Wandel

Rot gewinnt

Autor: Niall Ferguson |
Foto: Anders Bergesen/Superultraplus (Illustration)
Ihre Überlegenheit verdanken Europa und Amerika sechs einzigartigen Erfolgsfaktoren, sagt Niall Ferguson. Der Historiker warnt: Asiens Aufstieg läutet den Niedergang des Westens ein.

Stolze 500 Jahre lang, seit dem frühen 16. Jahrhundert, war die Weltgeschichte im Grunde die Geschichte westlicher Vorherrschaft. Wer im Jahr 1500 um die Welt gereist wäre, hätte keine größeren Unterschiede zwischen den Lebensstandards in China und Westeuropa festgestellt. Doch von diesem Zeitpunkt an bis etwa 1978 war diese Vorherrschaft vor allem die Folge einer globalen Abweichung, in der der Westen dem Rest immer einen Schritt voraus war.

Die Erklärung, die ich dafür geben kann, ist institutioneller Art. Meines Erachtens nach sind sechs besondere Kombinationen von Ideen und Institutionen für die großen Abweichungen des Westens vom Rest der Welt verantwortlich, die ich die „Killer-Apps“ nenne. Warum verwende ich diesen unglücklichen Ausdruck „Killer-App“? Die Antwort ist, dass ich versucht habe, meine Kinder für meine Arbeit zu interessieren. Wenn man sich auf das iPhone bezieht, hat man eher die Aufmerksamkeit der eigenen Kinder, nicht jedoch, wenn man von Ideen und Institutionen spricht.

Wettbewerb – wir nehmen ihn heute als gegeben hin, aber die Legitimität von Wettbewerb im wirtschaftlichen und politischen Leben war um 1500 nicht selbstverständlich. Die politischen Strukturen in Asien waren von Monopolen gekennzeichnet. Wettbewerb ist also die erste der Killer-Apps. Nach und nach merkten die Europäer, dass es eher gut als schlecht war, wenn Europa in verschiedenste im Konflikt miteinander stehende Königreiche, Fürstentümer und Stadtstaaten unterteilt war.

Ohne die wissenschaftliche Revolution des 17. Jahrhunderts hätte der Westen niemals so dominieren können. Um nur ein Beispiel zu nennen: Die Karriere von Benjamin Robins, einem der größten Physiker seiner Zeit und Autor des Buches „Neue Grundsätze der Artillerie“, das Newtons Erkenntnisse aufgreift und 1742 veröffentlicht wurde. „Neue Grundsätze der Artillerie“ ist wunderbar geeignet, um zu zeigen, wie die Wissenschaft Macht mit sich brachte. Robins wandte die newtonsche Physik auf Ballistik und auf Artillerie an. Kaum hatte er das getan, wurden westliche Kanonen treffsicherer.

Die dritte Killer-App ist der Rechtsstaat. Die Idee von Recht und Gesetz, basierend auf Eigentumsrechten, reicht einige Zeit zurück, doch erst im 16. und 17. Jahrhundert fingen die Europäer an, darüber nachzudenken, ob der Rechtsstaat auf Grundlage von Eigentumsrechten das Fundament der sozialen und politischen Ordnung sein sollte. Die Anerkennung dafür gebührt Denkern wie John Locke. Sobald sich der Rechtsstaat auf Grundlage von Eigentumsrechten als institutionelle Form durchgesetzt hatte, wurden allerhand erstaunliche Dinge möglich, nicht zuletzt die rasche Erschließung Nordamerikas durch die Kolonisten, die bei ihrer Einwanderung schnell Land erhielten.

Die moderne Medizin im Laufe des 19. und des frühen 20. Jahrhunderts veränderte die Gesundheit und die Lebenserwartung in der westlichen Welt. Wie die wissenschaftliche Revolution des 17. Jahrhunderts war der medizinische Fortschritt ein nahezu rein westliches Phänomen.

Die Konsumgesellschaft – Killer-App Nummer fünf – entstand zuerst im Westen. Im Osten konsumierte nur die wohlhabende Elite. Aber ausgehend von Westeuropa, gewann die Idee an Zugkraft, dass jeder mehrere Outfits besitzen sollte. Jede industrielle Revolution beginnt mit Textilien. Warum? Weil das menschliche Verlangen nach Kleidung unendlich dehnbar zu sein scheint. Wenn Sie mir nicht glauben, dann zeige ich Ihnen mal den Kleiderschrank meiner Tochter. Und schließlich und sehr deutsch ist die sechste App: die Arbeitsethik. Vor rund 100 Jahren veröffentlichte Max Weber seinen großen Essay „Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus“, in dem er eine besondere Ethik herausstellte. Was Weber beobachtet, ist richtig. Die Menschen im Norden, im Nordwesten Europas und im Nordwesten Amerikas, arbeiteten härter, intensiver, effizienter und mehr Stunden am Tag als alle anderen.

