Menschen

Bemannte Traumfahrt

Autor: Martina Ostermeier |
Foto: Dominik Asbach
Bereits als kleiner Junge wollte Pavel Orlov nichts Anderes, als in der Weltraumforschung zu arbeiten. Doch davon konnte seine Familie nicht leben. Also stellte er sich der Herausforderung und fing in Deutschland neu an. Die Geschichte eines fast schon raketenhaften Aufstiegs.

Exakt 32 Stunden trennen Pavel Orlov von seinem bisherigen Leben. Hinter dem 27-Jährigen, der bis vor wenigen Tagen Offizier beim russischen Militär war, liegt die Fahrt von Moskau nach Berlin. Sein neues Leben in Deutschland beginnt mit einem Schock. Orlov wartet darauf, von seiner Frau am Bahnhof Zoo abgeholt zu werden. Sie und ihre Familie sind wenige Monate vor ihm nach Deutschland ausgereist. Zwei Stunden hört er auf die Durchsagen am Bahnhof. „Bis zu diesem Moment dachte ich, ich kann Deutsch.“ Doch an seinem ersten Tag in Deutschland versteht er: nichts. Und er ahnt, dass in diesem Winter 2002 sein Leben noch mal von vorne anfängt.

Geborgen in der Welt des Militärs

Ungewöhnlich sind Ortswechsel für Pavel Orlov nicht. Sein Vater war Offizier bei der sowjetischen Armee. Mal ist er am Ende der Welt, im Fernen Osten nahe Wladiwostok, stationiert, mal im kasachischen Almaty, das zu Zeiten der Sowjetunion noch Alma-Ata heißt. In den Achtzigerjahren verbringt die Familie einige Zeit in der DDR. Doch so unterschiedlich die Orte auch sein mögen, die Pavel Orlov während seiner Kindheit und Jugend kennenlernt, eines bleibt immer gleich: Die Familie lebt in einer Welt des Militärs. Als Kind baut er mit seinen Freunden Raketenspielzeug, für das er sich leicht Patronen und Schießpulver beschaffen kann. Der junge Pavel träumt sich schon früh ins Weltall, ist die Raumfahrt in der Sowjetunion doch allgegenwärtig: Das Fernsehen überträgt jeden bemannten Raumflug; die Kosmonauten werden als Helden der Nation gefeiert und mit Auszeichnungen überhäuft. Nicht nur Pavel, viele Kinder sind begeistert von der Raumfahrt. Gemeinsam mit den Söhnen und Töchtern anderer Soldaten geht er in den russischen Kindergarten, später in die russische Schule – egal, ob in der DDR oder anderswo. Wenn Orlov sich erinnert, beschreibt er die Zeit als „ganz normale Kindheit“.

Auch als Orlov anfängt, selbst über sein Leben zu bestimmen, bleibt er der Armee treu. Es ist das Jahr 1991. Orlov macht gerade seinen Schulabschluss, als das alte System der Sowjetunion zerfällt. Er erinnert sich an die Stimmung, die Gefühle von damals: „Keiner wusste, was kommt und wie man reagieren muss.“ Er selbst, gerade einmal 17 Jahre alt, vertraut in dieser Situation der Welt, die er durch seinen Vater kennengelernt hat.

An der Militärakademie in Sankt Petersburg beginnt er zu studieren, will Ingenieur für Raumfahrt werden. Er nennt es eine „natürliche Entscheidung“. Der Akademiealltag ist „zu 100 Prozent von der Armee geprägt.“ Das heißt: Die Studenten tragen Uniform, gehen im Gleichschritt zum Frühstück, übernehmen militärische Aufgaben, zum Beispiel Dienstwachen. Und: Der Kommandant weiß jederzeit über jeden in seiner Gruppe Bescheid. „Im ersten Jahr musste ich die Regeln lernen und akzeptieren, auch innerlich. Dann lebt man einfach in diesem System. Meine Aufgabe war es zu lernen. Dafür hatte ich die perfekten Bedingungen. Ich hatte Raum zu leben, zu essen und musste mir keine Sorgen machen.“

