Utopie

Glück auf 2.0

Autor: Sonja Hausmanns |
Foto: Max Brunnert
Kohle wird auf der Zeche Zollverein in Essen zwar schon lange nicht mehr gefördert. Dafür gedeihen hier heute Ideen für den Mittelstand

Ab 1847 fördert der Unternehmer Franz Haniel auf Zollverein im großen Stil die begehrte Fettkohle – Treibstoff für die Industrialisierung des Ruhrgebiets und weit darüber hinaus. Auf der Zeche arbeiten in Hochzeiten 6.000 Menschen, 1987 wird sie stillgelegt. 2001 entwickelt der Architekt Rem Koolhaas einen Plan für die Umgestaltung des Standorts in einen lebendigen Kultur- und Wirtschaftsstandort. Was ist daraus geworden? Ein Gespräch mit Prof. Dr. Hans-Peter Noll, Vorstandsvorsitzender der Stiftung Zollverein, und Susann Kleinhans, Geschäftsführerin des Digital Think-Tanks Schmiede Zollverein.

Herr Noll, Ihr Vorgänger sprach von Zollverein als dem „Davos des Ruhrgebiets“. Ist das auch Ihre Utopie?

[NOLL]: Ich würde sagen, dass Zollverein schon heute viel mehr ist als Davos. Zum Weltwirtschaftsforum kommen Menschen, um zu reden. Hier hingegen haben wir eine Zukunftswerkstatt, in der man Dinge erleben kann. Es passiert etwas. Schon jetzt sitzen hier 53 Betriebe, die etwa 1.300 Menschen beschäftigen. Das wollen wir weiter ausbauen.

Verstellt die allgegenwärtige Kumpelromantik manchmal den Blick auf das Neue?

[NOLL]: Ich komme selbst aus einer Bergbaufamilie; Vater, Onkel und Opa haben unter Tage gearbeitet. Ich bin als Geograf über der Erde geblieben, habe aber an meinem Revers den Förderturm stecken. Das mag man altmodisch finden, ich deute dieses Symbol jedoch um: Dieser Förderturm hat früher Kohle gefördert. Heute fördern wir hier Kreativität, Innovation und Brain. Wir wissen, wo wir herkommen, gleichzeitig richten wir den Blick nach vorne.

[KLEINHANS]: Ich finde die Werte, die hier gelebt wurden, extrem wichtig. Vor allem für mittelständische Unternehmen aus der Region, die wir ansprechen, ist das faszinierend. Da blicke ich in leuchtende Augen und wir sind sofort auf einer sehr bodenständigen und partnerschaftlichen Ebene.

[NOLL]: Diese Geschichte ist einfach unglaublich gut: Da kommt Franz Haniel 1847 als mutiger Unternehmer hierher und verwandelt einen Acker in die Kraftzentrale Europas. Und dass dieses Unternehmen, das inzwischen eine Investmentholding ist, seinen Digital Think-Tank heute wieder auf Zollverein bringt, das ist klasse.

[KLEINHANS]: Und die Geschichte geht ja jetzt weiter: Die Schmiede Zollverein arbeitet – quasi als Ausgründung der Haniel-Digitaleinheit Schacht One – für den Mittelstand an digitalen Projekten.


DIGITALE PIONIERE

Haniel hat 2016 auf Zollverein die Digitaleinheit Schacht One gegründet. Gemeinsam mit den Haniel-Geschäftsbereichen entwickelt Schacht One Ideen für neue oder ergänzende Geschäftsmodelle, die dann in kürzester Zeit zur Marktreife gebracht werden. Zudem berät Schacht One die Unternehmen bei der Entwicklung und Umsetzung ihrer digitalen Agenden. Damit auch externe Unternehmen von der agilen Arbeitsweise und dem breiten Netzwerk profitieren können, hat Schacht One 2018 gemeinsam mit dem Wirtschaftsprüfer ETL die Schmiede Zollverein gegründet. Das Unternehmen stellt in enger Partnerschaft mit Schacht One dem Mittelstand – also auch nicht Haniel-eigenen Unternehmen – Erfahrungen, Methoden und Inhalte zur Verfügung. Haniel-Chef Stephan Gemkow sieht in der Gründung Vorteile für die gesamte Region.


Womit überzeugen Sie Unternehmen, nach Zollverein zu kommen?

[NOLL]: Wir liegen nicht direkt an der Autobahn, man muss also zu uns wollen. Aber ein Unternehmenssitz auf einem Unesco-Welterbe ist ein gutes Argument. Und wie gesagt: Die Magie und die Kraft dieses Ortes ziehen Unternehmen an, die frei denken wollen.

… und die dafür hier das richtige Netzwerk finden?

[KLEINHANS]: Genau. Es gibt zum Beispiel die Seifenfirma Sapor, die wir mit dem Haniel-Geschäftsbereich CWS zusammengebracht haben. Gemeinsam lassen sie den Waschraum der Zukunft entstehen. Und wir haben ein Unternehmen aus Dortmund hierhergeholt, das sich mit Virtual Reality beschäftigt. Ein Thema, das für unsere Kunden extrem spannend ist.

[NOLL]: Am Ende muss das Thema Digitalisierung hier gewissermaßen Partythema sein. Auf Zollverein sollen sich Menschen begegnen, die gleichen Geistes sind. Auf diesem Nährboden können sich Dinge entwickeln und wachsen.

[KLEINHANS]: Genau das ist das Ziel einer neuen Idee, an der wir gerade gemeinsam mit der Stiftung Zollverein arbeiten. Die Halle 2, dort, wo bereits Schacht One und Schmiede ihre Büros haben, soll künftig die Digitalwerkstatt auf Zollverein werden. Auf die Idee haben uns eigentlich die Unternehmen gebracht, mit denen wir zusammenarbeiten. Ihnen bieten wir an, dort zwei, drei Mitarbeiter hinzuschicken, damit sie die Netzwerke und Infrastruktur nutzen können. Aber auch, um mitzubekommen, wie wir arbeiten, und die Inspiration dieses Ortes zu inhalieren – und diese Erfahrungen in ihr Unternehmen zurückzutragen. Da geht es eben nicht darum, aufwendig eine eigene Digitaleinheit zu bilden. Sondern die Firmen können quasi von heute auf morgen ihre Leute zu uns schicken.

[NOLL]: Um auf das Thema „Utopie“ zurückzukommen. Es gibt zweierlei Lesarten: die Utopie als fantastischer Gedanke, der noch nicht Realität geworden ist. Oder als etwas, das man nie erreichen wird. Ich bevorzuge die erste Deutung. Ich bin fest überzeugt, dass wir es schaffen, hier ein Kraftzentrum für Kreativität und Innovation aufzubauen. Und am Ende wird die klare Botschaft sein: Wandel geht!


Kann Zollverein zum Hotspot für Startups & Innovation werden?

Dieser Frage stellt sich Prof. Dr. Hans-Peter Noll im Pottcast. Sein Gesprächspartner ist der Macher, Unternehmer und Podcaster Julian Nöll, der sich auf pottcast.digital jeden Montag mit den Themen Startups, Entrepreneurship und Mindset auseinandersetzt.