Wandel

Jedes mit jedem

Autor: Benedikt Sarreiter |
Foto: Herr Weidenfelder (Illustration)
Lampen, die sich selbst regulieren, ein Abfalleimer, der die Mülltrennung übernimmt: Das Internet verlässt die Rechner und zieht in unsere Häuser ein. Zu Besuch im Smart Home.

Alexandra Deschamps-Sonsino hat ein Smartphone, ist bei Twitter und Facebook, sie bloggt, sie ist also digital so vernetzt, wie ein moderner Mensch es nur sein kann. Und doch fühlte sie sich bis vor Kurzem nur ungenügend mit der Welt verbunden. Viele Familienmitglieder und Freunde der Produktdesignerin aus London leben über die ganze Welt verstreut. Skype-Gespräche und Video-Chats überwinden zwar die Lücken, die Zeit und Raum reißen, doch Deschamps-Sonsino wollte direkter am Leben ihrer Liebsten teilhaben. Um das zu schaffen, entwickelte sie mit ihrem Designteam die „Good Night Lamp“. Das ist eine Lampe in Form eines Hauses, die mit mehreren kleineren Häusern gleicher Art über das Internet verknüpft ist. Schaltet man die große Lampe ein, leuchten auch die kleinen auf. Steht also eine Freundin von Alexandra Deschamps-Sonsino morgens in New York auf und drückt auf den Knopf ihrer „Good Night Lamp“, erglüht in London ein Lämpchen. Die Freundin ist in diesem Moment nahe, zwei Menschen teilen ein Stück weit die Routinen des Alltags miteinander, obwohl sie Tausende Kilometer voneinander entfernt sind. Ermöglicht wird das von zwei Objekten, die miteinander kommunizieren.

Die „Good Night Lamp“ ist damit Teil einer Entwicklung, die unseren Umgang mit den Geräten, die uns umgeben, verändert und auf der laut Mark Rolston „der Hauptfokus der Computerindustrie in den kommenden Jahren liegen wird“. Rolston muss es wissen, er ist Chief Creative Offi cer bei Frog Design, einem der führenden Unternehmen für Produktdesign und digitale Medien.

Das Leben wird leichter und komplizierter zugleich

Computerchips werden laufend kleiner und leistungsstärker, sie finden sich mittlerweile in Waschmaschinen, Kühl schränken oder Kleidungsstücken. Über die Chips können die Dinge sich auch ins World Wide Web einklinken, sie senden und empfangen, sie sind vernetzt wie wir. „Internet der Dinge“ oder „Internet of Everything“ wird diese Form der Geräteverwebung genannt. Sie soll es uns ermöglichen, Aufgaben leichter an Maschinen zu delegieren, die wiederum selbstständiger und fehlerfreier arbeiten sollen, um „smarter“ zu werden, wie es bei den Techdesignern heißt. Dabei soll es uns helfen, dass unser Leben reibungsloser verläuft.

Ein gutes Beispiel, wie das funktionieren kann, ist das Produkt des deutschen Start-ups Tado. Eine kleine weiße Box, die das übliche Thermostat einer Heizung ersetzt. Über die Box und eine App kann man mit dem Smartphone die Heizung steuern, kann sie zum Beispiel anschalten, bevor man vom Büro aus nach Hause fährt. Die Tado-Box checkt im Netz selbstständig die Wettervorhersage und regelt die Raumtemperatur nach den Bedingungen vor der Tür. Die Heizung läuft also nur noch, wenn sie soll. Tado spricht von 22 Prozent niedrigeren Heizkosten pro Jahr. Die Box kann zum intelligenten Helfer im Alltag werden, eine sinnvolle Ergänzung des häuslichen Geräteparks.

Das gilt aber nicht für alle Ideen, die die Entwickler onlinefähiger Dinge haben. Ein Produkt wie der „Smart Bin“ offenbart die Probleme, die mit dem neuen Netzwerk einhergehen können.

Im Deckel des „intelligenten Mülleimers“ ist eine Kamera eingebaut, die nach jeder Abfallentsorgung ein Foto macht und überprüft, ob man auch schön den Müll trennt. Gleichzeitig wird das Foto auf eine Onlineplattform geladen, auf der eine Community über die Recyclinggewohnheiten ihrer Mitglieder diskutieren kann. Nun ist es bestimmt gut, sich Gedanken über sein Wegwerfverhalten zu machen, aber muss man sich deswegen von einem Mülleimer ermahnen lassen, der über eine Community im Hintergrund Druck auf uns ausübt? Der Publizist und Technikanalytiker Evgeny Morozov schreibt in seinem neuen Buch „To Save Everything, Click Here: The Folly of Technological Solutionism“, dass nur die „Smart Gadgets“ wirklich nützlich seien, die unseren Alltag erleichtern oder uns Vorschläge machen, wie wir gesünder und stressfreier leben, die aber nicht die Kontrolle über unser Verhalten übernehmen. Das Ding sollte nicht entscheiden, wie wir unser Leben gestalten, es sollte es im Idealfall bereichern. Mark Rolston von Frog Design ergänzt: „Und es muss so gestaltet sein, dass man mit ihm interagieren kann, ohne unbedingt auf eine Tastatur und einen Bildschirm angewiesen zu sein.“ Wir werden also in Zukunft mehr über Gesten und Sprache mit unseren Geräten kommunizieren, ja vielleicht sogar mit Pflanzen. Frog Design entwickelte im vergangenen Jahr in einer Studie „Tree Voice“; ein Interface, das an Bäume gehängt werden kann. Über Emoticons kann der Baum dem Stadtmenschen über seinen Zustand berichten, zum Beispiel, wenn die Luftqualität schlecht ist oder er zu wenig Wasser erhält. Die Informationen dafür kommen aus dem Internet. Ziel des Projekts ist es, ein anderes Bewusstsein für Leben in der Stadt zu schaffen und die urbanen Bewohner zu einem rücksichtsvolleren Umgang mit ihrer Umwelt anzuregen. Wenn es gut und schlau designt ist, kann das „Internet der Dinge“ also helfen, die Brüche zu kitten, die das Leben bereithält, und auf Fehler aufmerksam zu machen. Das reicht vom Baum im Stadtpark bis zur „Smart Factory“, in der die Maschinen global Informationen austauschen und so die Produktion effizienter machen. In der Fertigungsbranche heißt das Prinzip des „Internets der Dinge“ schlicht „Industrie 4.0“, denn schon heute informieren zum Beispiel Transportkisten ihre Zulieferer, wenn sie leer sind und der Kunde neues Material braucht.

Maschinen übernehmen die Kontrolle – die Frage ist nur: wann?

Die Vernetzung von allem und jedem wird kommen, da sind sich Experten wie Evgeny Morozov und Mark Rolston einig. Und sie wird alle Lebensbereiche betreffen. Nur wann es endgültig so weit sein wird, kann niemand sagen. Noch fehlt ein Produkt, das den Umschwung einläuten könnte. Noch fehlt dem „Internet der Dinge“ sein Facebook.