Warten

Worauf warten wir eigentlich?

Autor: Dirk Baecker |
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Würde die Menschheit ihr Wissen und Können richtig einsetzen, wäre die Erde ein Paradies

Die Weltgesellschaft befindet sich in einer paradoxen Lage. Ihre internen Prozesse zum Beispiel einer demokratischen Entscheidungsfindung, einer marktwirtschaftlichen Investitionsrechnung, einer curricularen Planung von Schulen und Universitäten und nicht zuletzt eines weitgehend gewaltfreien Alltags haben ein Niveau erreicht, das historisch einzigartig ist. Jedoch steht dieselbe Weltgesellschaft immer wieder hilflos vor Katastrophen wie Krieg, Völkermord, Hunger, Klimawandel, Wassermangel und Verzweiflung.

Jedoch, ohne Probleme gibt es keine Lösungen. Das klingt zynisch, ist es aber nicht. Probleme müssen auf sich aufmerksam machen, sonst können keine Lösungen gefunden werden. Die soziologische Systemtheorie lehrt überdies, dass die Probleme der Weltgesellschaft eine typische Form haben: Sie fallen in der Umwelt der sozialen Systeme der Gesellschaft an, während diese sich zu einem immer höheren Raffinement entwickeln. Mit anderen Worten: Menschen sterben, Körper verderben, Psychen zerrütten, Luft, Wasser und Erde verschmutzen, während sich Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Recht, Religion und Kunst zu immer komplexeren, unwahrscheinlicheren Prozessen entfalten. Die Weltgesellschaft produziert auf diese Weise „externe“, nämlich ökologische Kosten, die sie trotz ihres „systemischen“ Raffinements allenfalls teilweise in Rechnung zu stellen vermag. Letztlich können wir den Preis des Fortschritts nicht ausweisen.

Die Weltgesellschaft macht sich also laufend auf ihre ungelösten Probleme aufmerksam: Wir wissen, was uns fehlt; wir wissen, worunter wir leiden. Gleichzeitig haben wir historisch beispiellose politische, ökonomische, wissenschaftliche und künstlerische Ressourcen. Worauf also warten wir? Warum lösen wir unsere Probleme nicht, ein für alle Mal?

Umsichtig handeln! Klingt bescheiden, ist es aber nicht

Wir haben in den vergangenen 50 Jahren begriffen, dass die Menschheit sich selbst gefährdet, weil der Mensch zu einem der wichtigsten Einflussfaktoren auf die biologischen, geologischen und atmosphärischen Vorgänge auf der Erde geworden ist. Zwei weitere Erkenntnisse stehen noch aus. Wir müssen erstens erkennen, dass das ökologische Drama auch für Körper, Gehirn und Bewusstsein der Menschen gilt. Und wir müssen zweitens erkennen, dass es auch innerhalb der Gesellschaft greift. Sobald ein System sich dort ausdifferenziert und reproduziert, produziert es im Rest der Gesellschaft externe Kosten: Die Politik zum Beispiel verzögert die Wirtschaft; die Wirtschaft belastet die Politik; die Wissenschaft überfordert die Erziehung; die (mangelnde) Erziehung erschwert die Wissenschaft – und so weiter. Für alle diese Vorgänge haben wir keinerlei Buchführung.

„Wir können den Preis des Fortschritts nicht ausweisen“

Dirk Baecker

Wird sich das einmal ändern? Warten wir zu Recht auf „die große Lösung“? Gegenwärtig ist unter dem Stichwort der „Netzwerkgesellschaft“ immerhin zweierlei sichtbar: Erstens glauben wir nicht mehr wie noch in der klassischen Moderne an eine Vernunft der Sache, die sich in den Systemen der Gesellschaft trotz aller Katastrophen langfristig durchsetzen wird. Wir glauben stattdessen an einen nicht steuerbaren Prozess der soziokulturellen Evolution. Und zweitens sehen wir, dass die Empfindlichkeit der Systeme füreinander in der Netzwerkgesellschaft selbst zum Thema wird. Leider heißt das nicht, dass wir der endgültigen Lösung globaler Probleme näherkommen. Denn Netzwerke oder soziale Formationen sind zugleich wesentlich exklusiver, als es die Moderne von der Demokratie, dem Markt, der allgemeinen Schulbildung, der Kunst und Religion für alle erwartet hat.

Letztlich ist die Frage „Worauf warten wir?“ damit sinnlos. Es kommt darauf an, dass wir bereits hier und heute überall dort, wo wir die Chance haben, umsichtig handeln. Das klingt bescheiden, ist aber angesichts der gesellschaftlichen Komplexität alles andere als das.


Dirk Baecker ist Soziologe und In­haber des Lehrstuhls für Kulturtheorie und Management an der Universität Witten/Herdecke.