Warten

Manchmal ist Warten keine Option

Autor: Janina Groffmann |
Foto: Fotolia, Shutterstock (2), privat
... denn die Digitalisierung bestraft Zauderer. Die Gründer von Authentic Vision haben sich deshalb beeilt. Ihre Idee: Produkten einen Fingerabdruck geben und Plagiaten den Kampf ansagen. Eine überzeugende Geschäftsidee, findet TAKKT – und investierte

An einem Abend vor sechs Jahren ist Thomas Weiß bei Freunden zum Essen eingeladen. Diese erzählen ihm davon, dass sie Medikamente jetzt online bestellen. Die Kinder spielen neben dem Esstisch. „Habt ihr denn keine Angst vor Fälschungen?“, fragt der Softwareingenieur. Darüber hatten sich die Freunde gar keine Gedanken gemacht – und beschließen, doch lieber wieder in die Apotheke um die Ecke zu gehen. Den damals 28-Jährigen lässt die Frage nicht mehr los: Wie kann man dafür sorgen, dass jeder Kunde schnell und unkompliziert weiß, ob ein von ihm gekauftes Produkt ein Original ist? Die zündende Idee kommt ihm eines Abends im Bett: Das Muster der Raufasertapete an der Wand sieht an jeder Stelle etwas anders aus. Weihnachten 2011 reicht er sein erstes Patent für ein „dreidimensionales optisches Feature“ ein.

Dreidimensionales Hologramm zur Identifikation

Heute, sechs Jahre später, haben Thomas Weiß und sein Mitgründer Jürgen Mathwich aus der Idee ein Unternehmen gemacht, „Authentic Vision“ mit Sitz in Salzburg. Auf das zu schützende Produkt wird ein dreidimensionales Hologramm geklebt. Mit der passenden App „CheckIfReal“ kann der Kunde es dann scannen und die Echtheit verifizieren. Dafür wird bei der Produktion ein dreidimensionales Foto des Hologramms mit der dazugehörigen Seriennummer gespeichert. Jedes dieser Hologramme ist einzigartig, und es ist technisch nicht möglich, das Hologramm zu fälschen – sogar für Authentic Vision. Dabei macht sich das Unternehmen kleine Ungenauigkeiten zunutze, die beim Druck des Hologramms entstehen. „Hier haben wir einen Drucktechniker gebeten, ein von uns vorgegebenes Hologramm nachzudrucken“, erklärt Weiß und zeigt ein Blatt Papier. Und tatsächlich: Alle darauf abgebildeten Motive sehen etwas anders aus. „Jedes Motiv ist individuell, wie der Fingerabdruck eines Menschen.“

„Wie kann man dafür sorgen, dass jeder Kunde schnell und unkompliziert weiss, ob ein von ihm gekauftes Produkt ein Original ist?“

Thomas Weiß

Die App braucht nicht mal eine Sekunde, um das Hologramm zu scannen und das Ergebnis anzuzeigen: einen grünen Haken, wenn es ein Original ist, ein rotes Kreuz bei einer Fälschung. „Unsere Lösung ist zehn Mal so schnell wie alles, was bis dato am Markt war“, sagt Weiß. Denn heutzutage haben die Kunden keine Geduld mehr. „Wir haben sehr lange daran getüftelt, das so schnell hinzukriegen.“

Riesiger Markt für Produktfingerabdruck

Der Markt für den Produktfingerabdruck ist gigantisch. In jedem Lebensbereich begegnen uns potenziell gefälschte Produkte. Fast alle Branchen sind davon betroffen. Dadurch entsteht ein hoher wirtschaftlicher Schaden: Die Europäische Union schätzt, dass bis zu zehn Prozent des Welthandels auf Plagiate entfallen. Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag bezifferte die Summe allein für Deutschland auf 30 Milliarden Euro pro Jahr. Neben Umsatzverlusten drohen den Firmen auch die Schädigung der Marke durch den Vertrauensverlust der Kunden und Produkthaftungsprozesse. Und während eine gefälschte Designertasche für den Kunden zurückgreieher ein Ärgernis ist, wird es in anderen Bereichen richtig gefährlich. Zum Beispiel, wenn ein Medikament oder Kosmetikprodukt aus minderwertigen Inhaltsstoffen besteht. Oder nachgemachte Bauteile einer Industrieanlage dafür sorgen, dass die ganze Produktion stillsteht. „Der E-Commerce wird in den nächsten Jahren explodieren“, sagt Weiß. „Gleichzeitig ist das ein unsicherer Kanal: Man weiß oft nicht genau, wo man bestellt, und auch auf dem Postweg kann etwas ausgetauscht werden. Gerade deshalb brauchen die Kunden die Möglichkeit, Produkte selbst zu verifizieren.“

Thomas Weiß (34) gründete Authentic Vision kurz nach dem IT-Studium gemeinsam mit seinem Partner Jürgen Mathwich. Mittlerweile haben die beiden nicht nur ein Büro in Salzburg, sondern auch in San Francisco.