Als Leutnant verlässt Orlov fünf Jahre später die Akademie und geht zu einer Satellitensteuerungseinheit des russischen Verteidigungsministeriums in der Nähe von Moskau. Doch seine heile Welt des Militärs bekommt Risse. Die Inflation ist hoch, die Gehälter werden nicht angepasst, manchmal werden sie gar nicht gezahlt. Orlov hat inzwischen eine Familie und manchmal kaum genug Geld, um seinem kleinen Sohn Milch zu kaufen.

Orlovs ganz persönliche Stunde null

Die Welt, die Orlov Halt gab, besteht zur Jahrtausendwende nicht mehr. In ihm wächst die Sehnsucht nach einem besseren Leben. „Ich hatte das Gefühl, mehr wert zu sein.“ Der Augenblick ist günstig: Sein Fünfjahresvertrag beim Militär läuft 2001 aus. Die Eltern seiner Frau erhalten als Russlanddeutsche eine Einreisegenehmigung für Deutschland. Orlov und seine Familie nutzen diese Chance und lassen alles hinter sich, was bis dahin ihr Leben ausmachte. „Ich wollte einfach weg“, sagt Orlov und gibt zu: „Einen Plan hatte ich nicht. Aber schlimmer konnte es nicht werden.“ Orlov landet in einer kleinen Stadt in Mecklenburg-Vorpommern, in der es keine Arbeit für ihn gibt – und doch hat er mehr als zuletzt in seiner Heimat: eine Dreizimmerwohnung, Möbel, Essen. Umsonst, finanziert vom Staat. Orlov kann das nur schwer akzeptieren: „Ich hatte das Gefühl, irgendetwas dafür tun zu müssen.“ Er macht einen Deutschkurs, eine Fortbildung zum Netzwerkadministrator und schreibt 120 Bewerbungen. Nichts. Doch Orlov ist keiner, der schnell aufgibt. Er sieht seine Flucht aus Russland vor allem als Chance. Die will er unbedingt nutzen. Nach zweieinhalb Jahren in Mecklenburg-Vorpommern hat er jetzt eine Idee, was er machen will. So planlos er nach Deutschland gekommen ist, so zielgerichtet geht er nun seine Zukunft an.

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Der Traum vom Fliegen

Neuanfang bedeutet für Orlov vor allem: noch einmal studieren. Sein Diplom aus Russland wird in Deutschland nicht anerkannt. Zum einen, weil er den Titel an einer Militärakademie erworben hat. Zum anderen gibt es den „Ingenieur für Ballistik“ in Deutschland nicht. Hierzulande berechnen Ballistiker nicht wie Orlov die Laufbahn von Satelliten, sondern die von Projektilen. Schließlich entscheidet er sich für ein Studium der Wirtschaftsinformatik an der Universität Duisburg-Essen.

Warum Wirtschaftsinformatik? „Weil es breit angelegt ist und die Absolventen gefragt sind. Außerdem liegen mir die Naturwissenschaften.“ Es ist eine sachliche Entscheidung. Seinen Traumberuf hatte Orlov ja bereits gefunden. Sobald er von seiner Zeit als Ballistiker bei der Satellitensteuerungseinheit erzählt, leuchten seine Augen. Sie verraten, dass er für eine bessere Zukunft mehr als nur einen Job hinter sich gelassen hat: eine Leidenschaft. „Die Ballistik ist für mich an der Grenze zwischen Wissenschaft und Kunst“, sagt er. Ihn fasziniert, wie sich komplizierte Sachverhalte mathematisch beschreiben lassen, wie sich die Laufbahn eines Satelliten berechnen lässt.

