Wandel

Die Wahrheit über Wonchi

Autor: Philipp Hedemann |
Foto: Michael Tsegaye
Mit Tablet-Computern die Armut auf der Welt besiegen – das ist die große Vision von US-Forschern. Ein kleines Dorf in Äthiopien machte den Anfang. Kinder, die noch nie eine Schule von innen gesehen haben, können plötzlich schreiben. Die Wissenschaftler sind sich sicher: die Technik wird die Kluft zwischen erster und dritter Welt schließen. Ist es wirklich so einfach?

Abebech spuckt auf den Screen ihres Tablet-Computers und verwischt den schmierigen Film aus Staub, Kuhdung und dem Schnodder, der von ihrer Nase auf den Bildschirm tropft. Dann bringt sie über dem Bild einer lächelnden Kuh mit ihren Fingern die Buchstaben O, W und C blitzschnell in die richtige Reihenfolge. COW. Der Computer lobt Abebech mit einem „Awesome“ mit breitem amerikanischem Akzent. Die zehnjährige Äthiopierin lächelt die Maschine an, dann sortiert sie T, A und C zu CAT. Noch mal: „Awesome“. Abebech ist eines von 20 Kindern im abgelegenen äthiopischen Dorf Wonchi, die mit Tablets – aber ohne Lehrer – Lernen lernen sollen. Die Organisation „One Laptop per Child“ glaubt, dass die flachen Rechner 100 Millionen Kindern weltweit den Sprung ins Informationszeitalter ermöglichen können, obwohl sie keine Schule besuchen, da sie auf dem Land leben oder zu arm sind. Aber sind die iPad-ähnlichen Maschinen tatsächlich, was arme Kinder in Äthiopien am dringendsten brauchen?

Abebech zittert am ganzen Leib, als sie vor der aus Eukalyptusbäumen zusammengezimmerten, mit Lehm verputzten und mit Gras gedeckten Hütte ihrer Eltern die Buchstaben ROHES zu HORSE sortiert. Oft bindet sie sich mit einem Tuch ihren kleinen Bruder auf den Rücken. Der wärmt zumindest ein bisschen, aber heute kuschelt sich der Zweijährige an den Rücken von Abebechs kleiner Schwester. Ein kalter Wind pfeift auf 3400 Meter Höhe über den Kraterrand des erloschenen Vulkans und fegt dunkle Wolken über den Himmel. In ein paar Tagen wird die Regenzeit beginnen. Dann wird es wieder durch das Dach tropfen, die stundenlangen Schauer werden den feinen Staub in zähen Schlamm verwandeln. Abebech ist barfuß, trägt nur ein zerfetztes, einst grünes Kleid. Etwas anderes hat sie nicht. Unter einer brüchigen Dreckkruste zeichnet sich an ihren Armen eine Gänsehaut ab, in ihrer Lunge rasselt es. Doch wenn man die Zehnjährige, die konzentriert auf den leuchtenden Bildschirm starrt und eigentlich keine Lust hat, gestört zu werden, fragt, ob sie lieber warme Klamotten und Schuhe oder ihr Tablet hätte, antwortet sie hustend und ohne zu zögern: „Computera“. „Computera“, so nennen die Kinder von Wonchi die Motorola-Zoom-Tablets, die Forscher des renommierten Massachusetts Institute of Technology (MIT) im Februar 2012 in dem abgelegenen Dorf abgeliefert haben. Kinder und Computer sind Teil eines spannenden, umstrittenen Experiments.

