Wandel

Hip, Hip, Hua

Autor: Philipp Mattheis |
Foto: Philipp Mattheis
Wer kann mit Shanghai Schritt halten? Niemand weiss das besser als der Schuster Hua, der den rasanten Wandel seit 20 Jahren beobachtet.

Früher waren alle Schuhe gleich. Hua Kaifeng weiß das. Seit 20 Jahren sitzt er jeden Tag in der Nähe der Kreuzung der Straßen Tianjin Lu und Henan Lu im Zentrum von Shanghai. „Damals trug so gut wie jeder Stoffschuhe“, quäkt er. „Heute bringen die Leute alles Mögliche zu mir.“ Seine Hände sind schwarz von Schuhcreme, seine blaue Arbeitsschürze ist voller Klebstoffreste. Bei gutem Wetter und wenig Luftverschmutzung kann der 56-Jährige von hier aus die Baustelle des Jin-Jiang-Tower erkennen, der in einem Jahr den Jin-Mao-Tower als höchstes Gebäude Shanghais ablösen soll.

Hua kam Anfang der Neunziger aus der Provinz nach Shanghai, weil er gehört hatte, hier ließe sich mehr Geld verdienen. Zuerst arbeitete er in einer Fabrik, 1993 machte er sich als Schuhreparateur selbstständig. „Mehr Geld, mehr Freiheit“, sagt er. Damals waren in Pudong, wie das hypermoderne Viertel auf der anderen Seite des Flusses heißt, vor allem Reisfelder. Heute gibt es dort einen internationalen Flughafen, den einzigen fahrenden Transrapid der Welt und Behausungen für fünf Millionen Menschen.

Ein älterer Herr kommt und gibt Hua einen Kinderturnschuh, dessen Naht an der Sohle aufgegangen ist. Hua bewegt seinen Schemel ein Stück und setzt sich an die rostige Nähmaschine. „Reiche Leute“, sagt er, „kommen nicht zu mir, die kaufen sich doch gleich neue Schuhe.“

In den vergangenen zwei Jahrzehnten ist Chinas Wirtschaft jedes Jahr um etwa zehn Prozent gewachsen, in der Boomstadt Shanghai sogar noch etwas mehr. 200 Millionen Menschen befreiten sich in dem Land aus absoluter Armut. China ist vom Steinzeitkommunismus in eine Hightechdiktatur katapultiert worden. Viele wurden reicher, manche sehr reich: Heute leben in dem Land über eine Million US-Dollar-Millionäre.

Als der Aufschwung begann, fuhren durch Shanghai jeden Tag Millionen Männer und Frauen in blauen Anzügen auf Fahrrädern in die Arbeit. Es gab eine Handvoll Restaurants. Heute kann man die Restaurants nicht mehr zählen, und mit dem Fahrrad fahren nur noch Ausländer.

Hua gibt dem Mann den Kinderturnschuh zurück und nimmt einen Fünf-Yuan-Schein, etwa 60 Cent. Ein kurzer Gruß, der Mann geht wieder. 100 Yuan verdient Hua etwa am Tag. Dafür arbeitet er sechs Tage die Woche von sieben Uhr in der Früh bis sechs Uhr abends. Früher, sagt er, habe er weniger Geld bekommen. „Aber es war mehr wert. Heute frisst die Inflation vieles auf.“ Chinesen sind die vielleicht am meisten auf das Essen fixierte Nation der Welt. Der Maßstab für ein gutes Leben ist gutes Essen. „Es wird immer alles besser“, sagt Hua. „Als ich Kind war, gab es nur Reis. Heute esse ich jeden Tag Gemüse und Fleisch.“

Um ihn herum haben sie bereits viele der alten Häuser abgerissen, um an ihrer Stelle Hochhäuser zu bauen. Chinas Städte ersetzen ihren Charakter durch Zementgärten mit Leuchtreklame. Hua sagt dazu „Cha bu duo“, das bedeutet in etwa „Passt schon.“ Er nimmt einen Frauenschuh aus Kunstleder, befestigt eine Gummisohle daran und schneidet mit einem Messer Material ab. Irgendwann, sagt Hua, werden sie auch sein Haus abreißen. „Dann gehe ich wieder zurück in mein Heimatdorf.“ Sorgen macht er sich nicht. „Ich habe Essen und Kleidung, und Schuhe brauchen die Menschen immer.“