Wandel

Wir sind es wirklich nicht gewesen

Autor: Claudia Langer |
Foto: Julian Rentzsch (llustration)
Damit Unternehmen nachhaltiger produzieren, müssen sich ihre Kunden aendern. Doch die Verbraucher sind manchmal die größten Heuchler, findet Claudia Langer.

Was würden Sie denken, wenn Sie der Vorstandsvorsitzende einer großen Handelskette wären und die Wünsche Ihrer Kunden an Ihre Nachhaltigkeitsstrategie mit dem tatsächlichen Kaufverhalten derselben vergleichen würden? Mehr noch: Was müssten Sie tun? Vermutlich nichts.

Die Verbraucher sind tief gespaltene Wesen. Sie entrüsten sich über Ausbeutung und Kinderarbeit, kaufen aber allzu gerne den billigsten Kaffee und die billigsten Klamotten. Der aufgeklärte Konsument fordert in Sonntagsreden das eine und tut, sobald er ein Geschäft betritt, das andere.

Er blendet die Zustände aus, unter denen seine „Must-have“-Produkte hergestellt werden. Wenn ein Kinderarbeitsskandal aufpoppt oder eine kritische Dokumentation moderne Sklavenarbeit publik macht, sind wir entsetzt. Wir schimpfen auf die habgierigen Unternehmen, die nur ihre Profitmaximierung im Sinn haben, und auf die Politiker, die ebendiese Habgier nicht in Fesseln legen.

Und morgen schon sind wir Verbraucher die Ersten, die ein T-Shirt für drei Euro erstehen oder vor dem Kühlregal einknicken, wenn wir den Preisunterschied zwischen einem Ökohühnchen und der regulären Ware dann doch nicht in Kauf zu nehmen bereit sind. Hin und wieder beschleicht uns zwar das Gefühl, dass so ein Preis nicht mit rechten Dingen zugehen kann und auf Kosten der Hühnchen, der Arbeiter oder der Umwelt zustande gekommen sein muss. Aber die Verantwortung delegieren wir dann lieber an Dritte und spenden zu Weihnachten einen kleinen Obolus. Wir zeigen auf die Wirtschaft und die Politik und vergessen, dass wir zentraler Teil von beidem sind.

Dass Amazon die Leute so schlecht bezahlt, Näherinnen in Bangladesch verbrennen und unser iPhone-Hersteller Foxconn die Selbstmordwelle mit dem Anbringen von Netzen vor den Fabrikfenstern einzudämmen versucht, soll bitte nicht unsere Schuld sein. Meist ist die Erregung schnell wieder vorbei, und wir vergessen, dass wir Verbraucher selbst die größten Greenwasher und Heuchler sind. Aber eigentlich müssten wir uns nur grundlegende Fragen stellen. Fragen, die mit Gerechtigkeit zu tun haben: Teilt ein Produkt oder Unternehmen die Werte seiner Kunden und arbeitet aktiv daran mit, das Leben für sie und ihre Kinder zu verbessern? Viele Unternehmen handeln. Die meisten Unternehmen hören allerdings nicht zu. Sie verlassen sich auf die Trägheit ihrer Kunden und Mitarbeiter. Und das ist mehr als verständlich, denn bisher hat das immer funktioniert. In Deutschland freue ich mich, wenn ein so großes Handelsunternehmen wie Saturn aus eigener Initiative nach vorne geht und die besten Produkte in den einzelnen Kategorien kennzeichnet und damit seine Kunden für die nachhaltigeren Kaufoptionen sensibilisiert.

Noch haben wir nicht verstanden, wie viel Macht und wie viel kollektive Kraft wir haben, wenn wir nur die richtigen Fragen stellen. Aber wenn wir aufwachen, können wir so die Welt über Nacht auf den Kopf stellen. Der Wecker ist gestellt. Better be good!


Claudia Langer arbeitete in der von ihr gegründeten Werbeagentur Start für Kunden wie die Deutsche Bank, MTV und Burger King, bis sie sich die Frage stellte, was sie dazu beiträgt, die Welt zu verändern. Sie gründete 2007 mit Utopia.de eine Plattform für nachhaltiges Leben, die als Sprachrohr für Konsumenten wahrgenommen werden soll. 2012 veröffentlichte sie das Buch „Die Generation Man-müsste-mal“ (Droemer).