Warten

Weiter, immer weiter

Autor: Sonja Hausmanns |
Foto: Max Brunnert
„Am Ende wird alles gut. Und wenn es noch nicht gut ist, ist es nicht das Ende.“ Es ist, als hätte Oscar Wilde das für die Gründerinnen von Kiwifalter geschrieben. Ihre Geschäftsidee umzusetzen, verlangte große Ausdauer – und die 
Unterstützung aus dem Social Impact Lab

Ein dunkler Flur irgendwo in Genf. Während Katja Kaltenbach darauf wartet, dass die Ballettstunde ihrer vierjährigen Tochter zu Ende geht, hält sie deren zweijährige Schwester mit Wortspielen bei Laune und gibt ihr Bestes, die Kleine von den Süßigkeiten am Ende des Ganges abzulenken. Drei Monate lang einmal in der Woche die gleiche Prozedur. Dann hat die Ältere keine Lust mehr auf Ballett – und Kaltenbach kommt nicht aus dem Vertrag raus. „Ich dachte mir, das muss doch anders gehen“, erinnert sich die ehemalige HR-Managerin an die Szene von 2003. Kaltenbach spricht mit anderen Müttern und Vätern und stellt fest, dass alle mit denselben Problemen kämpfen. Freizeit verursacht Familien Stress.

Das Treffen war der „Schicksalsmoment“

Kaltenbach fängt an zu überlegen, wie sich Organisation und Verträge für Familien flexibler gestalten ließen. Vielleicht mit einer Art Kinderhaus, in der Familien alles unter einem Dach finden? Zunächst bleibt das eine vage Idee, bis ihr Mann ein Jobangebot in Düsseldorf bekommt und die Familie 2009 nach Deutschland zurückkehrt. „Ich habe mir damals drei, vier Jahre gegeben, um herauszufinden, was daraus werden kann“, erzählt Kaltenbach. Sie ist noch nicht weit, als sie kurz darauf Stephanie Maus kennenlernt. „Das war die Idee, auf die ich zwei Jahre lang gewartet hatte“, erinnert sich Maus an diesen Schicksalsmoment, wie sie es nennt. Die damals 40-Jährige hatte zuvor in einem Kindermuseum als Assistentin der Geschäftsführung gearbeitet – ihr Traumjob. Als das Museum 2007 schließen musste, beschloss Maus: Ich warte jetzt einfach. Statt sich also woanders zu bewerben, fing sie noch einmal ein Studium an. „Ich war fest davon überzeugt: Ich darf nicht suchen, meine neue Aufgabe kommt von allein!“


Die Bedenkenträger sind zahllos, ihre Argumente kreativ

Warum nicht erstmal in einer Garage starten? Das geht doch viel schneller. Ach so, das hat mit Ihrer Idee nichts zu tun. Wissen Sie, so genau ...

... hat sich bei uns eh noch keiner mit dem Projekt beschäftigt. Kiwifalter sagen Sie? Alles klar, für Insekten ist der Kollege zuständig. Moment, ich stell Sie durch...

Apropos innovativ. Wir sind uns sicher, dass alle relevanten Erfindungen bereits gemacht wurden. Das Rad zum Beispiel. Oder der Fernseher. Außerdem: Haben Sie eigentlich ...

... schon einmal über das Thema Artenschutz nachgedacht? Da gibt es eine ganze Reihe Vorschriften, die eine Umsetzung Ihrer Idee nicht zulassen. Ach so, um Kinder geht's? Oh weia...

Dann ist es sowieso sinnlos. Denn, wissen Sie, diese Sachen mit Kindern - die rechnen sich eh nicht. Um es auf den Punkt zu bringen:

Das können Sie vergessen! Auf Wiedersehen!

Ein halbes Jahr lang haben Katja Kaltenbach und Stephanie Maus vor allem geredet und ein gemeinsames Ziel formuliert. Die beiden Gründerinnen wollen nicht weniger als dem Familien-Burn-out entgegenwirken. „Erstens, indem wir Familien organisatorisch entlasten. Und zweitens, indem wir behutsam einem gesellschaftlichen Trend entgegenwirken. Wir möchten Familien vermitteln: Ihr müsst keinen Fünfkampf machen. Kinder müssen nicht Musik, Sport und am besten noch Chinesisch lernen. Es geht uns nicht um noch mehr, sondern darum, einen Raum zu bieten, in dem sich Kinder entfalten und Neues entdecken können. Wo sie die eine Sache finden können, für die sie brennen. Es geht um Lebenskompetenz, darum, Kinder stark zu machen und Familien Freiheit zu schenken.“ Ergebnis all dieser Überlegungen ist Kiwifalter. Ein Haus für Familien, in dem Kinder von null bis 16 Jahren jede Menge Kultur- und Freizeitangebote finden.