Unternehmen wissen, ob Fälschungen existieren

Auch die Unternehmen profitieren davon: Sie erhalten über eine Webplattform Daten zu den Scans und wissen so, ob Fälschungen ihrer Produkte im Umlauf sind. Gleichzeitig können sie in der App Informationen zu dem gescannten Produkt hinterlegen, wie Anleitungen, Hintergrundinformationen oder Videos, und so dem Kunden einen weiteren Mehrwert bieten und zur Markenbildung beitragen. „Jedes Produkt wird künftig einen digitalen Anteil haben – Stichwort: Internet of everything“, prophezeit Weiß. Entsprechend gut war auch die Resonanz auf ihre Idee. Direkt nach ihrer Patentanmeldung und Gründung fanden Weiß und Mathwich einen Business-Angel, der ihnen sein Netzwerk zur Verfügung stellte. Zwei Wochen waren sie mit ihm in London und Barcelona unterwegs, trafen Experten und Geschäftsführer möglicher Kunden. „Mit Personen dieses Kalibers zu sprechen, hat uns so viel weitergebracht“, erinnert sich Weiß. „Trotzdem brauchten wir zu Hause erst mal zwei Wochen, um alles zu verarbeiten.“

Umsatz im letzten Jahr vervierfacht

Danach ging es im selben Tempo weiter: Dolby Family Ventures, die Beteiligungsgesellschaft der Dolby-Familie, die hinter dem amerikanischen Sound-Konzern steht, wurde auf das österreichische Start-up aufmerksam. „Das hat uns die Türen in die Welt geöffnet“, so Weiß. Statt erst mal den europäischen Markt zu erobern, fanden sie ihren ersten Kunden direkt in den USA: HDMI Licensing, der Lizenzgeber des HDMI-Kabel-Standards. Mittlerweile hat Authentic Vision 25 Angestellte, ein internationales Netzwerk aus Experten und Vertriebsmitarbeitern und erwartet in diesem Jahr einen Umsatz im siebenstelligen Bereich, der sich zu gleichen Teilen auf Amerika, Afrika und Europa verteilt. „Wir haben den Umsatz im letzten Jahr vervierfacht und werden das dieses Jahr auch“, erzählt Weiß.

„Wir sagen nie ,Nein‘ oder ,das ist Blödsinn‘, sondern ,Ja, und wie können wir das umsetzen?‘“

Thomas Weiß

2017 stieg die TAKKT-Beteiligungsgesellschaft ein. „Authentic Vision hat ein immenses Potenzial in der Zukunft des E-Commerce, auch für unsere eigenen Geschäftsmodelle“, sagt Franziskus Josten, Leiter der TAKKT-Beteiligungsgesellschaft in Stuttgart. Und auch Weiß sieht TAKKT als perfekten Partner: „Wir haben noch viel Entwicklungspotenzial im deutschen Markt, und das Unternehmen hat hier ein großes Netzwerk aus Kunden und Lieferanten. Außerdem ist TAKKT in seinem Bereich ein Vorreiter, was die Digitalisierungsstrategie angeht. Und wir können bei vielen Themen auf die Expertise der Mitarbeiter zurückgreifen wenn wir Hilfe brauchen, zum Beispiel bei rechtlichen Fragen. Denn als Start-up macht man ja vieles zum ersten Mal.“

Gemeinsame Projekte mit TAKKT

Gemeinsame Projekte laufen bereits: TAKKT will die Technik von Authentic Vision für seine Eigenmarken nutzen, um mit dem Hologramm Produktinformationen wie Anleitungen, Videos oder Wartungsinformationen zu hinterlegen. „Unsere Produkte sind Qualitätsprodukte. Dazu gehört für uns auch, dem Kunden einen zusätzlichen Mehrwert zu bieten“, erklärt Josten. Gemeinsam mit der Haniel-Digitaleinheit Schacht One arbeiten Kollegen von Authentic Vision und TAKKT an weiteren Anwendungsmöglichkeiten, zum Beispiel beim Prüfplaner. Auf dieser von TAKKT-Tochter KAISER+KRAFT und Schacht One entwickelten Onlineplattform können Unternehmen alle vorgeschriebenen Prüfungen und Wartungen ihrer Betriebsmittel wie Leitern, Regale oder Feuerlöscher dokumentieren und steuern. Denkbar ist, dass die Wartungen künftig nachgewiesen werden können, indem der Prüfer den Fingerabdruck des entsprechenden Produkts scannt.


