Wachstum

Beete in Beton

Autor: Christian Thiele |
Foto: Sabrina Müller (Illustration)
Die Urban-Farming-Bewegung will neues Wachstum in die Städte bringen. Fünf Dinge, die Sie über das Stadtgemüsetum wissen sollten.

Urban Farming gab’s schon immer

Der König der Babylonier ließ im achten Jahrhundert vor Christus aus Liebe zu seiner Frau Semiramis einen riesigen Terrassengarten mit Bäumen, Sträuchern, Blumen anlegen – mitten in der Stadt, bewässert durch Kanäle bis zum Euphrat. Das ist zumindest die Legende. Die Forschung streitet sich heute, ob diese Hängenden Gärten der Semiramis wirklich für Semiramis gedacht waren oder erst ein paar Jahrhunderte später entstanden. Jedenfalls fanden Archäologen bei Ausgrabungen Brunnenanlagen, Reste von Gießkannen und Pflanzentöpfe. Nicht ganz so alt: die Chinampas, die schwimmenden Beete der Azteken, angelegt ab 1150 in den rapide wachsenden aztekischen Stadtstaaten in Zentralmexiko auf Schilf-Floßen. Geerntet wurde bis zu vier Mal im Jahr. Die Aztekenhauptstadt Tenochtitlán, schätzen Forscher, baute sich auf den Chinampas zwei Drittel ihres Nahrungsmittelbedarfs an. Ein paar dieser schwimmenden Gärten werden heute noch genutzt.
Beete ab an die Heimatfront: Das war die Devise hinter den US-amerikanischen Victory Gardens im Zweiten Weltkrieg. Die Regierung forderte und förderte den Anbau von Karotten, Kartoffeln und Spinat. Am Ende des Krieges ernährte sich die US-Bevölkerung zu 40 Prozent aus den eigenen Garten-, Terrassen- und Balkonbeeten. Der Effekt: Das Nahrungsmittelangebot wurde größer, die Verpflegung der Truppen im Kampf gegen Nazideutschland billiger.

Urban Farming im boomenden Süden …

Huhn

 

50% der städtischen Fläche in Kampala, Uganda, ist für die Landwirtschaft reserviert. 70 Prozent des Bedarfs an Geflügelfleisch und Eiern werden innerhalb der Stadt gedeckt.

60% des Gemüsebedarfs in Dakar, Senegal, wird innerhalb der Stadtgrenzen angebaut

70% des durchschnittlichen Familienhaushaltseinkommens in Schwellenländern wird für Ernährung ausgegeben – sieben Mal so viel wie in Deutschland

80% der Familien in vielen Städten Asiens produzieren einen Teil ihrer eigenen Ernährung

800 Mio.  Menschen weltweit sind aktive Stadtfarmer

4 MRD. Menschen werden 2015 in Städten leben – zwei Milliarden waren es noch 1995

… und im schrumpfenden Norden

Detroit ist vielleicht das beste Beispiel: zwei Millionen Menschen lebten dort zur Hochzeit des Automobilbaus – heute sind es weniger als die Hälfte. Mikrofarmer auf allen Erdteilen beweisen das. Dickson Despommier von der Columbia University hingegen ist der wohl bekannteste Befürworter der Hightechvariante des Urban Farming: Er träumt von 30-stöckigen Vertikalfarmen inmitten der Großstädte. Unter LED-Lampen, in künstlicher Nährlösung und damit unabhängig von Sonne, Wind und Wetter sollen so Megastädte ihren eigenen Lebensmittelbedarf decken können. Die dafür nötige Energie soll aus der Aufbereitung der Abfälle entstehen. Geht es nach der Abschlussresolution des 36. Zionistischen Weltkongresses im vergangenen Jahr, dann muss die erste vertikale Farm in Israel gebaut werden. Nur, wo die schätzungsweise 100 Millionen Dollar herkommen, ist noch nicht abschließend geklärt.

Hightechmethoden und Lowtechverfahren

Bananenstauden, die in alten Ölfässern wachsen, Tomatenbeete in Zementsäcken, Dünger aus dem eigenen Hühnerstall: Urbanes Gärtnern funktioniert auch mit Lowtechverfahren. Mikrofarmer auf allen Erdteilen beweisen das. Dickson Despommier von der Columbia University hingegen ist der wohl bekannteste Befürworter der Hightechvariante des Urban Farming: Er träumt von 30-stöckigen Vertikalfarmen inmitten der Großstädte. Unter LED-Lampen, in künstlicher Nährlösung und damit unabhängig von Sonne, Wind und Wetter sollen so Megastädte ihren eigenen Lebensmittelbedarf decken können. Die dafür nötige Energie soll aus der Aufbereitung der Abfälle entstehen. Geht es nach der Abschlussresolution des 36. Zionistischen Weltkongresses im vergangenen Jahr, dann muss die erste vertikale Farm in Israel gebaut werden. Nur, wo die schätzungsweise 100 Millionen Dollar herkommen, ist noch nicht abschließend geklärt.

Fische aus Wolkenkratzern

Wenn der Kartoffelacker auf dem Dach die Gegenwart ist, dann ist das dazugehörige Fischbecken die Zukunft. Zum Beispiel Basel: Auf dem Dach eines ehemaligen Lokschuppens werden ab Frühjahr 2012 Forellen und Welse gezüchtet. Die Nährstoffe aus der Fischfarm sollen die Gemüsebeete nebenan düngen. Die Pflanzen filtern im Gegenzug das Wasser, sodass es wieder in die künstlichen Fischteiche geleitet werden kann. Pflanzenschutzmittel, Unkrautbekämpfer: alles unnötig. Die Vorreiter dieser Fischereikultur: Barbados und andere Karibikinseln; Bangladesch als eines der dichtestbesiedelten Länder der Erde. Auch die vietnamesischen Fischerfamilien im Golf von Mexiko, die durch die Deepwater-Horizon-Ölkatastrophe von 2010 ihre Einkommensquelle verloren haben, lassen sich in der Kunst der Hinterhof-Fischzucht unterweisen. Wenn die Sache funktioniert, kommen sie vielleicht künftig ganz ohne Angel aus.