Warten

Wer erträgt heute noch Langeweile?

Autor: Helene Laube |
Foto: Jens Mauritz, Amy Pearl
Leider kaum jemand, sagt die Journalistin und Autorin Manoush Zomorodi. Ein Gespräch über die Angst vor dem Nichtstun und den Reiz der Reizlosigkeit

Frau Zomorodi, in Ihrem neuen Buch schreiben Sie, dass Langeweile oder Nichtstun zu mehr Kreativität und Produktivität führen. Unser Gehirn ist also nicht träge, wenn wir auf der faulen Haut liegen?

[MANOUSH ZOMORODI] Neurowissenschaftler wissen schon seit geraumer Zeit, dass sich beim Nichtstun im menschlichen Gehirn einiges abspielt. Wenn wir uns langweilen oder die Gedanken schweifen lassen, aktiviert das Hirn ein Netzwerk von Regionen, das sogenannte „Default Mode Network“. Dort findet unser originellstes Denken statt. Es wirkt wie Tagträumerei, aber nebenbei widmen wir uns dabei der Problemlösung sowie der „autobiografischen Planung“.

Was genau bedeutet das ?

[ZOMORODI] Das Gehirn legt eine Liste von Erinnerungen an, die mit unserer Lebensgeschichte verknüpft sind. Es indexiert diese Erinnerungen und ordnet ihnen Emotionen zu. Das hilft uns, Erlerntes und Erfahrenes für die Gestaltung und Planung von Zukünftigem zu nutzen. Diese Gehirnleistung können wir jedoch nicht anzapfen, wenn wir dauernd auf unseren Smartphones rumtippen und -wischen. Dem Gehirn fehlt dann gewissermaßen Freiraum.

Warum fällt es uns zunehmend schwer, nichts zu tun?

[ZOMORODI] Ich würde sagen, wir haben es verlernt. Nahezu jeder in unseren Breitengraden hat ein Smartphone, das sehr viele Bedürfnisse stillen kann. Vor allem junge Menschen erzählen mir, nicht mit sich und ihren Gedanken allein sein zu können. Auf der Lesereise sagte mir neulich beispielsweise eine junge Frau, dass sie selbstverständlich in jedem freien Moment in soziale Medien flüchte, weil „ich nicht gerne allein bin“. Dass es so schwierig ist, sich mit sich allein zu beschäftigen, ist beängstigend. Schließlich gehört die Fähigkeit zum Alleinsein zum Menschsein. Das habe ich der jungen Frau auch gesagt: Du wirst im Leben oft mit dir allein sein müssen, du lernst also besser gleich, mit dir selbst Zwiegespräche zu führen.

„Nach einer 
Weile setzen sich die Dinge im 
Gehirn plötzlich 
in Bewegung“

Manoush Zomorodi

Sie haben ein Buch geschrieben, sprechen auf Konferenzen und produzieren wöchentlich den Podcast „Note to Self“. Bleibt Ihnen Zeit zum Nichtstun und Sinnieren?

[ZOMORODI] Ich musste es lernen. Ich habe vor einiger Zeit bemerkt, dass ich jeden noch so kurzen Moment des Tages mit „Reaktivitäten“ füllte, wie ich diese Tätigkeiten nenne. Immer wenn sich relativ kurze Momente auftaten, die irgendwo zwischen 30 Sekunden und 20 Minuten dauerten, dachte ich: „Oh toll, jetzt kann ich produktiv sein!“ – oder was ich irrtümlicherweise für produktiv hielt. Also Smartphone zücken, wann immer ich im Café in der Schlange stand oder in der U-Bahn saß, um Schlagzeilen zu lesen, zu twittern und Leuten per E-Mail, WhatsApp oder Slack zu antworten.

Aber wie können wir das unterbinden und uns das Warten quasi zurückerobern?

[ZOMORODI] Tja, es ist nicht einfach. Ich versuche bewusst, diese Augenblicke anders zu füllen. So gesehen ist es wohl eine Frage des Willens. Ich benutze sie zum Nichtstun, um so den Gedanken freien Lauf zu lassen. Wenn es mir gelingt, stelle ich fest: Der restliche Tag in meinem hektischen Leben verläuft viel ruhiger, und ich kann anstehende Probleme besser lösen.

Auf welche grandiosen Ideen sind Sie in letzter Zeit gekommen, als Sie sich der Langeweile hingaben?

[ZOMORODI] Da war zum einen unser Infomagical-Projekt, bei dem wir unsere Hörer über mehrere Wochen täglich zu einer anderen Übung aufforderten. Das sollte dazu führen, dass sie klarer denken konnten und weniger abgelenkt waren. An einem Tag sollte etwa jegliches Multitasking vermieden werden, an einem anderen Tag mussten sie mindestens sieben Minuten lang ein Thema mit jemandem persönlich oder am Telefon diskutieren. Eine andere Idee, die mir im Zustand des ungerichteten Denkens kam, war das Projekt „The Privacy Paradox“. Es ging darum, den Zuhörern zu helfen zu verstehen, was mit unseren persönlichen Daten geschieht und wie wir sie quasi zurückerobern und zumindest teilweise unsere Privatsphäre schützen können.

Macht Ihnen Nichtstun jetzt eigentlich Spaß?

[ZOMORODI] Anfangs dachte ich, dass dieser Effekt – Langeweile führt zu guten Ideen – ein Einmaleffekt ist. Ich habe dann aber festgestellt, dass man das trainieren kann. Jetzt weiß ich, dass es zuerst nervig und unangenehm ist, wenn ich die Langeweile zulasse. Nach einer Weile setzen sich die Dinge im Gehirn dann aber plötzlich in Bewegung. Wie vielen Menschen kommen mir die besten Ideen bei Routinetätigkeiten – etwa beim Wäschefalten.


Seit fünf Jahren produziert und moderiert Manoush Zomorodi den Podcast „Note to Self“ des Senders WNYC in New York, in dem sie die Auswirkungen der digitalen Technologien auf unser Leben beleuchtet. Ihr aktuelles Buch „Bored and Brilliant“ basiert auf einem Projekt, das sie mit 20 000 Podcast-Hörern durchgeführt hat: Eine Woche lang erteilte Zomorodi ihnen täglich eine neue Aufgabe, mit der sie sich von ihren Smartphones lösen sollten.