Warten

Lob den Langmütigen

Autor: Matthias Sutter |
Foto: Tobias Haller, 360° Creative
Ist Geduld eine Eigenschaft allzu braver 
Rädchen im Getriebe? Auf keinen Fall, findet 
der Verhaltensökonom Matthias Sutter

Schon bei Kindergartenkindern lässt es sich beobachten: Da sind die Ungestümen, Ungeduldigen. Sie greifen sofort zu, wenn eine Süßigkeit vor ihnen auf dem Tisch liegt. Das Versprechen, sich mit ein wenig Geduld mehr zusätzlich Süßes verdienen zu können, verfängt bei diesen Kindern nicht. Auf dem anderen Ende der Skala die kleinen Meister der Selbstkontrolle: Solche Kinder halten durch und beherrschen sich – um am Ende mit der doppelten Portion belohnt zu werden. Das berühmte Marshmallow-Experiment des Harvard-Psychologen Walter Mischel ist auch für uns Ökonomen interessant: Wer im Grundschulalter schon Schwierigkeiten hatte, geduldig abzuwarten, tendiert auch als Erwachsener zu Impul-sivität oder schiebt Unangenehmes permanent vor sich her. Längsschnittstudien zeigen, dass Menschen mit wenig Selbstkontrolle zum Beispiel mit höherer Wahrscheinlichkeit zu wenig fürs Alter zurücklegen. Selbst bei ausreichend hohem Einkommen geben sie lieber aktuellen Impulsen nach und vertagen das Sparen auf die Zukunft.

„Ausdauer ist ein Erfolgsfaktor – sowohl für ein Individuum als auch für Organisationen“

Prof. Dr. Matthias Sutter

In einer Studie in Nordtirol haben wir zum Beispiel Jugendliche wählen lassen, ob sie lieber zehn Euro sofort oder höhere Beträge drei Wochen später bekommen wollen. Von denjenigen, die hier besondere Geduld bewiesen, hatten drei Jahre später deutlich weniger mit dem Rauchen oder Trinken von Alkohol begonnen. Ähnliche Ergebnisse lassen sich aus der sogenannten Dunedin-Langzeitstudie ableiten: Neuseeländische Wissenschaftler beobachteten über Jahrzehnte hinweg das Verhalten von über 1000 Einwohnern der Stadt Dunedin. Alle Probanden gehörten zum gleichen Geburtsjahrgang aus den 1970ern. Vom Kindergartenalter an bis weit ins Erwachsenenleben kamen sie zu Erhebungen ins Studienzentrum der Wissenschaftler, bis zum Jahr 2011 insgesamt zwölf Mal. Extrem Ungeduldige, zeigte sich auch hier, brachen zum Beispiel mit größerer Wahrscheinlichkeit die Schule ab oder scheiterten in ihrer Ehe.

Wie Grammatik Geduld begünstigt

Ohne Frage: Viele Faktoren spielen eine Rolle dabei, ob jemand seine Finanzen im Griff hat, vorausschauende berufliche Entscheidungen trifft oder gesund lebt. Das Glück, zur richtigen Zeit auf die richtigen Menschen zu treffen, zählt zu diesen Faktoren, Begabung, Umweltbedingungen, die individuelle physische Konstitution. Intelligenz ist ein wesentlicher Faktor, der eng mit der Fähigkeit zur Geduld verbunden ist. Doch ein Mensch mit geringerer Intelligenz, aber großer Ausdauer, kann es unter Umständen gleich weit bringen wie jemand mit höherer Intelligenz, aber geringerer Ausdauer und Geduld. Interessanterweise scheint auch der Sprachraum, in den Menschen hineingeboren werden, deren Vermögen zur Selbststeuerung zu beeinflussen. Sprachen wie das Deutsche oder Japanische, in denen man auch ohne grammatikalische Zukunftsform über die Zukunft sprechen kann, begünstigen tendenziell ein eher geduldiges Verhalten. Eine Studienarbeit der Yale-Universität aus dem Jahr 2013 dazu hat weltweit Beachtung gefunden.


DER MARSHMALLOW-TEST

Zwischen 1968 und 1974 führte der Psychologe Walter Mischel Experimente zum Belohnungsaufschub durch. Der Forscher und sein Team boten vierjährigen Kindern eine Süßigkeit an und stellten sie vor die Wahl, diese entweder sofort zu essen oder nach rund 15 Minuten eine zweite zu bekommen. Die durchschnittlichen Wartezeiten der Kinder betrugen meist sechs bis zehn Minuten.


