Warten

Don’t panic!

Autor: André Bosse |
Foto: Leonhard Rothmoser (Illustration)
Zeit ist Luxus, Zeit ist Geld. Aber wehe, wir haben Wartezeit. Dann keimt Unbehagen auf, und schon fliegen die Finger übers Smartphone. Was ist eigentlich los mit uns? Eine Frage an den Zeitforscher Karlheinz Geißler

Es ist paradox. Fragt man einen erfolgreichen Menschen, an was es ihm im Leben fehle, antwortet er mit hoher Wahrscheinlichkeit: Zeit. Mutet man jedoch derselben Person zu, länger als aus ihrer Sicht nötig im Restaurant auf einen Tisch oder am Bahnsteig auf den Zug zu warten, wird sie ungeduldig, nicht selten ungehalten und aggressiv. Anscheinend funktioniert es nicht, das Warten als geschenkte Zeit zu begreifen. Statt sie zu genießen, wird sie zur Qual. Warum ist das so? Und wieso kleistern wir unsere Wartezeit so manisch mit allerlei hohlen Internetaktivitäten zu?

Anruf beim Zeitforscher Karlheinz Geißler. Der emeritierte Professor ist von Haus aus Ökonom, seit 2000 publiziert er über die Phänomene der Zeit: die Pausen und die Eile, die Gleichzeitigkeit und das Warten. Geißler besitzt keinen Führerschein, trägt keine Uhr, und wer zu Beginn des Gesprächs die Floskel „Danke für Ihre Zeit“ fallen lässt, bekommt zu hören: „Hätte ich keine mehr, wäre ich tot.“

Geißler bestätigt zunächst einmal die grundlegende Erfahrung eines jeden Behördenbesuchs mit Wartemarke oder Aufenthalts in einer Callcenter-Warteschleife: „Wartezeit kommt uns Menschen länger vor. Um rund ein Drittel dehnt sie sich gefühlt aus, hat die Forschung herausgefunden.“ Wartezeit ist also nicht nur ein Geschenk, sondern auch eine Art „Zeit XXL“. Das Problem, sagt der Zeitforscher, ist nur, dass das Warten ein mieses Image besitze, das erkenne man ja schon am sprachlichen Kontext, in dem dieser Begriff stehe: Der Mensch werde zum Warten verdammt und verurteilt, er fühle sich der elendigen Warterei ausgeliefert, als stelle das Warten die Menschenwürde infrage. „Warten gilt als Defekt und Systemfehler.“ Andererseits aber ist es unvermeidbar – und wird damit in einer Welt, die alle Fehler beheben will, vollends zur Zumutung.

Warten als Ware

Dabei kann es auch ein großes Glück sein. Der Philosoph und Soziologe Walter Benjamin hat aus dem Warten eine Kulturtechnik entwickelt. Er war ein kränkliches Kind, verbrachte viel Zeit im Bett, die keinen anderen Nutzen hatte, als zu seiner Genesung beizutragen.

„Für den geduldigen Walter 
Benjamin wirkte das Warten 
wie ein Hallraum, in dem sich das eigentliche Ziel, also die Erlösung, verstärkte und umso 
begehrenswerter wurde“

André Bosse

Diese Erfahrung prägte ihn fürs Leben: Eine Reise empfand er später nur dann als schön, wenn sie mit viel Warterei verbunden war, und die Frauen schienen ihm umso schöner, „je getroster und länger ich auf sie zu warten hatte“.

Für den geduldigen Walter Benjamin wirkte das Warten wie ein Hallraum, in dem sich das eigentliche Ziel, also die Erlösung, verstärkte und umso begehrenswerter wurde. Wir kennen dieses Phänomen noch schemenhaft aus unserer Kindheit: die Magie der Bescherung an Weihnachten oder am Morgen unseres Geburtstags.

