Wachstum

Zündung!!!

Autor: Martina Ostermeier |
Foto: Albrecht Fuchs, Frank von Grafenstein (Illustration)
Den entscheidenden Schritt nach vorn machen wir selten allein. Eine Studentin und ein Schüler erzählen, was sie mithilfe der Haniel Stiftung in den vergangenen Jahren erlebt und erreicht haben.

„Ich habe ein Ziel: einen Ausbildungsplatz“

Metehan Yetüt

Metehan Yetüt

Sommer 2009: Metehan Yetüt ist 15 Jahre alt und dennoch erst in der achten Klasse. Schon in der Grundschule ist er sitzengeblieben, seinen Schulabschluss hat er längst abgeschrieben. Doch irgendwann macht es „klick“. Und genau im richtigen Moment startet an seiner Schule in Duisburg Ruhrort das Aletta-Haniel-Programm. Es hilft Schülern von der achten bis zur zehnten Klasse dabei, einen Abschluss zu machen, der ihnen den Einstieg ins Berufsleben erleichtert. Metehan Yetüt ergreift diese Chance und hat damit seine Schullaufbahn verändert – vielleicht auch sein Leben.

Bei mir gingen die Probleme schon in der Grundschule los. Ich habe viel Mist gemacht, bin mit meinen Freunden rumgehangen, statt zum Unterricht zu gehen – als ich auf die Gesamtschule kam, wurde es nicht besser. Irgendwann war mir klar: So geht’s nicht weiter; da habe ich angefangen zu lernen und mich für das Aletta- Programm beworben. Warum? Ich bin reifer geworden. Dass ich reif wirke, sagen übrigens auch die anderen Aletta-Schüler. Und dass ich ein Vorbild bin und weiß, worauf es ankommt. Deshalb haben sie mich zu ihrem Sprecher gewählt. Darauf bin ich sehr stolz. Ich glaube, sie mögen mich einfach.

Seit ich bei dem Programm mitmache, gehe ich freitags immer zum Förderunterricht. Dort helfen uns Studenten in den Fächern Deutsch, Englisch und Mathe. Toll ist, dass ich selber entscheiden kann, wo ich gerade Unterstützung brauche. Das motiviert. Aber es geht nicht nur um Schule. Wir unternehmen auch ganz viel miteinander: Kino, Eis essen und so. Einmal waren wir Kanu fahren. Das hatte ich noch nie gemacht. Heute, in der zehnten Klasse, sind meine Noten viel besser, und ich habe ein klares Ziel vor Augen: Ich will meinen Abschluss machen und dann eine Ausbildung anfangen, am liebsten als Automobilkaufmann. Zurzeit mache ich ein Praktikum in einem Autohaus. Bei der Suche hat mir unsere Aletta-Betreuerin Frau van Uden geholfen. Wie man eine Bewerbung schreibt und worauf es sonst ankommt, haben wir in Berufs-Orientierungs-Camps gelernt. Dafür sind wir jedes Jahr eine Woche in eine Jugendherberge gefahren, insgesamt dreimal. Dort gibt es nicht nur Theorie, sondern wir probieren ganz viel aus. Zum Beispiel haben wir in Rollenspielen Bewerbungsgespräche geübt. Beim letzten Camp hieß das Motto „Benimm ist in“. Zum Abschluss hat uns Frau van Uden mit einem Galadinner überrascht. Richtig mit Schick-Anziehen und fein gedeckter Tafel.

Wie es jetzt weitergeht? Ich hoffe, dass ich einen Ausbildungsplatz bekomme. Wenn nicht, mache ich mein Fachabitur. Für die Zukunft wünsche ich mir einen festen Job und eine Familie. Mit der möchte ich irgendwo leben, wo es etwas ruhiger und schöner ist als dort, wo ich jetzt wohne. Und wer weiß, vielleicht studiere ich eines Tages noch. Wenn ich ehrlich bin, träume ich manchmal davon, als Architekt oder Bauingenieur zu arbeiten.


