Wandel

Die Duisbürger

Autor: Rebecca Haag |
Foto: Rinah Lang (Illustration)
Mordende Rocker, unfähige Verwaltung und Loveparade-Katastrophe: Das ist Duisburg, laut Medien. Doch viele Einwohner wünschen sich, dass auch die Stärken ihrer Stadt wieder wahrgenommen werden.

Es klingt idyllisch und so gar nicht nach Duisburg, wenn Anja Nocker über den Standort ihres kleinen Geschäfts „himmelsatt & erdenschön“ spricht. „Hier herrscht ein ganz besonderes Flair“, sagt die 47-Jährige, deren liebevoll eingerichteter Laden für Dekoration, Wohn- und Küchenaccessoires doch mitten in der Fußgängerzone der Innenstadt liegt – in der Wallstraße. „Wenn die Sonne scheint, die Bäume blühen und die Restaurantbesitzer Tische und Stühle nach draußen stellen, ist dies der perfekte Ort zum Flanieren.“ Seit der Eröffnung von Einkaufszentren wie der Königsgalerie kämen sogar Kunden aus den umliegenden Städten und den benachbarten Niederlanden häufiger zum Shoppen nach Duisburg. Der Renner im Laden der Nocker-Schwestern sind Stofftaschen mit der Aufschrift „Liebe deine Stadt“, die vom trotzigen Stolz der Duisburger zeugen.

Fragt man Duisburger, was sie an ihrer Stadt besonders mögen, steht der Innenhafen oft ganz oben auf der Liste. Seit seiner Umgestaltung durch den britischen Stararchitekten Sir Norman Foster gilt er als Musterbeispiel für gelungenen Strukturwandel: Aus der jahrelang brachliegenden Speichermeile für Kohle, Holz und Getreide entstand Mitte der Neunzigerjahre ein modernes Stadtviertel. Auch viele der ehemaligen Zechen- und Hüttengelände sind zu Freizeitstätten umfunktioniert worden. Im Landschaftspark Nord zum Beispiel entstand in einem alten Gasometer Europas größtes künstliches Tauchsportzentrum. Denn Duisburg hat sich zu einer echten Sportstadt entwickelt: Der Sportpark Wedau zählt mit einer Fläche von rund 200 Hektar zu den größten Sportanlagen in Deutschland – inklusive Regattabahn, Schwimmstadion, Eissporthalle und einer Fußballarena, in der der MSV Duisburg zu Hause ist. Der Landessportbund NRW hat ebenfalls seinen Sitz in Wedau.

Doch nicht die Infrastruktur ist ausschlaggebend. „Es sind die Menschen, die die Region prägen und so liebenswert machen“, sagt der Kabarettist Kai Magnus Sting. In seinem Programm „Hömma, weiß Bescheid!“ nimmt der Duisburger sein Umfeld genau unter die Lupe. Er kommt zu dem Schluss: „Der Ruhri ist sympathisch – weil er sagt, was er denkt, aber niemals arrogant ist.“ Und: weil er einfach, aber nicht einfältig sei. „Außerdem halten wir zusammen – vor allem in schlechten Zeiten.“ Besonders eindrucksvoll hat sich dies nach der Love-Parade im Sommer 2010 gezeigt. Was zum Aushängeschild für eine moderne, weltoffene Stadt werden sollte, endete in einer Katastrophe, für die weder Veranstalter noch Politik Verantwortung übernehmen wollten. „Das hat die Duisburger tief getroffen“, erzählt Sting. „Doch nach dem ersten Schock ging ein Ruck durch die Bevölkerung.“ Die Bürger haben mitgefühlt, mitgetrauert – und sich engagiert. Die Initiative „Neuanfang für Duisburg“ etwa sammelte etliche Unterschriften und sorgte so für die Abwahl des damaligen Oberbürgermeisters. Der Bürgerverein proDUISBURG e. V. organisierte einen Spendentrauermarsch, von dessen Erlös ein Mahnmal finanziert wurde. Dennoch: Für Duisburg war das Unglück ein herber Schlag. Nur wenige Wochen nach dem tragischen Ereignis prognostizierte Michael Karutz, Experte für Stadtprofilierungsstrategien bei einem Kölner Beratungsunternehmen: „Das Neue und Positive wird beiseitegeschoben. Stattdessen wird die Stadt wieder in alte Schubladen hineingesteckt.“ Die Gesellschaft neige dazu, negative Meldungen aus dem Ruhrgebiet in eine Reihe mit Negativerlebnissen beim Strukturwandel zu stellen.

