Warten

Das Prinzip 
Hoffnung

Autor: Friederike Gräff
Sechs Millionen Männer und Frauen in Deutschland sind ungewollt 
kinderlos, viele wünschen sich Nachwuchs. Der Weg zur Schwangerschaft ist unübersichtlich – und für manche ein gutes Geschäft

Prolog

Anna und Lars sind verheiratet, er ist 39, sie 35 Jahre alt. Architekten in Hamburg. Eines Tages wollten sie Kinder haben, da waren sie sich einig, aber der richtige Zeitpunkt kam nicht. Erst einmal eine sichere Stelle in einem interessanten Büro, es folgte ein Auslandsjahr, dann ein anderer Arbeitgeber. Anna und Lars haben das getan, was viele Paare heute tun: gewartet, bis sie sich so in ihrem Leben eingerichtet hatten, dass sie sich bereit für ein Kind fühlten. Doch das war angesichts ihres biologischen Alters wohl schon zu lange.

In den 1960er-Jahren bekam eine Frau mit durchschnittlich knapp 25 Jahren ihr erstes Kind, 2006 war sie knapp 30. Die Fruchtbarkeit nimmt dann schon ab, und die Spermienqualität der Männer sinkt. Als Anna und Lars ein Kind wollen, klappt es nicht. Zwei Jahre lang wird Anna nicht schwanger, schließlich schickt ihre Frauenärztin das Paar in ein reproduktionsmedizinisches Zentrum.

Kein Tabu mehr

Auf diesem Weg ein Kind zu bekommen, das merken Anna und Lars rasch, ist nicht nur eine medizinische, sondern auch eine finanzielle Frage. Und das System, wer welche Kosten übernimmt, ist ein Dschungel. Bei den privat Versicherten übernehmen die Kassen die Kosten für die Behandlung meist vollständig, wenn ein Paar nachweisen kann, dass die Ursachen für die Kinderlosigkeit bei dem versicherten Partner liegen.

Anna und Lars sind freiwillig gesetzlich versichert. Und müssen somit die Hälfte der Kosten selbst tragen. Zum Glück erfüllen sie die nötigen Voraussetzungen: verheiratet, die Frau zwischen 25 und 40 Jahre alt, der Mann unter 50. Seit Kurzem übernehmen sechs Bundesländer einen Anteil der Kosten, dann schießt auch der Bund etwas zu. Bis 2004 waren für gesetzlich Versicherte bis zu vier Behandlungszyklen kostenfrei. Diese Zeiten sind seit dem Gesundheitsmodernisierungsgesetz vorbei.


Der Kinderwunsch in Zahlen


Lars hat viele Erfahrungsberichte von Paaren in Internetforen gelesen. Die klangen nicht nur froh: vom immer wieder neuen Hoffen nach jedem Behandlungsdurchlauf war da die Rede, vom Warten, von der emotionalen Berg-und-Tal-Fahrt, die die Frauen durchleben, nachdem sie die verordneten Hormone geschluckt haben. Von Paaren, die nach dem dritten, vierten oder fünften Anlauf einen Schlussstrich zogen. Und dazwischen, natürlich, die Euphorie derjenigen, die ihr Ziel erreicht haben, die mit dem Neugeborenen zu Hause beteuern, dass es all die Mühe wert gewesen sei.

Ins Ausland?

Im Frühjahr 2017 öffnete in Berlin die erste Kinderwunschmesse in Deutschland ihre Tore. 50 Aussteller, die meisten aus dem Ausland, stellten ihre Angebote vor. Anna und Lars haben eine Weile überlegt, dann sind sie nach Berlin gefahren, denn die beiden sind neugierig, wie und wo genau jene Behandlungen stattfinden, die in Deutschland nicht erlaubt sind. Längst haben sie davon gelesen, was im europäischen Ausland und in den USA möglich ist: Eizellenspende, Embryonenspende, Leihmutterschaft. An den Messeständen treffen sie smarte Ärzte, die die Hoffnung äußern, dass Deutschland den gesetzlichen Rahmen aufweicht. Noch stehen Paare, die sich etwa in den USA eine Leihmutter suchen, zurück in Deutschland vor erheblichen Problemen. Denn hier wird nicht die Auftraggeberin, sondern die Leihmutter als die rechtliche Mutter anerkannt. Anna und Lars fänden diese Lösung ohnehin sehr befremdlich. Die Idee hingegen, es mit einer Eizellenspende zu versuchen, geht ihnen nicht aus dem Kopf.

Hoffen & Zweifeln

Zurück zu Hause durchforsten sie im Internet die Anbieter, die viel offensiver werben als die deutschen Zentren, denen das Standesrecht der Ärztekammer Grenzen setzt. Ein Unternehmen, das sich als weltweit größte Gruppe für „unterstützte Reproduktion“ mit 70 Kliniken beschreibt, verheißt, dass neun von zehn Patienten, „die uns vertrauen“, ihr Ziel erreichen. Das sind Quoten, die man in Deutschland so nicht hört.

Kein Wunder, heißt es vom Bundesverband Reproduktionsmedizinischer Zentren Deutschlands (BRZ): Da würden Paare, bei denen die medizinischen Chancen schlecht stehen, nach Hause geschickt, um die Statistik nicht zu gefährden. Oder eine Erfolgsgarantie gegeben: Wer nach drei Versuchen nicht schwanger ist, bekommt sein Geld zurück. Und fällt damit ebenfalls aus der Negativ-Statistik heraus. Ganz grundsätzlich (und nicht nur für die Billigangebote) prangern Wissenschaftler an, dass die Ärzte oft kostenaufwendige Methoden nutzten, ohne mit Sicherheit zu wissen, dass diese höhere Erfolgschancen böten. Oder es werden teure Methoden angewandt, obwohl sie bei vielen Paaren sogar nachweislich schlechtere Ergebnisse erzielen.

Epilog

Anna und Lars haben nach drei erfolglosen IVF-Versuchen beschlossen, eine Pause zu machen. Sie sind ernüchtert und wissen nicht recht, wie es weitergehen soll. Vielleicht doch eine Eizellenspende im Ausland? Oder eine vierte oder fünfte IVF-Behandlung? Nach Silvester wollen sie sich entscheiden. Hoffentlich.