Warten

Worauf wartet ihr noch?

Autor: Janina Groffmann und Sonja Hausmanns (Protokolle) |
Foto: Paula Troxler (Illustration)
Mitarbeiter aus der Haniel-Gruppe erzählen private Warte-Geschichten – und warum es auch im Job manchmal länger dauert als gedacht

Max Rauscher, Leiter Produkt- und Marktkommunikation bei ratioform in Pliening

Zwei Wochen ließ das schüchterne Eichhörnchen auf sich warten

An einem Wochenende im Frühling saß ich mit meiner Frau auf der Terrasse unserer Münchner Wohnung im dritten Stock, als ein Eichhörnchen über ein senkrechtes Stahlgeländer zu uns geklettert kam. Es sah uns an, erschrak – und war wieder weg. Das hatten wir in den acht Jahren, die wir schon dort wohnen, noch nicht erlebt. Meine Frau forderte mich auf, ein paar Nüsse vom Einkaufen mitzubringen. Die Haselnüsse platzierten wir auf dem Tisch und dem Rosenkübel. Dann legten wir uns auf die Lauer. Es passierte: nichts. Nur wenn wir mal nicht da waren, verschwanden die Nüsse plötzlich spurlos. Nach zwei Wochen des Wartens saßen wir auf der Terrasse, als das Eichhörnchen wiederkam. Wir blieben ganz still sitzen. Eine Nuss vergrub es im Rosenkübel, mit den anderen beiden verschwand es. Seitdem sind unsere Balkonkästen zu seinem Futterversteck für den Winter geworden.

 

Niklas Schillinger, Betriebsleiter der boco-Wäscherei in Wiesbaden

Vor knapp drei Jahren ist unsere Wäscherei für Berufskleidung neu gebaut worden. Wir sahen uns alle Abläufe an und überlegten, wie wir Zeit sparen können. Früher war es so: Die benutzte Kleidung kam rein, wurde sortiert, gewaschen, getrocknet und schließlich gefaltet. Da konnte es passieren, dass die Kolleginnen am Ende des Prozesses 20 Minuten warten mussten, bis die nächste Waschladung fertig war. Heute arbeiten wir nach der Kanban-Methode: Der Letzte in der Kette löst die Produktion aus. Bei uns ist das die Legerin, so nennen wir die Mitarbeiterin, die zum Schluss die einzelnen Wäschestücke kontrolliert und faltet. Sobald sie alle Teile aus der Wäschewanne bearbeitet hat, gibt sie ein Röhrchen an die Kollegen, die für die Befüllung des Trockners zuständig sind. Von dort wandert das Röhrchen zu den Mitarbeitern an der Waschmaschine, bis es schließlich am Anfang, also beim Wareneingang, landet. Jede Waschladung hat ihr eigenes Röhrchen, sodass wir immer nachvollziehen können, in welchem Arbeitsschritt sich die Wäsche befindet. Das hilft uns, Wartezeiten praktisch vollkommen auszuschließen.

 

Bronzekopf aus dem Haniel Museum in Duisburg

Wartet geduldig auf seinen Ehrenplatz: der Bronzekopf

Wenn man so eine lange Geschichte hat wie Haniel, sammeln sich allerhand Erinnerungsstücke an. Viele kann man im Haniel Museum bewundern. Aber leider ist nicht für jeden von uns Platz. Ich bin aus Bronze, 1,20 Meter groß und wiege mindestens eine halbe Tonne. Deshalb ist es nicht so einfach, mich unterzubringen. Meine Vorlage war Franz Haniel. Aber nicht der Namensgeber des Unternehmens, sondern der gleichnamige Enkel. Er lebte von 1842 bis 1916 und trieb den Ausbau des Bergbaus voran. Das Steinkohlenbergwerk Prosper-Haniel in Bottrop, das letzte noch aktive im Ruhrgebiet, ist nach ihm benannt. Dort steht eine kleinere Ausgabe von mir. Mein Schöpfer – Georg Kolbe – war Anfang des 20. Jahrhunderts ein berühmter Bildhauer. Es gibt ein nach ihm benanntes Museum in Berlin. Vielleicht darf ich ja eines Tages auch dorthin? Georg Kolbe war ein enger Freund der Familie Haniel und fertigte mich zum 25. Todestag Franz Haniels im Jahr 1941 an. Da ich schon etwas älter bin, kann ich mich nicht so gut an meine jungen Jahre erinnern. Lange Zeit war ich in einem Keller in einem benachbarten Haus versteckt. Im Oktober 2013 wurde ich dort gefunden. Seitdem warte ich im Haniel-Keller auf meine neue Funktion. Ich hoffe, dass ich bald irgendwo hindarf, wo mich mehr Leute sehen können.