 

So funktioniert die Idee von Authentic Visions in der Praxis

KENNZEICHNEN: Erzeugung eines einmaligen, fälschungssicheren 3D-Merkmals

SCANNEN: Prüfung via Smartphone, ob ein Produkt tatsächlich das Original ist

ANALYSIEREN: Wer, wo, wie – Markt- und Produktinformationen in Echtzeit


 

Im nächsten Jahr wird außerdem der erste „Digital Entrepreneur“ – so heißen die Teilnehmer des digitalen Traineeprogramms von TAKKT – drei Monate bei Authentic Vision mitarbeiten. Dabei kann er sich auch im Hinblick auf die Unternehmenskultur einiges abschauen: „Etablierte Unternehmen müssen ihre Strukturen und Prozesse hinterfragen. Kurze Entscheidungswege und ein transparenter Informationsfluss sorgen nicht nur für mehr Tempo und Agilität, sondern auch für Attraktivität“, sagt Weiß. „Die Millennials bleiben nicht mehr wegen Geld oder Jobsicherheit.“ Weiß und sein Team mussten in den letzten Jahren an ihren Herausforderungen wachsen und haben trotzdem eine offene Kultur beibehalten: Die Hierarchien sind flach, die Ideen von jedem zählen, ob Gesellschafter oder Praktikant, und alle Weiterentwicklungen sind radikal kundenorientiert. „Wir sagen nie ,Nein‘ oder ,Das ist Blödsinn‘, sondern ,Ja, und wie können wir das umsetzen?‘“, erklärt Weiß. Und mit dieser Strategie arbeiten sie an ihrer Vision: „In fünf Jahren wollen wir weltweit Standard für die Authentifizierung von Produkten sein und Unternehmen dabei unterstützen, mit ihren Produkten auch einen digitalen Mehrwert zu bieten.“


FRISCHER WIND

Anfang 2016 hat TAKKT eine Beteiligungsgesellschaft gegründet, um sich an jungen, innovativen Unternehmen zu beteiligen. Der Haniel- Geschäftsbereich konzentriert sich dabei auf Start-ups, die auf B2B-Spezialversandhandel oder Dienstleistungen entlang der Wertschöpfungskette der TAKKT-Gesellschaften spezialisiert sind. Franziskus Josten, Leiter der Beteiligungsgesellschaft, erklärt die Hintergründe.

 

Warum eine eigene Beteiligungsgesellschaft?

[FRANZISKUS JOSTEN] Wir haben durch andere Akquisitionen gemerkt, dass ein frischer Blick von jungen Gründern hilft. Sie bringen eine andere Art zu arbeiten und neue Technologien mit. Die Beteiligungsgesellschaft ist also einerseits ein Radar für Technologien und Geschäftsmodelle, die wir so früher erkennen als der Wettbewerb, und andererseits auch ein Jungbrunnen für unser Unternehmen: mit neuen Ideen und einer neuen Kultur.

Was bietet TAKKT den Start-ups?

[JOSTEN] Wir sind ein „Smart Investor“ und machen keine klassischen Übernahmen, bei denen die Start-ups in das Unternehmen integriert werden sollen. Wir sehen uns als Sparringspartner und unterstützen sie mit unserem Wissen, zum Beispiel im Bereich Einkauf oder Lagerprozesse. Die Gründer wissen, dass sie mich jederzeit anrufen können. Es gibt noch nicht viele solche Modelle in Deutschland im B2B. Außerdem bieten wir Zugang zu B2B-Kunden und zu internationalen Märkten. Viele Start-ups fragen sich zum Beispiel, wie sie nach Amerika kommen. Da haben wir die Expertise.

Wie sieht das Feedback bisher aus?

[JOSTEN] Wir haben viel positive Resonanz bekommen, auch von den Gründern. Die Start-up-Szene ist recht klein und gut vernetzt, und wir sind mittlerweile bekannt. Insgesamt haben wir in sechs Start-ups investiert. Mit allen laufen gemeinsame Projekte mit ganz verschiedenen Abteilungen bei uns.