Warten

Dalli, dalli – Zeit ist Geld!

Autor: Dirk Böttcher |
Foto: Getty Images, Nanex (Video)
High Frequency Trading – kurz HFT – relativiert die Zeit auf irrwitzige Weise. Die Computerprogramme handeln Wertpapiere in für Menschen nicht mehr wahrnehmbaren Zeiträumen

Zwinkern Sie doch bitte mal mit den Augen! Danke. Dieser Sekundenbruchteil reicht im sogenannten High Frequency Trading (HFT) aus, um mehr Aktiengeschäfte abzuwickeln, als Sie ziemlich sicher in Ihrem gesamten Leben tätigen – und das auch gleich an allen wichtigen Börsen dieser Welt. 60 bis 70 Prozent des gesamten Handelsvolumens entfallen heute auf HFT. Die Zahl der Firmen dahinter ist unbekannt, es existiert eine unüberschaubare Zahl kleiner unabhängiger Händler, bei denen oft nur eine Handvoll Mitarbeiter Hunderte von Computern steuert. Ebenso sind alle großen Investmentbanken in diesem Geschäft aktiv und auch viele Hedgefonds.

Das Jetzt gerät durch deren Computer-Algorithmen und superschnelle Datenverbindungen zum scheinbar endlos dehnbaren Moment. Die Grenzen des Wertpapierhandels definiert nur noch die Physik. Die Investitionen ringen mit der Konstante der Lichtgeschwindigkeit. Arbitrage heißt das Realisieren fast flüchtiger Zeitgewinne, wenn im Zeitraum einer Millisekunde der Wert einer Aktie an den Börsen etwa in Paris, London, New York und Hongkong um homöopathische Varianzen abweicht und sie entsprechend hin- und her ge- oder verkauft wird. Das Risiko dieser Geschäfte ist gering, eine Mikro-Cent-Abweichung finden die Firmen fast immer. Das Problem ist vielmehr, dass die Margen immer kleiner werden, die Unternehmen also immer mehr Umsätze in der gleichen Zeit erwirtschaften müssen, um ihre Erträge stabil zu halten. Die Umsätze und Gewinne entstehen für die menschliche Wahrnehmung unsichtbar. Sie summieren sich zu gewaltigen Beträgen. 2013 wurden vier von zehn Wertpapieren im HFT gehandelt, das entsprach einem Volumen von 6,7 Billionen Euro. 2016 lag der Anteil bereits bei über 50 Prozent.

Was man in einer Sekunde alles machen kann

1 x pumpen
Der optimale Ruhepuls eines gesunden Erwachsenen liegt bei etwa einem Schlag pro Sekunde.

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3 x blinzeln
Die Dauer eines Lidschlags liegt bei 300 bis 400 Millisekunden.

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7 x starten
Knapp 0,14 Sekunden nach dem Startschuss sind Sprinter auf den Beinen.

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330 x schlagen
Bis zu 330 Mal pro Sekunde schlägt eine Stubenfliege mit den Flügeln.

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3000 x handeln
3000 Aktienorders und mehr kann ein Hochfrequenzrechner in einer Sekunde ausführen.

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300 000 km reisen
Von der Erde bis zum Mond braucht das Licht etwas länger als eine Sekunde. Nichts ist schneller.

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Schlaftabletten? Realtime!

Es gab Zeiten, da galt Warten noch als schlaueste Methode der Geldvermehrung. André Kostolany, der vielleicht charismatischste Finanzexperte zum Ende des 20. Jahrhunderts, sagte dazu sinngemäß: „Ich kann Ihnen nicht sagen, wie man schnell reich wird; ich kann Ihnen aber sagen, wie man schnell arm wird: indem man nämlich versucht, schnell reich zu werden.“

Er riet den Anlegern, nach dem Kauf von Aktien eine Schlaftablette zu nehmen und die Wertpapiere für einige Jahre nicht mehr anzuschauen. Dann würde man irgendwann feststellen, dass man reich sei. Kostolany verstarb 1999 im hohen Alter von 93 Jahren. Damals wurden Aktien meist noch mehrere Monate oder Jahre gehalten. Mittlerweile liegt dieser Wert durchschnittlich bei 20 Sekunden.

Tempo ist heute zum neuen Götzen geworden. Die Börsen reagieren und entdecken ein neues Geschäftsfeld. Sie vermieten an die HFT-Unternehmen Serverplätze direkt am Handelsort, um die Zeitverzögerung zwischen Orderauftrag und -abwicklung so gering wie möglich zu halten. Das Handelsgebäude der ehrwürdigen New York Stock Exchange kam noch mit einer Fläche von etwas mehr als 4200 Quadratmetern aus, ihr HFT-Datencenter in New Jersey bietet Servern auf fast 37 000 Quadratmetern Platz.

 


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Der Kampf um Mikrosekunden führte sogar dazu, dass das Unternehmen Spread Networks of Ridgeland einen Tunnel für eine direkte Highspeed-Datenverbindung vom eigenen Hauptquartier in Chicago bis zum Börsenplatz NASDAQ in New York baute. Die Investitionen, um auf diese Weise einen weiteren minimalen Zeitgewinn zu realisieren, sollen 300 Millionen US-Dollar betragen haben.

Befürworter des superschnellen Handels sehen darin eine positive Wirkung, weil der Handel enorme Liquidität erhält. Auch deshalb finden Kleinanleger heute an nahezu jeder Börse dieser Welt zu jedem Zeitpunkt einen Käufer oder Verkäufer für eine Aktie. Außerdem lassen sich so große Transaktionen in kleine Päckchen aufteilen, die am Markt leichter gehandelt werden können.

Kritiker beklagen, dass der Handel mittlerweile fern aller objektiven Markt- und Unternehmenskennzahlen stattfinde. Zudem könnte eine Fehlfunktion einen Börsencrash auslösen.