Was bedeuten solche Erkenntnisse für die Wirtschaft? Ausdauer ist ein Erfolgsfaktor – sowohl für ein Individuum als auch für Organisationen als Ganzes. Eine österreichische Studie mit 250 Unternehmern hat etwa Belege dafür gefunden, dass es einen klaren Zusammenhang zwischen wirtschaftlicher Entwicklung und der Persönlichkeit der Firmenchefs gibt. Steht ein Manager an der Spitze, der sich selbst als geduldig und weniger am schnellen Gewinn interessiert beschreibt, sind Unternehmen langfristig tendenziell erfolgreicher. Ebenso wie in Familien sind es in Organisationen die Anreize, die Ausdauer entweder belohnen oder erschweren. Erleben Kinder zum Beispiel, dass versprochene Belohnungen für Beharrlichkeit immer wieder ausbleiben, hat das weitreichende Folgen. Sie lernen, dass sie kein Vertrauen in Zusagen der Erwachsenen für die Zukunft haben können, wie eine Untersuchung der US-amerikanischen Universität von Rochester gezeigt hat. Dementsprechend entscheiden diese Kinder sich häufiger dafür, auf den schnellen Genuss anstatt auf geduldiges Abwarten zu setzen.

Eine Frage der Anreize

Ob Menschen für eine gewisse Zeit eigene Bedürfnisse hintanstellen können, ist also maßgeblich abhängig davon, von wie viel Vertrauen ihr soziales Umfeld geprägt ist. Ein Unternehmer in einem chaotischen Bürgerkriegsland etwa verhält sich rational, wenn er seinen Betrieb schließt, anstatt jahrelang unter unberechenbaren Bedingungen weiterzuarbeiten. Mitarbeiter, die auf Dauer erfahren, dass fest versprochene Beförderungen unterbleiben und Beharrlichkeit sich nicht lohnt, werden ihr Engagement herunterfahren. Predigt eine Führungskraft Ausdauer beim Erreichen von Zielen, verhält sich aber selbst sprunghaft, hat das einen ähnlichen Effekt. Mitarbeiter gewinnen in solchen Fällen den Eindruck, dass ihre Beharrlichkeit ausgenutzt wird – und werden nach einfacheren, kürzeren Wegen suchen, sich Vorteile zu verschaffen.

„Auch impulsive Menschen können lernen, ihre Selbstkontrolle zu verbessern“

Prof. Dr. Matthias Sutter

Die positive Nachricht daran ist: Geduld ist kein statischer Persönlichkeitszug, sondern unseren Forschungen nach beeinflussbar. Auch impulsive Menschen können lernen, ihre Selbstkontrolle zu verbessern – wenn sie die richtigen Anreize bekommen oder sich selbst setzen.

Studien aus den USA und den Niederlanden weisen darauf hin, dass regelmäßiges kognitives Training etwa mit Logik- und Konzentrationsaufgaben hilft, die Selbstkontrolle zu verbessern. Sinnvoll ist es auch, Routinen zu schaffen und den Aufwand zu reduzieren, den zukunftsorientierte Handlungen bereiten. So bewähren sich zum Beispiel Modelle, bei denen Mitarbeiter nur dann tätig werden müssen, wenn sie nicht in eine betriebliche Altersvorsorge einzahlen wollen. In US-Firmen, die diese sogenannte Opt-out-Regelung anbieten, zahlen weitaus mehr Menschen in die Versorgungskassen ein als dort, wo Mitarbeiter selbst eine Aufnahme in Versorgungskassen beantragen müssen.

Was lässt sich aus solchen Mechanismen für die gesamte Gesellschaft lernen? Wie müssen Bildungswesen, Arbeitswelt und politische Systeme organisiert sein, um mehr Menschen zu Ausdauer und Selbstkontrolle zu animieren? Wie wirkt sich eine durchdigitalisierte, beschleunigte Welt langfristig aus auf unsere Geduldsfähigkeit? Noch kennen wir die Antworten auf diese Fragen nicht – aber es lohnt sich, weiter beharrlich daran zu forschen.


Prof. Dr. Matthias Sutter ist Volkswirt und Direktor am Max-Planck-Institut zur Erforschung von Gemeinschaftsgütern in Bonn. Er lehrt an der Universität Köln.