Das sind also die sechs Killer-Apps, die den Aufschwung des Westens verursachten. Aber jetzt kommen wir zum springenden Punkt. Was ist mit den Killer-Apps in unserer Zeit passiert? Die Antwort ist außerordentlich einfach. Länder wie Japan, Indien und China haben unsere Killer-Apps heruntergeladen. Schließlich hat sich herausgestellt, dass sie die ganze Zeit lang als Open-Source-Software zur Verfügung standen. Gleichzeitig scheinen wir diese Killer-Apps zu verlieren. Etwa der Wettbewerb: Seit 2004 ist der Wettbewerbsfähigkeitsindex der Vereinigten Staaten um sechs Prozent zurückgegangen. Die gute Nachricht: Für Deutschland ist er um vier Prozent gestiegen – für China allerdings sogar um 13 Prozent.

Wenden wir uns Killer-App Nummer zwei zu, Wissen und Technologie. Deutschland war immer stolz auf seine Innovationskraft. Im Jahr 2009 wurden 53 903 Patente deutscher Urheber international anerkannt. Die Zahl für China war jedoch 68 307. 2009 war das erste Jahr, in dem China Deutschland in puncto Erfindung geistigen Eigentums überholt hat.

Ich glaube, der Rechtsstaat in Deutschland befindet sich in einem gesunden Zustand, aber in den Vereinigten Staaten scheint er weit weniger gesund. Gemessen an der institutionellen Qualität, liegen die Vereinigten Staaten im Index des Weltwirtschaftsforums jetzt in 15 von 15 Punkten hinter Hongkong, wenn es um die Qualität der rechtlichen Institutionen geht.

Bei Killer-App Nummer vier, Medizin, liegen wir nicht länger in Führung. Asien hat uns überholt. Die Lebenserwartung in Hongkong ist höher als die in den Vereinigten Staaten. Die Lebenserwartung unter den armen Weißen in den Vereinigten Staaten sinkt beträchtlich. Unsere Wohlfahrtsstaaten haben uns in Richtung Bankrott geführt. Wir finanzieren das System nun, indem wir Schulden anhäufen, weil wir es ablehnen, es über Steuern zu finanzieren.

Was die Konsumgesellschaft betrifft: Wussten Sie, dass sich lediglich vier der 30 größten Einkaufszentren der Welt in westlichen Ländern befinden? Die übrigen stehen in Schwellenländern. Und schließlich die Arbeitsethik: Deutsche halten sich für harte Arbeiter: durchschnittlich knapp 1409 Stunden im Jahr. Der durchschnittliche Südkoreaner arbeitet 2204 Stunden. Und das ist der Grund, warum die Deutschen immer schon da sind, egal wo ich Urlaub mache.

Also ist unser Wettbewerbsvorteil auf zwei Arten verloren gegangen: Einmal, weil der Rest der Welt zumindest einige unserer Killer-Apps heruntergeladen hat. Viel beunruhigender dagegen ist aber, dass wir angefangen haben, unsere Arbeitsethik zu verlieren und unsere Konsumgesellschaft mit Schulden zu zerstören. Unseren wissenschaftlichen Vorteil verlieren wir, indem wir fortwährend das Niveau der Ausbildung herunterschrauben, die wir unseren Teenagern ermöglichen. Die gute Nachricht ist, dass diese Probleme hausgemacht sind. Wir können etwas dagegen tun. Aber dann müssen wir akzeptieren, dass wir meistens nur Symptome diskutieren. Wir diskutieren Defizite, statt uns über die Ursachen dieser Defizite zu unterhalten.


Niall Ferguson (49) ist Historiker und unterrichtet in Harvard, Stanford und Oxford. Sein Spezialgebiet ist der Imperialismus. Berühmt wurde er mit dem Buch „Der falsche Krieg“. Derzeit arbeitet er an einer Biografie von Henry Kissinger. Dieser Text bezieht sich auf eine Rede, die Ferguson 2012 bei einer Veranstaltung der Haniel Stiftung in Duisburg hielt.