendien an Studenten aller Fachrichtungen vergeben.


Kann Konsum die Welt verbessern?

Ein Blick auf den Einkaufszettel beweist: Der Einkauf war nicht teurer als sonst – 55 Cent für die Flasche Wasser, 1,55 Euro für den veganen Bio-Nussriegel und 2,95 Euro für das Duschgel.

„Wir sind quasi ein großer 1-Euro-Laden, der spendet. Das ist nur möglich, wenn der Handel uns durch faire Preise unterstützt“, erläutert Braun die Preispolitik von share. „Gewinn machen wir noch nicht, aber Ziel ist es, dieses oder nächstes Jahr dorthin zu kommen.“ Gespart wird vor allem beim Marketing; stattdessen setzen die Macher von share auf Mund-zu-Mund-Propaganda. Und sie haben gute Argumente für ihre Sache: Weltweit leidet jeder neunte Mensch Hunger. Gleichzeitig wird ein Drittel der Nahrungsmittel verschwendet – was die globale Wirtschaft jährlich rund 750 Milliarden USDollar kostet. „Es geht also nicht darum, etwas wegzunehmen, sondern darum, besser zu wirtschaften“, betont Braun und bleibt optimistisch: „Auch wenn es immer wieder Rückschritte in der politischen und wirtschaftlichen Entwicklung gibt, sollte man den Glauben nicht verlieren und weiterkämpfen.“ Dazu gehört auch, dass Braun und ihr Team gute Ideen mit anderen Unternehmern teilen. Als sie im vergangenen Jahr die erste Plastikflasche aus 100 Prozent recyceltem Material auf den Markt brachten, erreichte share eine Welle von Anfragen – von sozialen Startups bis zum Konzern wollten alle wissen, wie das geht. „Da geben wir gerne Auskunft. Es ist schließlich genug Raum für alle da, um die Welt besser zu machen.“