Die Moderne und ihr Motor, der Kapitalismus, jedoch wollen diesen Hallraum so klein wie möglich machen, indem sie uns immer neue Möglichkeiten anbieten, zwischendurch kleine Erlösungen zu finden, findet Zeitforscher Geißler. „Deshalb hat sich eine Form des Wartens durchgesetzt, die man mit Geld verrechnen kann.“ Warteareale fungieren nicht mehr als Stationen auf dem Weg zur Erfüllung, sondern als Konsumzonen. „Schauen Sie sich die Bahnhöfe oder Flughäfen an, die Vielfalt der Kaufanreize ist phänomenal. Und autonom fahrende Autos werden auch deswegen gebaut, damit Sie die Hände vom Lenkrad nehmen und während der Fahrt im Internet Geld ausgeben können.“

Der moderne Kapitalismus hat aus dem Warten eine Ware gemacht? Ja, zum Teil schon. Und wie gerufen kommt ihm dabei die digitale Technik, die wie selbstverständlich jegliche Wartezeit okkupiert. Wie ein Streber dem Lehrer drängt sich in jedem freien Moment das Smartphone auf: schnell noch ein Tweet oder eine Nachricht, ein Blick ins Netz oder eine Bestellung. Immer geht alles ganz schnell – und wenn man mal auf etwas warten muss, zum Beispiel auf eine Bestellung beim Onlinehändler, dann werden die Statusmeldungen zu einer Art Liveticker des Konsums: Bestellung erhalten, Bezahlung erfolgreich, Produkt versandfertig, Ware unterwegs, Bringdienst liefert morgen.

Das Warten als Event. Doch seltsamerweise sinkt der Euphoriespiegel ausgerechnet dann, wenn der Paketbote klingelt. Wie gesagt: Für Walter Benjamin wurden die Frauen attraktiver, je länger er auf sie warten musste. Beim digitalen Liveticker-Kauf ist es oft andersherum: Je höher die Schlagzahl beim Warten, desto fahler die Erfüllung.

 

Alles so schön unscharf hier

Tom Chatfield kennt diese Gleichung, der Autor und Redner ist ein teilnehmender Beobachter des digitalen Kulturwandels. Wartet der Mittdreißiger am Flughafen oder an der Supermarktkasse, nestelt auch er nervös am Handy herum, statt sich dem Warten hinzugeben. „Das Problem des digitalen Zeitalters ist seine Unschärfe“, sagt er. „Es gibt einen Kampf gegen die Langeweile, alles geschieht schnell und effizient – aber zu welchem Zweck, das ist überhaupt nicht klar.“ Hauptsache: Action!

In Unternehmen zum Beispiel werde die Zeit, die ein Team gewinnt, weil die IT bestimmte Tasks übernimmt, genutzt, um noch mehr Meetings abzuhalten, die Geschäftigkeit suggerieren. „Pseudo-Arbeit“, nennt Chatfield das. Oder auch: als Management getarnte Sinnlosigkeit. Da sei es sinnvoller, einfach vor den Computern zu sitzen und zu warten. „Wir müssen uns dazu disziplinieren, das Nichtstun wieder zuzulassen. Denn das Interessante ist ja: Je weniger scheinbaren Sinn wir in die Wartezeit hineinstopfen, desto deutlicher wird der eigentliche Sinn dessen, auf das wir warten.“ Hier spricht der Philosoph. Aber Chatfield ist eben auch Tech-Nerd: „Mir selbst fällt die Umsetzung wahnsinnig schwer. Zu warten und dieses Warten auch geschehen zu lassen, führt bei mir zu einem spürbaren Unbehagen.“

Irgendwo ist immer mehr los

Ja, wir alle sind oder werden digitale Junkies. Die Therapie: Entgiftung und kalter Entzug? Moment, denn hier kommt Christian Keysers ins Spiel und erklärt die Sache anders. Der Deutsch-Franzose ist einer der führenden Neurowissenschaftler Europas, sein Spezialgebiet ist die Frage, wie sich menschliche Verhaltensweisen mit einem Blick ins Gehirn erklären und begründen lassen. Der moderne Mensch denkt ja gerne, er habe sich von den Jägern und Sammlern, die wir einmal waren, vollkommen entkoppelt. Doch die Evolution steckt weiter in uns, viele Dinge, die wir tun, haben ihren Ursprung in einer Zeit, als der noch junge Homo sapiens mit dem Säbelzahntiger um die Beute konkurrierte.