Jetzt ist es sein Hobby, auf russischen Foren die Themen aus der Raumfahrt zu beobachten. Und er hat einen neuen Traum. Der führt ihn nicht ins Weltall, aber in den Himmel. Orlov möchte den Flugschein für Kleinflugzeuge erwerben. Er weiß schon, was das kostet und wo er ihn machen kann. Jetzt muss er nur noch ein bisschen sparen, denn auch dieser Traum ist teuer.

Ein Zuhause gefunden, eine Heimat verloren

Also geht Pavel Orlov seinem neuen Beruf nach. Denn sein Plan ist aufgegangen: Mit dem deutschen Diplom findet er 2010 schnell einen Job. Zunächst arbeitet er als Reporting- und IT-Spezialist bei der Haniel-Holding in Duisburg, 2011 geht er als Controller zu ELG, einem Unternehmen der Haniel-Gruppe. Orlov spricht jetzt nicht mehr von einem Traumjob, trotzdem schätzt er seine Arbeit sehr. Zahlen, Rechnen, IT-Systeme – auch das ist eine Welt, in der er sich zu Hause fühlt. Hinzu kommt: Für seine Aufgaben gibt es keine Standardlösungen. Orlov hat die Chance, sich einzubringen.

Elf Jahre ist er nun in Deutschland. Er ist stolz auf das, was er erreicht hat. Es hat ihn stärker gemacht. „Ich habe hier mit Sozialhilfe angefangen. Heute bin ich Angestellter mit Hochschulabschluss. Aber die Veränderung ist noch nicht zu Ende.“ Er kann sich vorstellen, ins Ausland zu gehen; er will weiterkommen, nicht nur beruflich. Auch im Privaten sucht er immer wieder die Herausforderung. 2011 und 2012 ist er Marathon gelaufen. „Das hätte ich in Russland niemals gemacht. Ich hätte gedacht: ,Was sind das für Irre?‘ “

Doch auch den Marathon hat Orlov schon wieder hinter sich gelassen, er bietet ihm nichts Neues mehr. Stattdessen bereitet er sich zurzeit auf den StrongmanRun vor, einen Langstreckenlauf mit Hindernissen. Er führt durch Schlammgruben, über Kletterhürden und Wasserrutschen. Was ihn daran reizt? „Dass es ein bisschen verrückt, ein bisschen kindlich ist.“

Orlov gefällt sein Leben in Deutschland. Doch so sehr er die Chance schätzt weiterzukommen, sich immer wieder zu verändern, so sehr sehnt er sich nach Vertrautem. Was ihm fehlt, ist eine Familie. Er ist inzwischen von seiner Frau geschieden, seine Eltern leben in Russland. Zwei- bis dreimal im Jahr besucht er sie. Orlov ist froh, dass sein 17-jähriger Sohn bei ihm wohnt. Auch Freunde hat er. Trotzdem fühlt er sich manchmal allein. Immer noch sind seine Kameraden von damals seine engsten Freunde. Viele von ihnen leben in Moskau, aber man trifft sich regelmäßig, selbst wenn es manchmal nur für ein paar Stunden am Flughafen ist. Auch von den Freunden, die er in Deutschland gefunden hat, sind die meisten Russen. „Es ist die Mentalität. Wir hatten die gleiche Kindheit, lachen über die gleichen Witze, haben ähnliche Sorgen.“ Um dem deutschen Humor näherzukommen, hat Orlov sich schon Karnevalssitzungen im Fernsehen angeschaut. „Erfolglos“, erzählt er lachend. „Und das nach elf Jahren in Deutschland.“

Damit ist eigentlich auch die Antwort auf die Frage klar, welcher Nation er sich zugehörig fühlt: „Ich bleibe Russe, bin aber in Deutschland zu Hause.“ Ein Zuhause, keine Heimat. „Heimat ist das Land, wo man aufgewachsen ist“, sagt er. Für Orlov ist das die Sowjetunion. Er denkt lange nach. „Dieses Land gibt es nicht mehr. Meine Heimat ist nur noch in meinen Erinnerungen. Ich kann sie nicht mehr besuchen. Es ist wie bei einem verstorbenen Freund oder Verwandten.“