 

Volker Welters, Vorstandsfahrer bei Haniel in Duisburg

Wir Fahrer warten oft. Während die Vorstände arbeiten oder in Terminen sind, stehen wir auf Abruf. Unterwegs nutze ich die Zeit, um die nächste Route zu planen, zu tanken oder Krimis zu lesen. Bei größeren Veranstaltungen sind andere Vorstandsfahrer vor Ort, sodass wir zusammen einen Kaffee trinken können. Wenn wir am Franz-Haniel-Platz sind, nutzen wir die Zeit für Botenfahrten und kümmern uns um den Fuhrpark. Da die Tage der Vorstände oft lang sind, müssen wir genug Pausenzeiten einbauen. In unserem Büro haben wir Aufenthaltsräume mit Fernseher und eine Liege zum Schlafen. Auch auf der Straße ist Geduld gefragt, schließlich sind die Autobahnen hier im Ruhrgebiet immer voll. Ein Stau ist aber keine Ausrede: Pünktlichkeit ist sehr wichtig, deshalb plane ich alle Strecken großzügig und kenne alle Schleichwege. Obwohl ich den Job jetzt seit über 30 Jahren mache, bin ich erst zwei Mal zu spät gekommen. Vor über 20 Jahren bin ich mal auf dem Weg zum Frankfurter Flughafen kurz hinter München in eine Vollsperrung geraten. Der damalige Vorstand musste aber unbedingt seinen Flug erreichen, da es um ein wichtiges Geschäft ging. Im Spaß sagte ich, er könne ja einen Hubschrauber rufen – das hat er dann tatsächlich getan. Der landete direkt neben der Autobahn auf einem Feld, und der Vorstand hat den Flug noch gekriegt.

 

Alexa Bienasch, Leiterin Premium-Kundenbetreuung bei CWS-boco in Dreieich

Was lange währt, wird endlich gut. Alexa Bienasch hat ihren Partner fürs Leben gefunden.

Nach meiner Scheidung lebte ich 13 Jahre mit meiner Tochter alleine. Mein Umfeld fand das befremdlich und meinte, ich sei zu wählerisch oder zu anspruchsvoll. Man versuchte mehrfach, mich „an den Mann“ zu bringen – vergeblich! Zudem war ich mir sicher: Einen Vater für meine Tochter brauchte ich nicht, denn der war und ist präsent, da wir bis heute freundschaftlich verbunden sind. Ich hatte in den Jahren zwar einige Verabredungen, aber es blieb immer nur bei einem Treffen. Jedes Mal stellte ich mir am Ende des Abends die Frage: „Möchtest du mit diesem Menschen alt werden?“ Lange konnte ich diese Frage NIE mit JA beantworten. Und so wartete ich und lebte ein glückliches und erfülltes Leben alleine mit meinem heranwachsenden Kind. In meinen späten Vierzigern – meine Tochter war mittlerweile an der Uni – lernte ich zufällig einen Mann kennen. Es war, als hätte mich das Schicksal für meine Geduld belohnt. Beim dritten Date fragte er mich, ob ich ihn heiraten wolle, und nach etwas mehr als einem Jahr tauschten wir heimlich die Ringe. Wir sind nun zwei Jahre verheiratet, und es ist, als hätte es nie einen anderen Menschen gegeben. Das Warten hat sich gelohnt, denn mit ihm möchte ich definitiv alt werden!

 

Andres Montes, General Manager bei ELG in Houston

Wir hatten 2011 damit begonnen, einen neuen Standort für unseren Schrottplatz in Houston zu suchen, und zwar direkt am Schiffskanal. Von dort aus sind wir in der Lage, unsere größten Kunden in den USA besser zu betreuen und ihnen die von ELG aufbereiteten Edelstahlschrotte zu liefern. Grundstücke am Kanal sind allerdings extrem schwer zu bekommen. Aber 2013 ist es uns gelungen, ein Areal zu kaufen – über drei Hektar unentwickeltes Land. Leider stellte sich heraus, dass das United States Army Corps of Engineers über ein Wegerecht am Rand des Grundstücks verfügte. Wir hatten einen neuen Standort, konnten ihn aber nicht nutzen. Wir mussten eine ganze Reihe Regierungsbehörden kontaktieren, bis wir vom Corps die Betriebserlaubnis für unseren Schrottplatz bekamen. Jetzt können wir endlich anfangen zu bauen. Aber auch dafür müssen wir wieder eine ganze Reihe Genehmigungen einholen. Denn um den Schrottplatz und den Schiffskanal miteinander zu verbinden, müssen wir ein Schwimmdock bauen – eine Art Brücke über das Wasser.  Der Baustart für den Schrottplatz ist für Dezember angesetzt, und ich hoffe, dass wir im September 2018 fertig werden. Der Aufwand ist enorm, aber es lohnt sich, denn am Ende wird der neue Schrottplatz von ELG in Houston eine der modernsten und effizientesten Anlagen in den USA sein.