„Initiativplan Duisburg“

Um der Stadt aus der Abwärtsspirale herauszuhelfen, haben sich Unternehmen wie Haniel, Verbände und Vereine, die Universität sowie die Industrie- und Handelskammer zum „Initiativplan Duisburg“ zusammengeschlossen. Mit dem Ziel, „die positiven Energien in der Stadt zu beleben“, wie es im Positionspapier des Bündnisses heißt. „Es geht darum, gemeinsam den Blick nach vorne zu richten und wieder mehr Vertrauen in die Zukunftsfähigkeit der Stadt zu gewinnen“, erläutert Jutta Stolle, Sprecherin des Initiativplans und Direktorin der Abteilung Gesellschafter und Nachhaltigkeit bei Haniel.

Duisburg kann es schaffen – da ist sich auch Anke Johannsen sicher. 2008 kam die 31-Jährige von Süddeutschland ins Ruhrgebiet. „Ich wollte meine Großtante in den letzten Monaten vor ihrem Tod begleiten und dann eigentlich weiterziehen.“ Doch Anke Johannsen blieb. „Aus der Durchgangsstation wurde Heimat.“ Die Sängerin und Pianistin knüpfte enge Freundschaften und gründete eine Band. Es ist vor allem der Hafenstadtteil Ruhrort, der sie inspiriert. „Ich liebe die Nähe zum Wasser und dass man hier viele Kreative trifft.“ Es lohnt sich in der Tat, mit offenen Augen und Ohren durch Ruhrort zu gehen: Aus der Maximilian-Kirche etwa dringen die Melodien eines Orgelkonzerts, und im Schaufenster einer ehemaligen Boutique sind Skulpturen aus Treibholz ausgestellt. Eine „Strickguerilla“ hat zudem Straßenlaternen, Zäune und anderes Stadtmobiliar mit bunten Maschen verziert.

Duisburg: eine kreative Stadt

Laut der Niederrheinischen Industrie- und Handelskammer (IHK) gewinnt die Kreativwirtschaft in ganz Duisburg an Bedeutung. Am stärksten ist die Designbranche vertreten: Hier arbeiten 43 Prozent aller in der Kultur- und Kreativwirtschaft Beschäftigten. Damit liegt die Stadt weit über dem NRW-Wert von 17 Prozent. In Ruhrort zählt die IHK 36 Mitgliedsbetriebe aus der Kreativwirtschaft. Beliebt ist der Stadtteil auch bei Filmemachern: Regelmäßig finden Dreharbeiten für Kino- und Fernsehproduktionen statt. Zudem trägt Ruhrort den vom european centre for creative economy (ecce) verliehenen Titel „Kreativquartier“. Das Institut der RUHR.2010 GmbH vergibt die Auszeichnung an jene Orte in der Region, die aufgrund ihrer hohen Dichte an Kreativunternehmen das Potenzial für attraktive Wohn- und Arbeitsräume bergen. Für den Kreativkreis Ruhrort – ein Zusammenschluss von Kulturschaffenden, Bürgern und ansässigen Geschäftsleuten – ist die Auszeichnung Ansporn und Herausforderung zugleich. „Unser Hafenstadtteil hat stark unter dem Strukturwandel gelitten. Es ist an der Zeit, dass Ruhrort attraktiver wird und wir die einstige Betriebsamkeit wiederbeleben“, sagt Olaf Reifegerste, Moderator des Kreativkreises. Um die Lebensqualität im Stadtteil zu verbessern, veranstaltet die Initiative Konzerte, Lesungen und Theateraufführungen. Zudem will sie künftig auch Geschäfts- und Gewerbetreibende für den Standort begeistern. Damit sorgt auch der Kreativkreis für das, worauf so viele Duisburger so sehnsüchtig warten: gute Nachrichten aus ihrer Stadt.