Warten

Auf Abruf – Warten hinter Kulissen

Autor: Elena Brenk-Lücke |
Foto: Max Brunnert
Schon viele berühmte Komponisten mussten über ihren Tod hinaus auf Ruhm warten. Auch Stephen Harrison, Direktor der Deutschen Oper am Rhein, und der dortige Bass Torben Jürgens wissen, was es heißt zu warten: auf die perfekte Stimme, den perfekten Auftritt oder den nächsten Anruf

Wenn ich zu unserem Termin eine Viertelstunde zu spät gekommen wäre, was hätten Sie gemacht?

[STEPHEN HARRISON]: Wir hätten uns bestimmt über Essen und Trinken unterhalten. Wir gehören zu denen, die sich samstagmorgens auf dem Carlsplatz treffen, weil wir auf Essenssuche fürs Wochenende sind.
[TORBEN JÜRGENS]: Wir treffen uns auf der Jagd, da kreuzen sich unsere Wege. Beim Essen gibt es viele Themen, von daher hätte die Viertelstunde wohl nicht ausgereicht.  (beide lachen)

Halten Sie sich generell für geduldig?

[JÜRGENS]: Ich denke, ich bin eher ungeduldig. Bei Geduld muss man sehr diszipliniert sein.
[HARRISON]: Ich bin sehr ungeduldig. Ich mag keine Zeit verschwenden.

Hat Ihnen das beruflich geholfen?

[HARRISON]: Ich habe spät – mit zehn Jahren – angefangen, Klavier zu spielen. Aber ich kam sehr schnell voran, denn ich wollte immer neue Stücke lernen. Ich habe auch nicht die Geduld, um stundenlang Tonleitern zu üben. Deswegen bin ich kein Solopianist geworden. Für das, was ich wollte – nämlich Repetitor sein – reichte das.

 


Probe von Stephen Harrison und Torben Jürgens


 

Haben Sie während Ihrer Karriere auch mal die „zweite Geige“ gespielt? 

[HARRISON]: Dass ich schnell vorankam, heißt ja nicht, dass ich schon gut genug war, alles zu erobern, was ich wollte. Als es darum ging, einen Job im Opernhaus zu bekommen, habe ich viel vorspielen müssen und trotzdem keinen Job bekommen. Glücklicherweise war mein letztes Vorspiel am Royal Opera House Covent Garden in London, das beste Haus, und die Stelle habe ich bekommen.
[JÜRGENS]: Als Sänger kann ich nicht erwarten, sofort nur Hauptrollen zu singen. Es braucht lange, um die Stimme zu entwickeln. Das lässt sich nicht forcieren. Nach dem Motto: Ich übe zehnmal so viel und komm dann schneller voran.
[HARRISON]: … wenn es aber um das Warten an sich geht – das ist ein Teil des Lebens als Künstler, den man in anderen Berufen gar nicht hat. Zum Beispiel: Es kann sein, dass ein Sänger zu einer Probe bestellt ist. Und der Regisseur nimmt sich so viel Zeit mit dem szenischen Bild, dass man gar nicht drankommt. (lacht)
[JÜRGENS]: Vor Auftritten ist es das Gleiche. Ich verstehe da Kollegen nicht, die sich einen Roman mitnehmen können, um die Wartezeit zu überbrücken. Ich könnte das nicht. Ich mache dann viel, um mich irgendwie wachzuhalten für diesen einen Moment.
[HARRISON]: Es gibt zum Beispiel die Partie des Gurnemanz in „Parsifal“: Der singt furchtbar viel im ersten Akt und wahnsinnig viel im dritten Akt. Das heißt, einschließlich der Pausen hat er wirklich zwei Stunden, in denen er nicht singt. Und er muss ständig so … (räuspert sich)
[JÜRGENS]:… warm bleiben …
[HARRISON]:… ja, dass die Stimme noch funktionsfähig ist.

Torben Jürgens

„Man sitzt, 
wartet, und plötzlich kommt der Moment. Dann muss ich unglaublich präsent sein.“

Torben Jürgens

Macht Sie das nervös?

