Wachstum

Künftige Größen

Autor: Stefan Wagstyl |
Foto: Mario Wagner (Illustration)
Die Weltwirtschaft wird ihre Impulse künftig nicht mehr aus dem Westen bekommen und auch nicht nur aus den BRIC-Staaten. Sondern aus Ländern wie Mexiko, Vietnam oder Polen.

Die Platzhirsche in der Weltwirtschaft bekommen Herausforderer: Seit 2000 ist der Anteil der Emerging Markets an der weltweiten Produktionsmenge von 37 Prozent auf 50 Prozent, ihre Rolle im internationalen Handel von 20 Prozent auf fast 35 Prozent und ihr Anteil an der weltweiten Aktienmarktkapitalisierung von unter fünf Prozent auf 15 Prozent gestiegen. Begleitet wird der Aufstieg der Schwellenländer von dem wachsenden Erfolg ihrer Unternehmen. Im Vorfeld der Krise von 2008 waren in den Financial Times Global 500 68 Unternehmen aus Emerging Markets vertreten – letztes Jahr waren es 117.

In manchen Sektoren sind Emerging- Markets-Konzerne bereits an die Weltspitze vorgedrungen. Im Bauwesen beispielsweise haben chinesische Gruppen die Umsätze der amerikanischen Konkurrenz 2010 überholt – und werden diese Position Prognosen zufolge noch Jahre halten können.

Bis 2050 dürften die fünf Topwirtschaften der Reihenfolge nach sein: China, Indien, USA, Brasilien und Russland. Es sind in erster Linie die europäischen Länder, die auf die hinteren Plätze rutschen.

Der Hauptmotor für das Wachstum in den Schwellenländern ist das Streben nach technologischem Anschluss. Justin Lifu Lin, Chefökonom der Weltbank, argumentiert in einem Bericht von letztem November, China hinke trotz einer Wachstumsrate von jährlich fast zehn Prozent über die letzten 30 Jahren aus technologischer Sicht nach wie vor so weit hinter dem Westen und Japan her, dass es auf Jahrzehnte wachsen können werde. Laut Lin war die Kluft zwischen den USA und China 2008 ähnlich jener zwischen den USA und Japan im Jahr 1951 und jener zu Taiwan 1975 und zu Korea 1977. All diesen Ländern gelang es, in den darauffolgenden zwei Jahrzehnten jährlich im Durchschnitt um 7,5 bis 9 Prozent zu wachsen. Lin schreibt: „Es besteht wenig Zweifel, dass im 21. Jahrhundert multipolares Wachstum die globale Wirtschaft kennzeichnen wird, und die Zentren dieses Wachstums werden die Emerging Markets sein.“

Wenn das stimmt, werden sich China neue Konkurrenten an die Fersen heften, aus jenen Ländern nämlich, die technologisch gesehen noch mehr Aufholbedarf haben und in denen die Einkommen noch geringer sind. Tatsächlich passiert das bereits. Die Schweizer Bank UBS hat ausgerechnet, dass Chinas Anteil an den US-Importen von Leichterzeugnissen wie Bekleidung und Schuhen seit 2008 rückläufig und inzwischen unter 50 Prozent gesunken ist. Davon profitieren unter anderem Bangladesch, die Türkei, Indonesien und Mexiko.

Auch wenn das übertrieben optimistisch und automatistisch klingen mag, chinesische Experten behaupten, China habe die Geschichte auf seiner Seite. Die Welt werde einfach zu jenem Gleichgewicht zurückkehren, das vor der industriellen Revolution herrschte, als die reicheren Regionen Chinas und Indiens vom

Wohlstand her mit dem europäischen Westen vergleichbar waren. Doch die Herausforderungen bleiben gewaltig: Es geht darum, das Ansteigen der Rohstoffpreise zu managen, die manchen Emerging Markets nutzen und andere bestrafen; die Inflation zu begrenzen, oftmals geboren aus überhastigen, von Krediten angefachten Konsumausgaben, wenn Politiker die Früchte des Wachstums verteilen, noch ehe sie geerntet wurden; die Regierungs- und Unternehmensführung zu verbessern; und darum, die Auswirkungen der Modernisierung auf die Umwelt zu begrenzen.

Selbst Länder, die kurz vor dem Sprung in die reiche Welt zu sein scheinen, können vom Weg abkommen. Viele tappen in die sogenannte „Falle der mittleren Einkommen“, die über Ländern zuschnappt, die ein Pro-Kopf-Jahreseinkommen von 8500 bis 18 500 US-Dollar (USD) erreichen. Was die Lohnkosten betrifft, sind sie nicht länger konkurrenzfähig, andererseits können sie noch nicht die Produkte mit hoher Wertschöpfung vorweisen, über die der Westen und Japan bereits verfügen.

Mit 8400, 11 800 und 16 700 USD (IMFZahlen, 2011) fallen China, Brasilien und Russland in diese gefährdete Kategorie. Indien hat dagegen mit 3100 USD noch viel Spielraum. Die Schwellenländer, die nach allgemeiner Einschätzung den Sprung geschafft haben, sind die ostasiatischen „Tigerstaaten“, angeführt von Südkorea (31 700 USD).

Allerdings wird sich der globale Fortschritt nicht überall gleich manifestieren. Es wird Gewinner und Verlierer geben. Schon die BRIC-Staaten selbst zeigen tief greifende Unterschiede. China ist ein kommunistischer Staat, seine dynamische kapitalistische Wirtschaft ist in erster Linie auf Produktion fokussiert. Die Beispiele der ostasiatischen Tiger verfolgt China genau, es geht aber seinen eigenen Weg.