Die Frage lautet: Werden die vom Rest der Welt weitgehend abgeschnittenen Jungen und Mädchen die digitale Kluft zwischen Erster und Dritter Welt überwinden können? Eröffnet der Computer in einer sich immer schneller globalisierenden Welt auch Kindern aus Entwicklungsländern neue Chancen? Oder ganz allgemein: Was wird passieren, wenn man sie mit dem Tablet alleine lässt?
Das Experiment findet fast unter Laborbedingungen statt. Wer nach Wonchi möchte, muss von der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba 125 Kilometer nach Westen fahren. Dann biegt man auf eine raue Piste ab, die sich 22 Kilometer lang zum Rand des erloschenen Vulkans hochschraubt, an dessen Kratergrund sich ein blau schimmernder See gebildet hat. Von hier aus geht es entlang des Kraterrands auf einen von duften-den Kräutern und dornigen Büschen umwucherten Pfad. Das schnellste Verkehrsmittel ist hier ein Pferd – doch das können sich die wenigsten leisten. Bald taucht das Dorf Wonchi auf. Keine Straße, keine Stromleitung, keine Wasserleitung führt zu den armseligen Häusern. Die reicheren Bewohner erkennt man daran, dass sie ihre Hütten nicht mit Gras, sondern mit Wellblech gedeckt haben. Bis zum Beginn des Experiments hatte sich angeblich noch nie ein „Ferenji“ genannter Weißer in die Streusiedlung verirrt. Störfaktoren beim Experiment sind weitestgehend ausgeschlossen. Wie im Labor.

Als Mike Girma am Kraterrand auftaucht, laufen ihm die Kinder des Dorfes schreiend entgegen. Nur die Hälfte von ihnen trägt Schuhe. Sie nehmen den 30-Jährigen an die Hand und führen ihn zu einer Hütte, die sich nur durch zwei Solarpanels auf dem Dach von den anderen windschiefen Gebäuden im Dorf unterscheidet. Die von „One Laptop per Child“ errichtete Hütte ist das Herzstück des Versuchs. Der festgestampfte Erdboden ist mit Heu ausgelegt, der kalte Wind pfeift durch alle Ritzen. Die Solarzellen auf dem Dach speisen die 20 Tablets, die auf einem kippeligen Holztisch liegen. Einmal in der Woche kommt der äthiopische Computerexperte Mike Girma, um die Speicherkarten auszutauschen. Die darauf gesammelten Daten schickt er zur Auswertung an die Forscher des MIT nach Boston. Für die Kinder von Wonchi ist Mikes Besuch der Höhepunkt der Woche. „Guck mal, was ich gelernt habe, Mike!“, „Schau dir an, was ich gefilmt habe!“, „Sieh mal, was ich schon schreiben kann!“ Mit den Fingern schreiben sie in einem Zeichenprogramm mehr oder weniger richtig das Alphabet, sprechen die Buchstaben laut mit, ordnen bunten Feldern die Wörter „yellow“, „green“ und „red“ zu und zeigen selbst gemachte Fotos und Videos. Diese zeigen die Kühe und Ziegen, die sie hüten, oder ihre Mütter beim Kochen über dem offenen Feuer. Blitzschnell wischen die Kinderfinger über den Touchscreen, mit routinierten Doppelklicks öffnen sie Lernapplikationen und navigieren zielsicher durch englischsprachige Menüs. Pendler in der U-Bahn in Berlin bedienen ihre Tablets kaum professioneller.

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one laptop per child project in Wonchi

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„Jedes Mal, wenn ich komme, bin ich total erstaunt, was die Kinder sich alles selbst beigebracht haben. Manche können bereits auf Englisch ihren Namen schreiben, obwohl sie nie in ihrem Leben eine Schule besucht haben“, sagt Mike, der über die Kinder vom Krater so stolz spricht, als wären es seine eigenen. Über die Fotos und Videos freut sich der Softwareentwickler, der in Addis Abeba und Helsinki studiert hat, hingegen weniger. Dabei sind die verwackelten Clips und Bilder eigentlich der größte Lernerfolg der Kinder. Damit sie sich mit den Lernprogrammen beschäftigen und nicht nur Videos drehen, hatten die Forscher des MIT die Foto- und Videofunktion der Tablets gesperrt. Doch als Mike fünf Monate nach Beginn des Experiments nach Wonchi kam, zeigte der achtjährige Kalbesa ihm stolz ein Filmchen, das seine gebückte Großmutter in der verrauchten Hütte zeigte. Wie besessen hatte der Junge stundenlang mit seinem Tablet hantiert und dabei eine Tastenkombination gefunden, die die Video- und Fotosperre der MIT-Forscher überlistete. Bald konnte jedes Kind in Wonchi filme und fotografieren.