Viele Angebote unter einem Dach

Das Konzept funktioniert folgendermaßen: Eltern schließen einen Familienvertrag ab. Wer beispielsweise zwei Kinder hat und für sie jeweils einen Kurs pro Woche buchen will, nimmt das Basispaket über acht Stunden im Monat. Umso mehr Zeit Familien buchen, desto günstiger wird die einzelne Stunde. Der Vorteil ist, dass die Kurse parallel unter einem Dach stattfinden – das eine Kind beispielsweise zum Werken geht und das andere in den Tanzkurs. Eltern fahren also nicht mehr kreuz und quer durch die Stadt oder müssen mit quengelnden Geschwisterkindern die Zeit totschlagen. Stattdessen können sie ins Café gehen, einkaufen oder in einem ruhigen Raum arbeiten. „Ein Ort, ein Ansprechpartner, aber jede Menge Möglichkeiten“, beschreibt Maus den Ansatz, und Kaltenbach ergänzt: „Die Familien buchen bei uns Zeit und eben nicht Werken oder Tanzen. Dazu gehört, dass sie auch mal den Kurs wechseln dürfen und wir ihnen immer wieder die Möglichkeit geben, Neues zu entdecken.“ Für ältere Kinder soll es Zehnerkarten geben, damit sie sich in stressigen Schulphasen auch mal aus Kursen rausziehen können. Für die Buchung der Kurse wollen die beiden Gründerinnen eine App anbieten. Alles soll so simpel wie möglich sein.


Was der Kiwifalter bietet


Gegen Wände und Widerstände

Es ist 2010, als Kaltenbach und Maus schließlich richtig loslegen – und erst einmal ausgebremst werden. Ob beim Jugendamt, im Baudezernat oder bei Banken: Immer wieder hören sie, ihre Geschäftsidee würde sich finanziell nicht rechnen. „Die ersten fünf Minuten haben wir oft gegen eine Wand geredet“, erinnert sich Kaltenbach. Aber der Businessplan der beiden Betriebswirtschaftlerinnen hat Hand und Fuß, sodass alle Gesprächspartner am Ende einsehen: Doch, das rechnet sich. Das sieht auch der Grundstücksbesitzer so, der den Frauen ein Gelände in Düsseldorf-Kaiserswerth zum Kauf anbietet. 5000 Quadratmeter, bestes Einzugsgebiet und verkehrsgünstig gelegen, „es war perfekt“, sagt Maus. Eine Bank, die mitzieht, ist relativ schnell gefunden. Doch die beiden bekommen für das Grundstück keine Baugenehmigung, dürften lediglich das Bestandsgebäude, ehemals Gastronomie, minimal verändern. „Wir haben uns angeguckt, und es war klar, dass wir nicht einfach aufgeben werden“, erzählt Stephanie Maus.

Der Kiwifalter lässt die Flügel hängen

Die beiden wenden sich an die Bezirkspolitik, insistieren und argumentieren. Immer und immer und immer wieder. Im Sommer 2011 dann die gute Nachricht seitens der Stadt: Wenn die Gründerinnen die Gastronomie erhalten, dürfen sie das Haus für Kiwifalter daneben bauen. Kaltenbach und Maus können ihr Glück kaum fassen – doch zwei Wochen später ist das Grundstück weg. Der Besitzer konnte nicht mehr warten und hat an einen anderen Bieter verkauft. Nach zwei Jahren harter Arbeit stehen die Gründerinnen wieder ganz am Anfang. Ein neuer Standort muss her, jetzt gerät Essen in den Fokus. Wieder gehen die beiden auf die Suche nach einem passenden Grundstück, wieder vernetzen sie sich mit den örtlichen Akteuren, wieder suchen sie Unterstützer für ihre Idee. Aber die Luft ist raus, der Kiwifalter lässt die Flügel hängen.


