Utopie

Meine Steine, meine Scheine, meine Coins

Autor: Philipp Mattheis |
Foto: Christoph Kienzle
Der Hype ist vorbei, aber Bitcoin hat noch immer das Potenzial, unser Finanzsystem zu revolutionieren. Die Zukunft unseres Geldes ist offener, als viele denken

Eines der ungewöhnlichsten Zahlungsmittel gab es auf den Yap-Inseln im Pazifik. Als Geld dienten sogenannte Rai-Steine. Sie hatten einen Durchmesser von bis zu vier Metern und wogen mehrere Tonnen. Auf dem Archipel kommen Steine dieser Art allerdings gar nicht vor. Sie mussten auf beschwerliche Art mit Kanus von den 400 Kilometer entfernten Palau-Inseln herbeigeschafft werden. Und so herrschte eine natürliche Knappheit an Steinen. Man kann sagen, das Steingeld war minimal inflationär, vielleicht sogar deflationär. Schließlich konnte man einen Rai-Stein nicht jeden Tag aus dem Fels schlagen und auf die Yap-Inseln bringen.

Wie aber konnten die Menschen mit einer Währung bezahlen, die mehrere Tonnen wog? Noch dazu in einer Gesellschaft, in der es keine Schrift gab? Durch Konsens. Wechselte einer der Steine den Besitzer, kamen die Bewohner der Insel zusammen und bestätigten gemeinsam die Transaktion, wobei die Steine physisch nicht bewegt wurden. Das System funktionierte wunderbar, bis 1871 ein gewiefter irisch-amerikanischer Kapitän namens O’Keefe nach Yap kam. Mit seinen großen Schiffen brachte er kurzerhand eine Menge runder Steine mit und verursachte damit eine Inflation. Das über Jahrhunderte stabile Wirtschaftssystem der Inseln brach innerhalb weniger Monate zusammen.

Bei der Tulpenmanie wurden Tulpenzwiebeln in den Niederlanden zum begehrten Spekulationsobjekt – bis die Blase 1637 platzte.

 

Das Währungssystem der Yap, erzählt der Autor Saifedean Ammous in seinem Buch „The Bitcoin Standard“, ähnele dem Prinzip der Blockchain und dem aufwendigen Prozess, mit dem Bitcoin- Transaktionen generiert bzw. geschürft werden (vom Englischen to mine: gewinnen, abbauen, fördern). Wie bei den Rai-Steinen bestimmen die Nutzer durch einen Konsens-Mechanismus darüber, wem welcher Bitcoin gehört. Das Buch ist zu einer Bibel der sogenannten Bitcoin-Maximalisten geworden – Puristen, die der Meinung sind, die einzig wirklich funktionierende Anwendungsform der Blockchain-Technologie sei Geld. Geld, das ohne eine Zentralbank auskommt, und das in einer Welt, in der sich die Schuldenspirale immer schneller dreht, eine deflationäre Alternative darstellt. Denn – das zeige die Geschichte der Rai-Steine – Geld muss selten sein, um zu gelten.

Bilden Dollar & Co. die eigentliche Blase?

Wenn das Spiel der Notenbanken mit billigem Geld außer Kontrolle gerät, droht eine Hyperinflation.

Aber stopp: Ist Bitcoin nicht längst tot? Schließlich ist der Kurs der Kryptowährung seit seinem Hoch im Dezember 2017 um rund 80 Prozent gefallen. Heute notiert Bitcoin bei etwa 5.000 US-Dollar. Die Kryptowährung ist aus den Medien weitgehend verschwunden. Vielen gilt sie als Beispiel einer klassischen Spekulationsblase, ähnlich der Tulpenmanie im 17. Jahrhundert in Amsterdam, der Dotcom-Bubble Ende der Neunziger oder der Immobilienkrise 2008. Eine irrationale Übertreibung, bei der Gier den Verstand außer Kraft setzt. Bitcoin ist tot, sagen manche. Zum 349. Mal. Die Seite 99bitcoins.com sammelt in der Presse erschienene Nachrufe. Tatsächlich ist Bitcoin so lebendig wie nie, sagen seine Befürworter.

