Wachstum

Die zerstörerische Gier nach mehr

Autor: Vandana Shiva |
Foto: Laif/Walczak, Daniel Stolle (Illustration)
40 Jahre nach dem Report „Die Grenzen des Wachstums“ hat die Menschheit ihre Lektionen immer noch nicht gelernt.

Wachstum ohne Grenzen ist zum beherrschenden Paradigma unserer Zeit geworden. Wachstum ohne Grenzen ist auf einem begrenzten Planeten eine ökologische Unmöglichkeit. Es lässt sich nur für kurze Zeit und auf nicht nachhaltige Weise erzielen, und der Preis, den wir dafür zahlen, ist enorm hoch: das Verschwinden von Arten und Biodiversität, Klimadestabilisierung, Verschmutzung und immer knapper werdende Wasserressourcen sind nur einige Beispiele. Der Bericht „Die Grenzen des Wachstums“ (1972) im Auftrag des Club of Rome versuchte uns seinerzeit hiervor zu warnen.

Grenzenloses Wachstum ist außerdem unvereinbar mit den Grenzen von Gerechtigkeit und Gleichheit, sowohl innerhalb unserer Generation als zwischen uns und künftigen Generationen. Wer den Naturreichtum derart ausbeutet, dass die Natur nicht mehr in der Lage ist, sich selbst zu erneuern, beschlagnahmt Ressourcen, auf die künftige Generationen Anrechte haben. Wer Samen patentiert, ob gentechnologisch oder traditionell erzeugt, schafft Wachstum für den Patenthalter. Doch die Landwirte werden dadurch ärmer. In Indien ist das im Zusammenhang mit Baumwollsamen passiert. Samenmonopole haben die Landwirte in einer Schuldenfalle gefangen, welche 250 000 von ihnen in den letzten 15 Jahren in den Selbstmord trieb.

Wer Wasser privatisiert, schafft „Wachstum“ für die Wassergesellschaften. Im Falle des Dorfs Plachimada im indischen Bundesstaat Kerala hat die Ausbeutung des Grundwassers dazu geführt, dass die Frauen ohne Wasser dastanden. Der massive Landraub in Indien und Afrika lohnt sich für die Investoren, aber er enteignet Kleinbauern und gefährdet die Nahrungsmittelversorgung.

Grenzenloses Wachstum ist unvereinbar mit den Prinzipien von Nachhaltigkeit und Gerechtigkeit. Ohnehin ist „Wachstum“, egal ob nun als Bruttonationaleinkommen (BNE) oder als Bruttosozialprodukt (BSP) gemessen, ein unzuverlässiger Maßstab für Gesundheit und Wohlbefinden des Planeten und der Bevölkerung. Unzuverlässig, da es nur das Wachstum von Geld meint. Das Geld kann sich mehren, wenn Wälder und Böden zerstört werden. Es kann sich mehren, wenn eine Landwirtschaft, die Nahrung und Lebensmittel produziert, verwandelt wird in kommerzielle Monokulturen, die Waren produzieren. Es kann sich mehren, indem es die Gesundheit der Menschen zerstört. Es kann sich mehren, indem es lokale Wirtschaftskreisläufe und Kulturen zerstört. Es kann sich mehren durch Spekulationen und Glücksspiele im globalen Kasino. Angesichts von drei Billionen Dollar, die täglich in der Welt zirkulieren – 70 Mal mehr als der Wert der realen Waren und Dienstleistungen – ist Wachstum eine Fiktion, losgelöst von der Realität. Mit der tatsächlichen wirtschaftlichen Lage, wie sie den Alltag der Menschen prägt, hat es gar nichts zu tun. Der Börsenkollaps, der 2008 von der Wall Street ausging, hat gezeigt: Dieses Wachstumsmodell führt nicht zu Wohlstand, sondern zu Krisen.

Aus diesem Grund wird überall auf der Welt über die Neudefinition von Wachstum nachgedacht. Die Regierung von Bhutan hat BNE und BSP ersetzt durch den Begriff „Bruttoglücksprodukt“, BGP (Gross National Happiness, GNH). Ich arbeite gemeinsam mit der Regierung von Bhutan daran, organische Anbaumethoden als Strategie zum „Wachstum von Glück“ zu propagieren.

Navdanja, eine von mir in Indien gegründete Bewegung, setzt auf Diversität als Weg zu mehr Nahrung. Wir schaffen Gesundheit pro Hektar, nicht in Monokulturen produzierte Waren pro Hektar. Wir schaffen Reichtum pro Hektar, echten Reichtum, der auf Wohlstand und Wohlbefinden basiert, auf gesunden Böden, Artenvielfalt, gesunden Gemeinschaften und einer gesunden Zukunft.
Wir schaffen lebendige Wirtschaften, Demokratien, Kulturen. Wir schaffen Leben, für das Heute und für das Morgen. Unsere politischen Systeme beschränken sich auf einen Zeitrahmen von vier bis fünf Jahren, vorgegeben durch Wahlen. Großunternehmen beschränken sich auf Quartalszahlen. Die Finanzwelt wettet auf Risiken, bei denen es oft nur um Sekunden geht. Dieser ständig schrumpfende Zeitrahmen wird zu einer Bedrohung für unsere Zukunft. Für dauerhafte Gesellschaften und Zivilisationen wie die der Inder und Indianer galt immer die siebte Generation als Maßstab für Erfolg. Wir müssen künftigen Generationen eine bessere Welt hinterlassen. Dies ist ein ethischer, ökologischer, sozialer und politischer Imperativ. Und es ist zu einem Überlebensimperativ die Gattung Mensch geworden.


01121834.000000Vandana Shiva ist Quantenphysikerin. Sie stammt aus dem nordindischen Dehradun und hat sich mit ihren zahlreichen Büchern, Vorträgen und Initiativen vor allem für die ökonomischen, sozialen und ökologischen Belange von Frauen in Entwicklungs- und Schwellenländern eingesetzt. Dafür wurde ihr 1993 der Alternative Nobelpreis zugesprochen. Sie ist Mitglied des Club of Rome und berät die Regierung von Bhutan, das als erstes Land ein sogenanntes 100-Prozent-Bio-Land werden will.