Warten

Wenn Warten wirklich weiterhilft

Autor: Christoph Koch
Selbst wenn das eigene Produkt gut ist, garantiert das keinen Erfolg. Dann brauchen Gründer Geduld – und Glück. Das Team hinter der Musik-App Shazam kann ein Lied davon singen

Jeder Unternehmer hat mal einen schlechten Tag. Jeder Gründer muss eine Woche durchstehen, in der es nicht gut läuft. Oder auch mal einen Monat. Beim Team, das die beliebte App Shazam erfunden und auf den Markt gebracht hat, waren es sechs schlechte Jahre. „Zwischen 2002 und 2008 waren wir permanent kurz davor, den Laden zumachen zu müssen“, erzählt Gründer Chris Barton bei einem Vortrag auf der Tech-Konferenz Slush in Helsinki. „Es war nicht schön. Aber die makellosen Erfolgsgeschichten von Firmen wie Snapchat oder Facebook haben wir doch alle schon einmal zu oft gehört.“

Die App Shazam hat auf den ersten Blick etwas Magisches: Wer wissen möchte, wie ein Lied heißt, das gerade im Radio, in der Bar oder beim Einkaufen im Hintergrund läuft, startet das Programm, hält sein Smartphone hoch – und erhält wenige Sekunden später die Antwort. Das funktioniert auch bei Nebengeräuschen oder wenn eine Schülerband den Song nachspielt. Über eine Milliarde Mal wurde die App inzwischen installiert, jeden Monat kommen acht Millionen neue Nutzer hinzu. Doch auf diesen Erfolg mussten Barton und seine Mitgründer – Philip Inghelbrecht, Avery Wang und Dhiraj Mukherjee, die er aus Unitagen kannte – lange warten.

Barton zeigt ein Foto der vier Freunde: grinsende Geeks Mitte 20, die sich an den Schultern fassen und in die Kamera strahlen. „Das war 2002, und wir fühlten uns wie Könige“, beschreibt der US-Amerikaner die Szene. „Denn wir hatten gerade nach zweieinhalb Jahren härtester Arbeit 7,5 Millionen Dollar Risikokapital für die Veröffentlichung unseres Prototyps bekommen.“ Die Idee für einen Musikerkennungsdienst hatte Barton 1999 während eines Praktikums bei Microsoft in London. Mobiltelefone trugen damals überwiegend das Nokia-Logo, Smartphones waren noch nicht erfunden, und Google war ein Jahr alt. Schon vorher hatten er und seine Freunde vereinbart, gemeinsam eine Firma zu gründen, sobald jemand eine passende Idee hätte. Bartons Vorschlag überzeugte die anderen, die Umsetzung erwies sich jedoch als schwierig: Denn es gab keine geeignete Technologie zur musikalischen Mustererkennung. „Normalerweise wird etwas erfunden und dann kommerziell genutzt“, erinnert sich Avery Wang in einem Interview. „Bei uns war es genau umgekehrt.“ Entgegen allen Prophezeiungen von Audio-Experten gelang es Wang, einen Algorithmus zu entwickeln, der Musik erkennt, indem er eine Art akustischen Fingerabdruck erzeugt und diesen extrem schnell mit einer riesigen Datenbank abgleicht.

Doch selbst mit dieser Erfindung ist es mühsam, nach dem Dotcom-Crash der Jahrtausendwende Geldgeber zu finden. Als sie es schließlich geschafft und 7,5 Millionen Startkapital eingesammelt haben, startet Shazam 2002 in London, der Musikmetropole der Welt, in die die vier inzwischen gezogen sind. Um ein Lied zu erkennen, müssen die Nutzer damals eine Telefonnummer anrufen und dann das Telefon hochhalten. Den Interpreten und Titel bekommen sie danach per SMS geschickt. „Alle Leute, denen wir den Dienst gezeigt haben, waren hellauf begeistert“, sagt Barton. „Sie konnten nicht glauben, wie schnell und zuverlässig es funktionierte. Jeder hatte inzwischen ein Mobiltelefon, wir rechneten mit Millionen von Nutzern.“ Doch die Realität ist ernüchternd: Nur ein paar Tausend Menschen nutzen den Dienst, egal wie viel Geld Shazam in Anzeigen, Radiospots oder sogar Promoteams pumpt, die abends durch Bars und Discos ziehen und vorführen, dass die Musikerkennung wirklich funktioniert. Dass man Telefone für etwas anderes benutzen kann als zum Telefonieren und Verschicken von SMS, ist für die potenziellen Nutzer ein noch vollkommen fremder Gedanke. Und Gewohnheiten ändern sich nicht über Nacht.

 


SPOTIFY PLAYLIST „Warten“

 


„Es war erschreckend, wie schnell unser Geld zur Neige ging“, erinnert sich Barton. „Und je weniger es wurde, umso mehr schrumpfte unser Handlungsspielraum.“ In den folgenden Jahren müssen die Gründer das Team verkleinern, können das Produkt kaum weiterentwickeln, geschweige denn international expandieren. Sie halten sich über Wasser, indem sie Zug um Zug ihre Patente verkaufen und sich von Radiostationen dafür bezahlen lassen, deren Musikprogramm zu analysieren. Die Investoren glauben nach wie vor an die Idee und schießen ab und zu kleinere Summen nach. Trotzdem muss die Firma sechs Jahre lang um ihr Überleben zittern.

Dann kommt der 29. Juni 2007: Ein hagerer Mann in Jeans und schwarzem Rollkragenpullover betritt eine Bühne in Cupertino, Kalifornien, und er hat da „noch diese eine Sache“, die er dem Publikum zeigen will: „Ein Telefon, ein iPod und ein mobiles Internetgerät“, sagt Steve Jobs. Nicht mal ein Jahr später entsteht der App Store und mit ihm die Möglichkeit für jedermann, Apps anzubieten. Plötzlich ist es selbstverständlich, dass man sein Telefon nicht mehr ausschließlich zum Telefonieren nutzt, sondern für 1000 andere Dinge. „Shazam war eine der ersten Drittanbieter-Apps und bekam von Anfang an sehr gute Bewertungen“, erzählt Barton. „Endlich bekamen wir das Momentum, mit dem wir von Anfang an gerechnet hatten.“

Das Erkennen eines Musikstücks ist nun Ausgangspunkt für zahllose Aktivitäten: Der erkannte Song kann gekauft oder an Freunde verschickt werden, die Nutzer können sich das Cover oder den Songtext einblenden lassen, Playlists erstellen und sehen, welche Musik ihre Freunde mit der App erkannt haben. „All diese Funktionen waren mit dem alten SMS-Modell nicht möglich“, sagt Barton. Inzwischen ist die App auch längst für Android-Smartphones verfügbar und hat im Lauf der Jahre über 30 Milliarden Songs identifiziert. Jeden Tag vermittelt Shazam mehr als eine Million Nutzer zu Streamingdiensten wie Spotify oder Apple Music, wo sie den erkannten Song anhören können. Die Dienste bezahlen für die Vermittlung von potenziellen Neukunden. Dadurch sowie durch Werbeeinnahmen und Provisionen für vermittelte Bezahldownloads ist Shazam seit vergangenem Jahr profitabel, bewertet wird die Firma mit mehr als einer Milliarde Dollar. Viele Firmen behaupten, ihrer Zeit voraus zu sein – Shazam war es wirklich.