Was 2017 vor allem boomte und anschließend wieder in sich zusammensackte, waren sogenannte Altcoins – Trittbrettfahrer des Booms, die mit dem ursprünglichen Gedanken der Bitcoins oft nicht viel zu tun hatten. Oft genügte das Wort Blockchain, damit sich ein Coin vervielfachte. Die meisten dieser über 2.000 Kryptowährungen haben bis heute 95 bis 99 Prozent ihres Wertes verloren.

Für Bitcoin-Maximalisten ist nicht nur diese Entwicklung eine Verirrung. Sie gehen noch viel weiter. Das eigentliche Problem sei unser aktuelles Finanzsystem: Die Bilanzsummen der Europäischen Zentralbank und der Federal Reserve Bank haben sich in den vergangenen zehn Jahren vervierfacht, auf über rund vier Billionen Euro bzw. US-Dollar. Mit dieser unvorstellbaren Summe kaufen Zentralbanken unter anderem Staatsanleihen von Regierungen, die sich über alle Maßen verschuldet haben, um viel zu großzügige Wahlversprechen zu realisieren. „Quantitative Easing“ heißt das in der Fachsprache – eigentlich gedacht als kurzfristige Maßnahme nach der Finanzkrise, um eine Rezession zu verhindern.

Egal, ob Dollar, Euro, Yen oder Yuan: Die Zentralbanken dieser Welt fluten die Märkte mit immer neu geschaffenem Geld, das durch extrem niedrige Zinsen schnell in den Wirtschaftskreislauf gelangt. Nicht wenige Experten glauben, dass der nächste Schritt eine Einführung von nominalen Negativzinsen ist. Schließlich haben die Zentralbanken keine anderen Möglichkeiten mehr, auf die nächste Rezession zu reagieren. Geld wird dann auch ganz offiziell weniger wert werden, weil es schlicht zu viel davon gibt. Im Prinzip haben wir heute schon negative Realzinsen, denn die Inflation frisst unsere Ersparnisse schneller, als wir Zinsen bekommen. Negative Nominalzinsen wären nur der nächste logische Schritt.

Mehr Geld im Wirtschaftskreislauf kann mehr Wirtschaftswachstum bedeuten. Steigt die Produktivität dann schneller als die Zinsen, lassen sich die Schuldenberge der Regierungen elegant abbauen. Den Preis dafür zahlen allerdings die Sparer: Ihr Geld wird weniger wert. Und gerät das Spiel mit dem billigen Geld einmal außer Kontrolle, sprich: wächst die Wirtschaft nicht so schnell, wie neues Geld geschaffen wird, droht eine Hyperinflation.
Noch merken die meisten Bürger davon nicht viel. Sie stellen aber fest, dass die Immobilienpreise und Aktienkurse seit der Finanzkrise immer weiter steigen und dass ihr Geld weniger wird, wenn es auf dem Sparbuch liegt. Sind sie Immobilien- oder Aktienbesitzer, freuen sie sich. Viele andere jedoch realisieren, dass es für sie selbst als Doppelverdiener nahezu unmöglich geworden ist, sich ein Eigenheim zu leisten


BLOCKCHAIN

Eine Blockchain ist eine Art nicht veränderbares digitales Journal, das den Verlauf von zum Beispiel Transaktionen aufzeichnet. In der Blockchain wird jeder neue Datensatz (Block) mathematisch von allen an der Blockchain beteiligten Nutzern bestätigt. Er ist mit vorherigen Blöcken untrennbar verbunden (Chain). Weder sein Inhalt noch die Reihenfolge kann verändert werden, wenn er an die Blockchain angehängt wurde. Gespeichert wird eine Blockchain simultan und dezentral auf den Servern bzw. Rechnern der beteiligten Nutzer. Das können wenige ausgewählte (privat) oder auch sehr viele (öffentlich) sein, wie bei der Kryptowährung Bitcoin.


 

Bitcoin: traumhaft oder Albtraum?

