Warten

Die Ausdauernde

Autor: Dirk Böttcher |
Foto: Bettina Flitner/ laif
Zeit ist für die Prima­ten­forscherin Julia Fischer kostbar, denn ihre Erkenntnisse basieren auf Langzeit­beobachtungen. Sie läuft ihr aber auch davon – der Lebensraum vieler Affenarten schrumpft

Nach zehn Jahren wird es allmählich spannend. So lange muss die Biologin Julia Fischer ihre Primaten in der afrikanischen Savanne beobachten. Sie streift mit den Affen stundenlang bei Hitze und hoher Luftfeuchtigkeit durch den Busch, Insekten ausgesetzt, oft in gebückter Position – ein Knochenjob. Erst der Vergleich mit mehreren Generationen führt in der Verhaltensforschung zu Erkenntnissen über die Lebensgeschichte der Tiere. Aktuell beschäftigt sich Julia Fischer zum Beispiel mit der Frage, ob Primaten mit zunehmendem Alter ihr Verhalten ändern.

Julia Fischer: Ältere Weibchen werden im sozialen Umgang selektiver, pflegen weniger, aber dafür engere Kontakte. Beim Nachwuchs zeigt sich sehr deutlich eine frühe Phase außergewöhnlicher Neugier, die aber auch schnell nachlässt.

So weit, so menschlich. Dass der Mensch aber erlernt hat, sich nicht nur im Raum, sondern gedanklich auch in der Zeit zu bewegen, reflektierend und vorausschauend zu denken, ist eine der großen evolutionären Errungenschaften des Homo sapiens. Für Julia Fischer steht die Entdeckung der Zeit gleich hinter der Entwicklung der Sprache als wichtigste Leistung unserer Spezies. Sie stellt beide Fähigkeiten sogar in einen direkten Zusammenhang. Allerdings ist in der Wissenschaft bis heute ungeklärt, ob das Wissen um die Zeit zur Entwicklung der Sprache beitrug oder ob es die Sprache ermöglichte, das Gestern und Heute zu artikulieren und somit die ewige Gegenwart des Daseins zu durchbrechen.

Affen leben ohne Vorstellung von Zeit

Die Vorstellung von Zeit beschränkt sich bei den Affen auf ein Gefühl für den Tagesablauf. Vergangenheit und Zukunft gibt es für sie nicht, auch nicht das Wissen um die Endlichkeit ihres Lebens. Lange Zeit glaubte man sogar, sie würden keine Trauer empfinden, wenn Mitglieder der Familie sterben. An ihrem Verhalten lässt sich das nämlich nicht immer ablesen. Erst durch Hormonanalysen konnten Kollegen feststellen, dass der Tod von Verwandten hohe Mengen an Stresshormonen freisetzt. Zeitstress oder Langeweile kennen Primaten dagegen überhaupt nicht, jedenfalls nicht im Freiland. Gleichwohl können sie sich aber ihre Zeit verschieden einteilen. Wir beobachten zum Beispiel bei Affen, dass Futterknappheit zwei Dinge auslöst: Die Kinder spielen weniger, weil auch sie nach Futter suchen müssen, und die Erwachsenen schränken ihre sozialen Interaktionen ein.

Ein Aspekt ihrer Zeit: Sie hat keine

Das Thema Zeit betrifft Julia Fischer in mehreren Aspekten. Einer davon ist, dass Sie eigentlich gar keine hat. Sie koordiniert ein Forschungsvorhaben im Rahmen der Exzellenzstrategie von Bund und Land. Zusammen mit Kollegen aus verschiedenen Disziplinen geht es um die Einrichtung eines Forschungszentrums zur Primatenkognition. Gerade erreichte sie die Nachricht, dass sie es in die nächste Runde geschafft haben. Bis Februar muss sie nun die umfangreiche Bewerbung vorbereiten. Und dann warten: Im Herbst 2018 fällt das Auswahlgremium seine Entscheidung. Es geht um 47 Millionen Euro für einen Zeitraum von sieben Jahren.

Wir wollen die kognitiven Mechanismen im sozialen Verhalten erforschen. Die Frage, ob man Verhalten vom Geisteszustand seines Gegenübers abhängig macht? Aber auch: Sind schnelle Entscheidungen nach Daumenregeln vielleicht effizienter als komplexe Überlegungen, die möglichst viele Faktoren miteinbeziehen?

Durch die langen Zeiträume ihrer Forschungsvorhaben trägt jedes die Gefahr des Scheiterns immer schon in sich. In der Wissenschaft ist es unmöglich, ein Projekt für zehn Jahre oder länger zu finanzieren. Um es zum bestmöglichen Ergebnis zu führen, muss Fischer auf halber Strecke neues Geld auftreiben. Und selbst wenn das gelingt, bleiben immer noch viele Unwägbarkeiten, die sie nicht beeinflussen kann.

Der Lebensraum verschwindet – das Ende der Langzeitstudien

Viele der von ihr und ihrem Team beobachteten Populationen leben in potenziellen Bürgerkriegsgebieten. Ebenso drohen dort mitunter Epidemien. Der jüngste Ebola-Ausbruch in Westafrika etwa hätte fast das Ende für ein Projekt von Fischer im Senegal bedeutet. Es bestand die Gefahr, dass sich die Seuche auch dorthin ausbreitet. Das langfristig größte Problem ist aber das Artensterben, sodass Langzeitbeobachtungen vielleicht bald nicht mehr möglich sein werden. Der Lebensraum für Primaten schwindet, weil der Mensch beispielsweise die Wälder rodet, um Platz für die Produktion von Palmöl zu schaffen.

Diese Entwicklung ist sehr alarmierend. Es bleibt uns keine Zeit. Wenn wir jetzt nichts unternehmen, werden viele Arten in spätestens 20 Jahren nicht mehr existieren. Ich beobachte diese Tiere seit Langem, sehe so viel Schönheit und lerne immer noch so viel. Es wäre ein großer Verlust.

Angesichts der langen Zeiträume ihrer Studien weiß Julia Fischer, dass sie in ihrer Karriere nur noch eine sehr begrenzte Zahl an großen Forschungsprojekten durchführen können wird. Sie versucht heute, ihre Zeit sehr bewusst einzusetzen. Für die Vorhaben und Personen, die ihr wirklich wichtig sind. Manchmal, so sagt sie, gehe es ihr da nicht viel anders als ihren Affen: Auch sie werde selektiver in ihren sozialen Kontakten, die sie dafür aber viel intensiver pflege. Zeit ist kostbar.


Julia Fischer ist Professorin für Primatenkognition an der Biologischen Fakultät der Georg-August-Universität Göttingen.