„So möchte ich leben: international“

Irina Pop

Irina Pop

Dass sie kaum ein Wort Deutsch spricht, spielt für sie keine Rolle. An der Willy Brandt School of Public Policy in Erfurt bewirbt sie sich um ein Stipendium der Haniel Stiftung. Als Partner der Brandt School fördert die Stiftung junge Europäer, die nach einem zweijährigen Masterstudium in die Politik, den öffentlichen Dienst oder in eine internationale Organisation wollen.

Dass ich das Stipendium bekommen habe, war ein großes Glück. Ansonsten hätte ich nicht nach Deutschland kommen können. Aber ich wollte das unbedingt. Das Engagement der Dozenten und Studenten in Bonn, die gut organisierten Kurse mit ihrem hohen Niveau und nicht zuletzt die Höflichkeit der Menschen, denen ich begegnet bin – all das hat mich einfach begeistert.

Und dass ich fast kein Deutsch konnte – nun ja. Hätte ich Zeit gehabt, hätte ich bestimmt noch versucht, die Sprache zu lernen. Aber bevor ich im Oktober 2010 nach Erfurt aufbrach, musste ich mein Masterstudium an der rumänischen Universität beenden. Da blieb keine Zeit. Im Internet habe ich mich auf die Suche nach einer internationalen, englischsprachigen Universität gemacht – und die Brandt School entdeckt Anfangs war es hier nicht immer einfach. Ich war ganz auf mich gestellt, und meine Aussprache war so schlecht, dass der Verkäufer im Supermarkt nicht einmal das Wort „Eier“ verstand. Aber ich habe mich schnell eingelebt. Ich wohne auf dem Campus mit Studenten aus zahlreichen Ländern. Alle haben das gleiche Ziel: studieren und Menschen aus anderen Kulturen kennenlernen. Da findet man leicht Freunde. Der einzige Nachteil: Es gibt kaum deutsche Studenten an der Willy Brandt School. Daher habe ich nicht so viel Kontakt zu Deutschen.

An das Studium selbst musste ich mich erst gewöhnen. Am Anfang war es schwierig, alles auf Englisch zu schreiben. Auch die Art zu studieren ist ganz anders als in Rumänien. Dort lesen wir sehr viel und fassen Inhalte zusammen. Hier war ich überrascht, wenn ich nach meiner eigenen Meinung gefragt wurde. Aber es ist großartig. Und es verändert einen. Weil es immer wieder darum geht: Was denke ich?

Was ich hier mache, ist genau das, was ich will: in einem internationalen Umfeld lernen und leben. So stelle ich mir auch meine Zukunft vor. Nach meinem Abschluss im September würde ich gern meine Doktorarbeit schreiben, um eines Tages vielleicht selbst an einer Universität zu lehren. Aber ich habe in den vergangenen Monaten auch neue Ziele entdeckt. Durch das Studium habe ich Kontakt zu Nichtregierungsorganisationen bekommen und einen Einblick in das, was die Menschen dort tun. Ich kann mir vorstellen, mich in nationalen oder europäischen Organisationen für Demokratie und Bürgerbeteiligung einzusetzen. Eine solche Tätigkeit würde mich sehr zufrieden machen.


haniel_media-data-base_photos_headquarters_3-1Die Haniel Stiftung wurde 1988 von der Franz Haniel & Cie. GmbH gegründet und konzentriert sich auf vier Schwerpunkte: Stipendien, Kooperationen, Veranstaltungen und Regionalförderung. Jährlich vergibt die Stiftung Fördermittel in Höhe von zwei Millionen Euro – mehr als die Hälfte davon für fünf Stipendienprogramme, mit denen mittlerweile rund 1000 Studenten aus aller Welt in ihrer Ausbildung unterstützt wurden. Das 2009 gestartete Aletta-Haniel-Programm zählt derzeit 66 Teilnehmer. www.haniel-stiftung.de