Bei Bitcoin soll alles anders sein: Als der mysteriöse Gründer Satoshi Nakamoto vor mehr als zehn Jahren sein Whitepaper veröffentlichte, begrenzte er die maximale Anzahl von Bitcoins auf 21 Millionen. Jede Transaktion, die im Netzwerk stattfindet, muss von den teilnehmenden Nutzern bzw. Rechnern bestätigt werden. Da das viel Energie kostet, gibt es dafür als Belohnung neue Bitcoins. Mit steigender Anzahl aber steigt die Schwierigkeit, neue Bitcoins zu erzeugen. Rund 17 Millionen davon sind gegenwärtig im Umlauf. Der Zusammenhang ist simpel: Wachsende Nachfrage bei begrenztem Angebot führt zu Preissteigerungen.

Während also das von den Zentralbanken geschaffene Geld stetig an Wert verliert, steigt Bitcoin. Deflation siegt über Inflation. Der Algorithmus wacht über allem. Ein Staat, eine Zentral- oder Geschäftsbank ist im Bitcoin-System nicht notwendig. Bitcoin ermöglicht so übrigens auch Menschen in Entwicklungsländern einen Zugang zum Finanzkreislauf. Rund zwei Milliarden Menschen haben momentan kein Bankkonto. Das bedeutet, sie sind auf Bargeld angewiesen und müssen hohe Gebühren zahlen, wenn sie Geld verschicken wollen. Bitcoin – das neue, faire Geld von morgen also?

Absoluter Blödsinn, werfen Kritiker wie der Ökonom Nouriel Roubini ein. Er glaubt, Bitcoin werde früher oder später bei null enden. Er vergleicht die Währung mit einem gigantischen Schneeballsystem, das ein paar Nerds und Betrüger reich mache. Ähnlich äußert sich die globale Finanzelite. Investoren-Legende Warren Buffett sagt, Bitcoin sei ein Schwindel, es fehle der innere Wert der Währung.

Doch die Reihen der Kritiker sind nicht geschlossen. Auch Jamie Dimon, Chef der US-Bank JP Morgan, bezeichnete Bitcoin im Jahr 2017 als betrügerisch. Zwei Jahre später allerdings, im Februar 2019, brachte die Bank eine eigene Blockchain- basierte Währung in Umlauf.
Beim diesjährigen Frühlingstreffen des Internationalen Währungsfonds waren Kryptowährungen ebenfalls ein Thema. Währungsfonds-Chefin Christine Lagarde warnte davor, Bitcoin & Co. könnten „das System ins Wanken bringen“ – eine Warnung, die gleichzeitig ein Ritterschlag für Kryptowährungen ist, zeigt Lagardes Aussage doch, wie ernst sie mittlerweile genommen werden.

Ein neuer, digitaler Goldstandard?

Kryptowährungen als Glücksspiel: Was aus Bitcoin & Co. wird, weiß heute niemand.

Ungeachtet dessen gibt es eine Reihe praktischer Probleme. Als Bitcoin Ende 2017 mit 19.000 US-Dollar seinen bisherigen Höhepunkt erreichte, dauerte es bis zu zehn Minuten, bis eine Bitcoin-Transaktion validiert wurde. Das Netzwerk war verstopft. Doch wer will bei Starbucks zehn Minuten warten, um seinen Kaffee zu bezahlen? Bitcoin ist nicht dazu geeignet, viele Transaktionen zu verarbeiten. Skalierbarkeit heißt das in der Fachsprache. Während das Kryptonetzwerk 4,6 Transaktionen pro Sekunde verarbeiten kann, kommt das Kreditkartensystem Visa auf 1.700.

