Wachstum

Pilz statt Pille

Autor: Steffen Möller |
Foto: Frank von Grafenstein (Illustration)
Auch wenn Polen diesen Sommer die Fussball-EM zu Gast hat: Eigentlich sucht das Land seine Wachstumsstrategie im Wald.

Alle Staaten dieser Welt sind stolz auf irgendeine Art von Wachstum. Früher ging es um territoriales Wachstum, doch seit es dafür sofort UN-Resolutionen hagelt, ist an diese Stelle der Stolz auf demografische oder wirtschaftliche Expansion getreten – und natürlich auf sportliche Erfolge. Das bundesdeutsche Wirtschaftswunder der Nachkriegszeit schien seine Krönung im Weltmeistertitel 1954 zu finden, und auch die deutsch-deutsche Vereinigung 1990 ging quasi logisch mit dem Gewinn des Weltmeistertitels einher.

Doch was tun, wenn die Wirtschaft wächst, die sportlichen Erfolge aber ausbleiben? Europaweit am stärksten klafft diese Schere derzeit wohl in Polen auseinander. Das Land, das stetiges Wachstum wie sonst nur die Türkei vorweisen kann und im Weltkrisenjahr 2009 das einzige EU-Land mit positiven Zahlen war, ist im Fußball auf Platz 70 der Weltrangliste abgerutscht. Die Katastrophe ist umso größer, als Polen im Sommer zusammen mit der Ukraine die Fußballeuropameisterschaft ausrichtet. Sollen etwa all die schönen Stadien in Danzig, Breslau, Warschau und Posen, die mehrere Milliarden Euro gekostet haben, am Ende für einen Triumph der deutschen Mannschaft gebaut worden sein? Besonders schmerzhaft ist das alles, da Polen eigentlich auf eine ruhmreiche Vergangenheit zurückblicken kann. Zwei Mal belegte das Land bei Weltmeisterschaften den dritten Rang. Leider war dies allerdings 1974 und 1982 der Fall, also zu kommunistischen Zeiten. Anschließend kam gar nichts mehr. Seit 1997 hat kein polnischer Verein mehr die Endrunde der Champions League erreicht; bei der EM 2008 schoss die polnische Mannschaft ein einziges Törchen, für die WM 2010 war sie nicht mal qualifiziert.

Wollte man dies alles mit deutscher Logik interpretieren, käme man zu dem fatalen Schluss, dass Demokratie und Wachstum den Polen im fußballerischen Sinn nur geschadet haben. Wie müsste also ein Denkmodell aussehen, das den Polen wieder Lust auf ihre EM macht? Vielleicht lässt es sich im eigentlichen polnischen Nationalsport finden, dem Pilzesammeln. In einer polnischen Firma wird am Montagmorgen nicht über Fußball gefachsimpelt, sondern über die Pilzfunde vom Wochenende. Wehe, man streift zwischen Juni und September nicht mit einem Weidenkörbchen durch die Wälder! Man gilt dann als so asozial wie ein Deutscher, der während des WM-Finales einen portugiesischen Schwarz-Weiß-Film guckt.

Womit hat die polnische Pilzepopularität zu tun? Womöglich damit, dass es immer noch einige arme Leute gibt, die ihren Lebensunterhalt mithilfe der kostenlosen (und steuerbefreiten) Waldprodukte bestreiten? Nein, das wäre zu simpel. Denn auch in Deutschland gibt es arme Leute. Warum rennen die nicht massenweise durch die Wälder? Ganz einfach deswegen, weil Pilze nicht zur deutschen Mentalität passen. Sie lassen sich, bis auf Ausnahmen, nicht künstlich anpflanzen – uninteressant für das Land der Planungsfetischisten. Für Pilze können sich nur Improvisationskünstler begeistern, die nach einem Juli-Regenguss neugierig in den Wald stürmen. Ein Deutscher jätet lieber monatelang seinen Garten und weiß dafür dann auch exakt, wo und wann die Radieschen wachsen werden.

Das deutsche Modell ist ja ohnehin sehr fragwürdig: War etwa der Erfolg Griechenlands bei der EM 2004 ein Indiz für nachhaltiges wirtschaftliches Wachstum? Ist Spanien Weltranglistenerster, weil es einen so soliden Staatshaushalt hat? Die Polen sind also nicht schlecht beraten, wenn sie der EM entspannt entgegensehen. Und sich im Zweifelsfall an ihre Pilze halten. Da ist Wachstum garantiert.


Steffen Möller lebt als Kabarettist und Schauspieler in Polen. Der Deutsche zählt zu den bekanntesten Fernsehstars im Nachbarland. In diesen Tagen erscheint sein neues Buch „Expedition zu den Polen – eine Reise von Berlin nach Warschau“ (Malik Verlag, 14,90 Euro).