Das Social Impact Lab Duisburg unterstützt Sozialunternehmer mit einem achtmonatigen Förderprogramm bei Entwicklung und Umsetzung ihrer Geschäftsidee. Ziel ist es, ein regionales Netzwerk aufzubauen und Veranstaltungen sowie Qualifizierungsmaßnahmen anzubieten, um so die Entwicklung sozialer Innovationen in der Region Rhein-Ruhr nachhaltig zu verbessern. Interessierte können sich mit ihrem Gründungsvorhaben bewerben, alle drei Monate werden neue Teams in einem öffentlichen Pitch ausgewählt. Initiiert wurde das Lab von Haniel, der KfW Stiftung und der Prof. Otto Beisheim-Stiftung sowie der Social Impact gGmbH.


Dann bekommt Stephanie Maus nach einem Jahr einen Anruf, das Datum kennt sie genau: Es war der 12. Mai 2012. Am Apparat ist der Geschäftsführer von Doppstadt, jener Firma, die das Kaiserswerther Grundstück gekauft hatte. Den Kontakt hatten Maus und Kaltenbach schon kurz danach gesucht und vorgeschlagen, Doppstadt eine Hälfte des Grundstücks abzukaufen. Damals hatte sich der neue Besitzer zwar durchaus interessiert am Konzept von Kiwifalter gezeigt, aber um Bedenkzeit gebeten. „Wir hatten ehrlich gesagt nicht mehr damit gerechnet, dass es noch zu einer Zusammenarbeit kommt“, erzählt Maus. Nach wie vor hatten die Gastronomen kein Interesse daran, einen Teil der Fläche zu verkaufen. Stattdessen bot das Unternehmen an, das Gebäude nach den Wünschen der Gründerinnen zu bauen und dann an Kiwifalter zu vermieten. „Das war göttliche Fügung“, meint Maus. „Wir wollten ursprünglich gar keinen Immobilienbesitz, haben aber keine andere Möglichkeit gesehen. Jetzt haben wir ein viel niedrigeres Risiko.“

Hilfe vom Social Impact Lab

Weil sich für den Besitzer nicht beides gleichzeitig stemmen lässt, stellt er zunächst das Gastronomiegebäude fertig. Ein Jahr braucht er dafür, zwei weitere dauert die Planung des Kiwifalter-Hauses. Als es 2016 endlich losgehen soll, findet sich jedoch kein Bauunternehmer. „Deren Auftragsbücher waren wegen der guten Konjunktur und der niedrigen Zinsen voll, da hat keiner auf uns gewartet“, erzählt Kaltenbach. Schließlich finden die beiden ein Unternehmen, das springt aber kurzfristig ab. „Wir waren am Boden zerstört“, beschreibt Maus den erneuten Tiefpunkt. Genau zu diesem Zeitpunkt bekommen sie den Tipp, sich beim Social Impact Lab in Duisburg zu bewerben, das von Haniel gefördert wird. „Das Stipendium hat uns so einen Motivationsschub gegeben“, erzählt Maus. „Es ist einfach gut zu wissen, dass es Menschen gibt, die an uns und unsere Idee glauben.“ So wie der Banker, der die beiden direkt nach dem Pitch anspricht und anbietet, den Businessplan noch einmal auf Herz und Nieren zu prüfen. Außerdem hilft das Lab, den sozialen Einfluss der Geschäftsidee zu konkretisieren: Neben der GmbH, über die das operative Geschäft von Kiwifalter läuft, wollen Kaltenbach und Maus ein eigenständiges gemeinnütziges Unternehmen gründen. Ein Teil der Gewinne aus der GmbH fließt dann in eine gGmbH. „Diese Hybridstruktur macht es uns möglich, auch Kinder aus finanziell schwachen Familien zu unterstützen“, erzählt Kaltenbach begeistert. Längst ist die Motivation bei den beiden wieder zurück und auch ein Bauunternehmer gefunden: Spatenstich soll nächstes Frühjahr sein, die Eröffnung des Kiwifalter steht für Winter 2018/19 an. Etwa 40 Kursleiter warten darauf, endlich anzufangen, und die Liste mit interessierten Eltern wächst ständig. Katja Kaltenbach und Stephanie Maus sind sich sicher: „Nach all dem Warten wird jetzt alles gut.“