Abhilfe schafft seit Anfang 2018 das Lightning-Netzwerk. Wer beispielsweise häufig seinen Kaffee im selben Café kauft, eröffnet dort einen Zahlungskanal. Erst nach Ablauf einer Zeitspanne wird dieser geschlossen und die Daten werden in die Blockchain eingespeist. Die Entwicklung steht auch für die Stabilität und Elastizität der Krypto-Enthusiasten: Hinter Bitcoin steht keine Firma und kein Geldgeber. Die dezentrale Kryptowährung ist ein Open-Source-Projekt, das sich ständig wandelt und von der Begeisterung seiner Fans lebt. Aktuell gibt es 32 Millionen Bitcoin-Wallets, also digitale Aufbewahrungsorte für die Währung. Wie viele Teilnehmer dahinterstehen, weiß indes niemand – jeder Nutzer kann mehrere Wallets besitzen. Ungeachtet der Verbesserungen sind diverse Probleme nach wie vor ungelöst: Eine Bitcoin-Transaktion verbraucht das Zehnfache an Energie einer Visa-Transaktion. Immer mehr Rechenpower müssen die User aufwenden, damit sie um neue Bitcoins konkurrieren können. Dabei lösen sie mathematische Aufgaben und nehmen an einer Art Lotterie teil. In Spitzenzeiten verbrauchte das Netzwerk so viel Energie wie der Staat Griechenland.

Buchautor Ammous vergleicht Bitcoin auch deswegen weniger mit dem Geld der Zukunft als mit „digitalem Gold“. Ihm schwebt ein globaler „Bitcoin-Standard“ vor – ähnlich dem Goldstandard im 19. Jahrhundert. Bis zum Ersten Weltkrieg waren die Währungen der meisten Staaten mit Gold gedeckt. Wenn eine Zentralbank mehr Geld in Umlauf bringen wollte, musste sie auch mehr Gold einlagern, und das ging nur, indem das Land wettbewerbsfähiger wurde und mehr Waren produzierte. Hohe Staatsschulden und eine absichtlich herbeigeführte Inflation konnten nicht entstehen. Laut Ammous sei das 19. Jahrhundert eine der prosperierendsten und gleichzeitig stabilsten Epochen der Menschheitsgeschichte gewesen. Darüber lässt sich streiten. Fakt ist, dass der Goldstandard mit Ausbruch des Ersten Weltkriegs endete. Um die gewaltigen Materialschlachten zu finanzieren, gaben alle kriegführenden Parteien die Bindung auf und verschuldeten sich. Die Folge war die Hyperinflation der 20er Jahre – und die spätere Weltwirtschaftskrise, die bekanntlich zum Erstarken erzradikaler politischer Kräfte führte.

Bitcoin hat das Zeug dazu, unser „digitales Gold“ zu werden. Eine ultraharte Währung, die stetig an Wert zunehmen wird, während alle anderen, Dollar, Euro und Yen, an Wert verlieren. Banken, Hedgefonds, ja sogar Zentralbanken würden sich früher oder später Bitcoin in ihr Portfolio legen, um an den Kurssteigerungen teilzuhaben, was den Preis weiter in die Höhe treiben wird. Noch ist das Zukunftsmusik. Die Marktkapitalisierung von Bitcoin lag Mitte April 2019 bei 90 Milliarden US-Dollar. Zum Vergleich: Das Unternehmen Amazon ist zehnmal so viel wert, physisches Gold fast hundertmal. Bis zum Gold der Zukunft ist es ein weiter Weg.


BITCOIN

Wann immer bei Bitcoin eine Transaktion stattfindet, muss diese von allen Teilnehmern der Blockchain bestätigt werden. Ist das geschehen, wird der Blockchain ein neues Element hinzugefügt. Dieses Konsens-Prinzip macht die Blockchain fälschungssicher und weitgehend irreversibel. Eine zentrale Institution, die die Zahlungen überwacht, ist überflüssig. Damit die Teilnehmer des Netzwerks ihre Rechenpower zur Verfügung stellen, gibt es ein Belohnungssystem. Wer Rechenaufgaben löst („proof of work“-Konzept), erhält neue Bitcoins. Der Schwierigkeitsgrad dieser Aufgaben aber steigt mit der Zeit an, weshalb es immer länger dauert, neue Bitcoins zu schürfen. Ein Algorithmus hat die maximale Anzahl auf 21 Millionen begrenzt.