Bedingt durch den evolutionären Überlebenskampf lag der Mensch damals auf der Lauer, machte sich ein Bild der Lage und zog Bilanz, sagt Keysers: „Glaubte er, dass es in einer Umgebung genügend Ressourcen gebe und ihn anderswo nicht deutlich mehr erwartete, fühlte er sich ruhig, konnte er sich auf diesen Ort fokussieren und entspannt warten. Setzte sich jedoch die Erwartung durch, dass es anderswo mehr zu holen geben könnte, stieg die Unruhe, dann fühlte er den inneren Drang weiterzuziehen.“ Auch der Steinzeitmensch empfand also das Warten als Qual, wenn er glaubte, dass es anderswo mehr zu holen gab.

Das Faszinierende ist, dass dieses frühzeitliche Zusammenspiel zwischen Gehirn und Verhalten auch heute noch neurologisch messbar ist. Geändert hat sich die Umwelt: Der Säbelzahntiger ist als Wettbewerber verschwunden, deutlich zugenommen hat dagegen die Dichte an attraktiven Alternativen. Keysers sagt: „Die Ressourcen der digitalen Welt flimmern auf den Displays, überall locken Kommunikation und Konsum. Unser achtsames Gehirn registriert überall Versprechungen.“ Dadurch wird die Unruhe zum Dauerzustand und das Warten somit zur evolutionär bedingten Höchststrafe: Wir müssen unsere Erfüllung nicht nur aufschieben. Wir müssen sogar befürchten, beim Warten ständig etwas zu verpassen – schließlich könnte es immer irgendwo viel besser sein als im Hier und Jetzt. Und sei es in der virtuellen Welt der Tweets, Chats, News und Postings.

Mach’s wie Federer!

„Dass es anderswo abgeht, während wir warten, ist bekanntlich ein Irrglaube“, sagt Digitalexperte Tom Chatfield. Eine schiefe Wahrnehmung, so wenig valide wie der Eindruck, man stehe im Supermarkt grundsätzlich in der falschen Schlange oder die Wartezeit an der Ampel verkürze sich, wenn man zweistatt einmal auf den Knopf drückt. Chatfield schlägt einen Perspektivwechsel vor: „Warten ist häufig unbequem. Aber es ist eine Kompetenz, das zu akzeptieren, statt diese vermeintliche Störung ständig durch Ersatzhandlungen entstören zu wollen.“ Was man stattdessen machen kann, ist selbstbewusst und mit innerer Ruhe zu warten. Den abgeklärten Reisenden erkennt man daran, dass er beim ersten Boarding-Aufruf nicht sofort aufspringt. Wer häufig im Stau steht, kommt nicht auf die Idee, dass ihn ein ständiger Spurwechsel schneller voranbringe.

„Die wahren 
Könner im Tennis und in der 
Comedy verstehen sich darauf, im entscheidenden Moment einen Tick länger 
als gedacht zu 
warten. Schon sitzen Return und Pointe besser“

Holm Friebe

„Bildung ist ein Wartenkönnen“ – so hob Theodor W. Adorno das Warten in gedankliche Höhen, wobei er nicht dazu auffordern wollte, auf der faulen Haut zu liegen und darauf zu warten, dass einem der Apfel der Erkenntnis auf den Kopf falle. Was der Philosoph meint, beschreibt Holm Friebe in seinem Buch „Die Stein-Strategie“: Die wahren Könner im Tennis und in der Comedy verstehen sich darauf, im entscheidenden Moment einen Tick länger als gedacht zu warten. Schon sitzen Return und Pointe besser. Souveränes Warten – nicht zu lang, nicht zu kurz – wäre damit nicht nur eine Kulturtechnik, sondern auch ein Erfolgsrezept. In der Wirtschaft, wo sich Geduld und Erfahrung in der Regel eher auszahlen als Rastlosigkeit und Hektik, darf es als gesichert gelten. Und in der Liebe sowieso. Aber ach, wenn es nur nicht so schwer wäre.