Nachdem Mike die Lernfortschritte der Kinder in die USA berichtet hatte, triumphierte Nicholas Negroponte, der weltberühmte US-Informatiker, Gründer der Initiative „One Lap-top per Child“ und Mastermind des Tablet-Experiments am Wonchi-Krater: „Ich dachte, die Kinder würden mit den Verpackungen spielen. Doch bereits nach vier Minuten hatte ein Kind die Verpackung geöffnet, den Einschaltknopf gefunden und angeschaltet. Nach fünf Tagen benutzten sie 47 Apps pro Tag. Nach zwei Wochen sangen sie im Dorf ABC-Lieder, und nach fünf Monaten hatten sie Android gehackt.“ Außerdem sagte der 69-Jährige über das Dorf am Krater: „Man findet dort nicht mal gedruckte Schilder oder Wörter auf Flaschen. Diese Leute haben noch nie Wörter gesehen.”

Beide Äußerungen brachten dem digitalen Vordenker Kritik und den Vorwurf westlicher Arroganz ein. Warum sollten Kinder mit einem Karton spielen, wenn sie auch mit einem Tablet hantieren können? Und unter „Hacken“ verstehen die meisten Leute wohl etwas anderes als das zufällige Ausprobieren einer bestimmten Einstellung im Betriebssystem Android. Schlichtweg übertrieben ist seine Behauptung, dass noch nie ein geschriebenes Wort in das abgelegene Dorf am Kraterrand vorgedrungen sei: „Hacker“ Kalbesa reißt eine Seite der in Dubai erscheinenden Zeitung „Gulf News“ in kleine Stücke, während er von seinen Lieblingslernprogrammen auf dem „Computera“ erzählt, seine Mutter hat sich ein paar Zeitungsseiten als Tapete an die lehmverputzten Wände ihrer Hütte geklebt. Dabei hätte Negroponte gar nicht so übertreiben müssen. Die von ihm vor acht Jahren gegründete, von den Vereinten Nationen unterstützte Organisation „One Laptop per Child“ hat sich zum Ziel gesetzt, günstige und robuste Lerncomputer zu entwickeln, die vor allem Kindern in Entwicklungsländern beim Lernen helfen sollen. Die Computer werden ohne Gewinn an Regierungen verkauft, die die Geräte kostenlos an Schulkinder verteilen. Laut Negroponte lernen bereits 2,4 Millionen Kindern in 42 Ländern mit den sogenannten 100-Dollar-Laptops, deren Herstellungskosten jedoch deutlich über den angepeilten 100 Dollar liegen. Kritiker werfen den Informatikern vor, mit den Computern in Entwicklungsländern falsche Prioritäten zu setzen, und zweifeln den didaktischen und pädagogischen Nutzen der Rechner an. Doch am Kraterrand in Äthiopien sind die Erfolge des Experiments unbestreitbar. „Ich war am Anfang ziemlich skeptisch, aber jetzt bin ich schwer beeindruckt von dem, was die Kinder bereits gelernt haben. Einige von ihnen können fast schon richtig lesen“ sagt Maryanne Wolf. Die Professorin an der amerikanischen Tufts-Universität ist eine der weltweit führenden Wissenschaftlerinnen in der Erforschung des Lesenlernens und befragte im Februar 2013 die Kinder in Wonchi.