Russland ist ein autoritäres Land und abhängig von Rohstoffen. Anders als in den anderen BRIC-Staaten mit ihren jugendlichen Millionen ist die Bevölkerung vergleichsweise alt und kränkelnd und der Alkoholismus ein ernstes Problem.
Brasilien hat sich in den letzten zehn Jahren ebenfalls stark auf den Export seiner natürlichen Ressourcen verlassen und dabei auf eine Kombination von staatlich kontrollierten Unternehmen und Privatunternehmen gesetzt. Aber in dem demokratischen System haben die Regierungen mit leichterer Hand als in Russland eingegriffen, Unternehmern und Investoren aus dem Ausland dadurch mehr Freiraum gelassen.

Indien ist mit Abstand der ärmste BRIC-Staat und ein Spätentwickler, der erst im letzten Jahrzehnt ein schnelles Wachstum hervorgebracht hat. Demokratie und Liberalisierung der Wirtschaft haben zwar viele Möglichkeiten geschaffen. Aber schwerfällige Regelungen bleiben bestehen, die den Fortschritt bremsen.

Bei den anderen Emerging Markets klafft die Schere noch weiter auseinander. Vietnam etwa versucht Chinas Modell des Kommunismus mit kapitalistischer Wirtschaft nachzuahmen, aber unkontrolliertes Wachstum hat zu einer hohen Inflationsrate – 16 Prozent laut jüngsten Zahlen (Februar) – und übertriebenen Investitionen in Prestigeprojekte geführt. In Südamerika sind zu hohe Ausgaben und zu hohe Verschuldung ein konstantes Problem für Argentinien, einst eines der zehn reichsten Ländern der Welt und nun etwa auf Platz 50.

In Mitteleuropa entwickelt sich das wirtschaftliche Niveau von Ländern, die vor zwei Jahrzehnten mit einem gemeinsamen kommunistischen Erbe gestartet sind, zunehmend auseinander. Polen wächst schneller als jedes andere EU-Land, während Ungarn den Internationalen Währungsfonds um Unterstützung gebeten hat.

Politik und Wirtschaft spielen eine Schlüsselrolle bei der Entwicklung. Tendenziell werden Länder demokratischer, wenn sie reicher werden. In dem US-Forschungsprojekt Polity wurden über 100 Staaten betrachtet und keine Fälle von Demokratien gefunden, die in eine nicht demokratische Regierungsform kollabierten, nachdem ein Pro-Kopf-Jahreseinkommen von 10 000 USD erreicht war.

Ab diesem Einkommenslevel gibt es nur wenige Länder, die autoritär bleiben. Die großen Ausnahmen sind die Öl exportierenden Länder, vor allem in Nahost, in denen Autokratien auch bei Pro-Kopf-Jahreseinkommen von über 19 000 USD überleben. Diese Länder sind reich genug, um drohende Proteste mit extravaganten Sozialausgaben im Keim zu ersticken.

Was bedeutet das für die Investoren, speziell für Portfolio-Investoren aus dem Ausland? Nicht das, wonach es zunächst aussehen mag. Eine langfristig angelegte Investition in russisches Aktienkapital, seit 1995, hätte spektakuläre Gewinne gebracht – und das, obwohl zwei Crashes 80 Prozent des Marktwerts in USD vernichtet haben. 100 USD, 1995 angelegt, wären letztes Jahr 800 USD wert gewesen. Brasilien und Indien hätten 363 beziehungsweise 263 USD erzielt. Aber in China hätten 100 USD nur 48 Cent verdient. Dieselben 100 USD, in Aktien eines US-amerikanischen Unternehmens der S&P 500 investiert, hätten 265 USD gebracht.

Wie die Tabelle (oben) zeigt, hat speziell in China das BIP-Wachstum die Aktienmarktrenditen weit hinter sich gelassen. Ein Hauptgrund hierfür ist die Tatsache, dass die Aktien mit hoher Marktkapitalisierung, die die Emerging Markets dominieren, oftmals staatskontrolliert sind. Die Aktionäre haben bei diesen Unternehmen keine Priorität – zuerst müssen von der Regierung gesetzte Ziele für Projektinvestitionen, Arbeitsbeschaffung und soziale Unterstützungsmaßnahmen erfüllt werden. Spitzenposten werden häufig nach politischer Gunst vergeben, nicht nach Qualifikation.

Hinzu kommt, dass in den letzten zehn Jahren Emerging-Markets-Aktien nicht mehr unbedingt als billig angesehen werden können, wenn man das Kurs-Gewinn-Verhältnis betrachtet. Der „Rabatt“ für die reiche Welt hat sich weitgehend erschöpft.
Trotzdem bietet das wirtschaftliche Potenzial der Emerging Markets auch weiterhin große Chancen. Das A und O liegt dabei in einer überlegten Auswahl der Aktien.

Wie die US-Investitionsfirma Blackrock letztes Jahr in einem Bericht schrieb: „Entscheidend aus der Perspektive des Aktienkapitals ist es, innerhalb der Emerging Markets Unternehmen – nicht Länder – zu finden, die nachhaltige Erträge gewähren.“
Leichter gesagt als getan, erst recht, wenn andere dasselbe tun. In einer aktuellen Studie kommt Martijn Cremers von der Yale School of Management zu der Schlussfolgerung, dass eine Gruppe von Unternehmen besonders gut abgeschnitten hat – die lokalen Niederlassungen multinationaler Konzerne aus dem Westen. Ein in diese 92 Tochtergesellschaften investierter US-Dollar wäre demnach zwischen Juni 1998 und Juni 2011 auf 23,03 USD gewachsen, verglichen mit 8,92 USD für eine Investition in ihre lokalen Aktienmärkte. Ein Portfolio der Muttergesellschaften hätte dagegen nur 4,15 USD erzielt. Aber nun ist diese Geschichte auf dem Markt. Zeit, sich nach einer neuen umzusehen.