[JÜRGENS]: Auch. Aber vor allem denke ich dann: So viel Zeit, die könnte ich anders nutzen. Aber das geht nicht. Ich muss auf Abruf sein. Man sitzt und wartet – und plötzlich kommt der Moment. Und dann muss ich von jetzt auf gleich unglaublich präsent sein. Da wird erwartet, dass ich geistig und stimmlich da bin. Diese Stand-by-Einstellung ist sehr wichtig.

Herr Harrison, Sie haben solche Wartezeiten als Direktor nicht …

[HARRISON]: Nur, wenn ich mal wieder als Pianist engagiert bin. Wenn ich nur einen Auftritt am Abend habe, kann ich abschalten. Vor solchen Auftritten bin ich nicht mehr nervös. Wenn ich hier tätig bin, egal, ob an der Bühne oder im Büro, kann ich nie abschalten. Alle zwei Wochenenden habe ich Bereitschaftsdienst. Das ist eine innerliche Belastung. Immer könnte was sein.

 

Stephen Harrison

„Warten – das ist ein Teil des Lebens als Künstler, den man in anderen Berufen gar nicht hat.“

Stephen Harrison

Wo wird Ihre Geduld noch auf die Probe gestellt? 

[HARRISON]: Bei der Erstellung der Spielpläne. Es sind so viele Kriterien, die ich beachten muss, weil wir zwei Opernhäuser bedienen. Da ist es oft schwierig, den Mittelweg zu finden. Alle wollen mehr. Ohne eine gewisse Gelassenheit könnte man das nicht machen.

Herr Jürgens, Sie haben einmal gesagt: „Eine Bassstimme muss reifen, genau wie ein guter Wein. Man muss geduldig sein für das gute Ergebnis in späteren Jahren.“ Wie halten Sie das aus?

[JÜRGENS]: Gut, weil es ja aktives Warten ist. Ich bin in dem Beruf und kann ja auch schon einiges singen. Da gibt es ein Riesenrepertoire …
[HARRISON]: … wie der Wein. Man kann ihn jung trinken …
[JÜRGENS]: Ja, ein junger guter Wein schmeckt auch schon sehr gut. Nur wenn es um bestimmte Rollen geht, braucht es einfach eine gewissen Reife. Da muss man Geduld
mitbringen.


Der Bass Torben Jürgens studierte in Köln und Essen. 2009 kam er an das Theater Bielefeld. Seit 2012 ist er Ensemblemitglied der Deutschen Oper am Rhein. Zu seinem Repertoire gehören unter anderem die Mozart-Partien Publio („La clemenza di Tito“) und Figaro („Le nozze di Figaro) sowie Un frate (Verdi „Don Carlo“). Er gastierte zum Beispiel an der Bayerischen Staatsoper München, am Gran Teatre del Liceu Barcelona und bei den Händel-Festspielen Göttingen.

Stephen Harrison wurde in Nottingham (England) geboren und studierte Musik an der Cambridge University und im London Opera Center. Sein erstes Engagement als Repetitor erhielt er am Royal Opera House Covent Garden London. 1988 kam er an die Deutsche Oper am Rhein, zunächst als Studien­leiter, dann als Chefdisponent und künstlerischer Betriebsdirektor. Seit 2009 ist Harrison Operndirektor der Deutschen Oper am Rhein und übernimmt darüber hinaus regelmäßig Liedbegleitungen.

 


Haniel Klassik Open Air

Stephen Harrison und Torben Jürgens gehören zum Ensemble der Deutschen Oper am Rhein Düsseldorf Duisburg. Gemeinsam mit den Duisburger Philharmonikern und Haniel lud sie in diesem Jahr bereits zum dritten Mal zum Haniel Klassik Open Air ein. Die Idee: klassische Musik für alle gratis und draußen anbieten. „Unser Wunsch ist es, den Bürgerinnen und Bürgern der Stadt Duisburg etwas zurückzugeben“, erläutert Haniel-Vorstandsvorsitzender Stephan Gemkow das Engagement.