Softwareentwickler Mike Girma, der auch gut bezahlt Apps im Silicon Valley entwickeln könnte, statt einmal pro Woche zum Kraterrand zu stapfen, ist ohnehin davon überzeugt, dass der Ansatz der Amerikaner alternativlos ist. „Nur Bildung kann Äthiopien helfen, sich endlich aus der Armut zu befreien. Aber es gibt in unserem Land einfach zu viele abgelegene Regionen, in denen auch in den nächsten Jahren keine Schule gebaut wird. Tablets kann man überall hinbringen“, sagt der Feldforscher. Äthiopien fehlt es an qualifizierten Lehrern, und das wird sich in den nächsten Jahren kaum ändern. Zwar hat auch die äthiopische Regierung Bildung als wirksamstes Mittel zur Bekämpfung der Armut erkannt, aber das rasante Bevölkerungswachstum droht die Erfolge aufzufressen. Schon jetzt leben im zweitbevölkerungsreichsten Land Afrikas nach Schätzungen 90 Millionen Menschen. Derzeit wächst die Zahl der Äthiopier jährlich um drei Prozent. Das heißt: Schon im nächsten Jahr gibt es im Land 2,7 Millionen weitere Kinder, die in fünf Jahren das Schulalter erreichen.

In abgelegenen Regionen brauchen Kinder für den Hin- und Rückweg zur Schule täglich über fünf Stunden. Nehmen sie den Weg auf sich, sind sie im Klassenzimmer bereits oft so müde und hungrig, dass sie sich gar nicht mehr auf den Unterricht konzentrieren können. Auch die Kinder vom Wonchi-Krater müssten jeden Tag stundenlang marschieren, um eine Schule besuchen zu können. „Ich würde gerne zur Schule gehen, aber meine Mutter ist krank. Ich muss helfen, die Tiere zu hüten, das Feld zu bestellen, zu waschen und zu kochen. Ich hätte gar keine Zeit für den langen Schulweg“, sagt die elfjährige Fayene, die ihr Tablet meist zum Tierhüten mitnimmt. Als die Ferenjis mit den „Computeras“ das erste Mal in ihr Dorf kamen, hatte Fayene Angst und rannte davon. Jetzt findet sie es gut, dass in den Lernprogrammen fast nur Weiße auftauchen, die sich mit so seltsamen Dingen wie Satellitenschüsseln und Türklingeln auseinandersetzen. „Ich finde die Ferenjis im Computera schön. Und Leute wie mich sehe ich ja ständig im Dorf“, sagt Fayene.

Doch was passiert, wenn keine Ferenjis mehr ins Dorf am Vulkan kommen, das Experiment beendet ist, die Forscher ihre Daten über Spracherwerb und autodidaktisches Lernen in Äthiopien gesammelt haben? Der „Computera“ hat den Kindern das Fenster zu einer anderen, besseren Welt aufgestoßen. Schon nach wenigen Monaten mit dem Tablet wollen fast alle Kinder ihr Dorf am Kraterrand verlassen, um in der Stadt Fahrer, Arzt oder Computerexperte zu werden. Doch gute und gut bezahlte Jobs in den Städten sind rar. Fast zwei Drittel der Bevölkerung sind unter 25 Jahre alt. Schon jetzt schlagen sich in den Städten viele Universitätsabsolventen als Hilfsarbeiter durch; und auch im Ausland werden Äthiopier nicht gerade mit offenen Armen empfangen. Werden die Kinder nach Ablauf des Experiments mit ihren Träumen und ihren Tablets alleingelassen?„Die Kinder dürfen nach Ende des Projekts die Tablets behalten“, sagt Matt Keller von „One Laptop per Child“. Mehr nicht. Die Amerikaner hoffen, dass die äthiopische Regierung in den nächsten Jahren eine Schule in der Nähe des Kraters bauen wird. Ob die „Computeras“ aber durchhalten, bis lebende Lehrer nach Wonchi kommen, ist ungewiss.