Menschen

Chaos als bessere Ordnung

Autor: Alexander Runte |
Foto: Shout/Dutch Uncle
Zusammenarbeit und Innovation passieren häufig spontan und unkontrolliert. Doch wie lässt sich der Zufall kalkulieren? Der Arbeitswissenschaftler Wilhelm Bauer vom Fraunhofer-Institut weiß, wie Unternehmen das Unerwartete planen können.

Herr Professor Bauer, wie wichtig ist Kooperation überhaupt in einem Unternehmen?

Kooperation stellt einen  zentralen Erfolgsfaktor dar. Die Produkt- und Lösungswelten von Unternehmen werden immer komplexer und sind ohne Kooperationen nicht mehr denkbar.

Wovon hängt es dann ab, ob eine Kooperation gelingt?

Es ist wichtig, dass sich die Unternehmen auf ihre  Kernkompetenzen besinnen. Kooperation funktioniert immer dann, wenn die kooperierenden Partner komplementäre Kompetenzen haben. Nur dann lassen sich für die beteiligten Partner bestmögliche Synergieeffekte erzielen.

Was bedeutet das für die Mitarbeiter?

Sie müssen die Bereitschaft zur Kooperation mitbringen. Das ist davon abhängig, was ich als Unternehmer als Erfolg sehe. Wenn ich bei Incentives etwa die Leistung höher bewerte, die ich selber mit Ellenbogen in Konkurrenz zu anderen erreicht habe, als eine gemeinsame Wertschöpfung, beeinflusst man als Führungskraft die Kooperationskultur dementsprechend. Das kann man jedoch über die vereinbarten Ziele steuern. Definiere ich mit den Abteilungsleitern etwa vorrangig Ziele, die sie alleine aus sich heraus erreichen können, oder welche, die sie in Kooperation mit anderen umsetzen müssen?

Wie sieht das in der Praxis aus?

Ein Beispiel: Die neue Vorstandsvorsitzende von Yahoo, Marissa Mayer, hat in einer E-Mail an alle Beschäftigten mitgeteilt, dass ab dem 1. Juli alle jeden Tag in die Zentrale zu kommen haben. Ihre Diagnose war, dass man es bei Yahoo mit flexiblen Arbeitsmodellen so sehr übertrieben hatte, dass es keine Zeiten mehr gab, zu denen man überhaupt zusammenkam. Die Leute haben an eigenen Apps programmiert, anstatt ihren Job zu machen. Da hat die Führung nicht mehr funktioniert, und so kann man die Maßnahme nachvollziehen.

Yahoo hatte ja auch kaum innovative Produkte – ein Anzeichen mangelnder Kooperation?

Ja, da gab es vermutlich nicht mehr die Möglichkeit, eine Woche am Stück an einer innovativen Produktidee zu arbeiten; auch fehlte es womöglich an einer inspirierenden Umgebung und erforderlicher Infrastruktur.

Was meinen Sie mit inspirierender Umgebung?

Bei einem zeitgemäßen Bürogebäude sollte etwa die Hälfte der Fläche für Arbeitsplätze zur Verfügung stehen, die in Teamräumen untergebracht sind. Die andere Hälfte der Fläche sollte man für Kooperationsräume öffnen, die man ebenfalls fifty-fifty in Räume für formelle Kommunikation wie Konferenzen und informelle Meetingräume unterteilen kann.

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Das klingt nicht inspirierend.

Es kommt auf einen ausgewogenen Mix aus Büros und Besprechungsräumlichkeiten an. Neben einem bedarfsorientierten Zonierungskonzept sind eine innovative Infrastruktur und ambienteschaffende Gestaltungselemente wichtig. Die formellen Räume werden in der Regel zentral gebucht und vergeben, es gibt jedoch auch Flächen, die sich nah an den Schreibtischen befinden und spontan genutzt werden können. Eigentlich sollte ein Büro immer drei Raumarten bieten: den persönlichen Raum mit meinem Schreibtisch, der aber in Zukunft wahrscheinlich nicht mehr personalisiert sein wird, den halb öffentlichen Raum, wo ich mit meinen Kollegen Kaffee trinken kann, und den öffentlichen Raum, zu dem auch Dritte von außen Zugang haben. Es ist bei vielen Unternehmen im Moment sehr beliebt, wenn Leute auch von der Straße reinkommen.

Warum das denn?

Weil auch das Begegnungen schafft und Diskussionen fördert, zu denen es sonst nicht gekommen wäre. So könnte ein neuer Geschäftskontakt entstehen, eine neue Produktidee, was auch immer. Das nennt sich dann „Open Innovation“. Denn wie erhalten Unternehmen neue Impulse und Ideen zur Generierung neuer Produkte und Dienstleistungen? Sie veranstalten Workshops, zu denen sie Dritte einladen, um so von außen Ideen für die eigene Produktwelt reinzuholen.

Und dafür müssen Schreibtische abgeschafft werden?

Bei IBM hat man vor etwa 15 Jahren damit angefangen: Wenn jemand einen Arbeitsplatz braucht, findet er ihn vor. Wenn er ihn aber nicht braucht, weil er etwa auf Reisen ist oder zu Hause arbeitet, wird der Schreibtisch freigegeben. Das wird heute unter Desk-Sharing diskutiert. Es geht vor allem darum, dass Büroflächen besonders in den Innenstädten eine teure Infrastruktur darstellen, bei der es wenig sinnvoll ist, wenn ein Schreibtisch unbenützt ist. Natürlich gibt es viele, die sich mit so einem Gedanken schwertun, ihren Schreibtisch nicht aufgeben wollen und finden, dass eine Teilung nicht zumutbar ist.

Ein Gedanke, der sich nachvollziehen lässt.

Ich kann aus unseren Studien nur das Gegenteil belegen: Natürlich ist das eine Veränderung, aber jeder kann dies lernen, und es hat zwei sehr positive Wirkungen: reduzierte Kosten und erhöhte Flexibilität für die erforderliche Zusammenarbeit. Wenn ich nicht jeden Tag neben Frau Müller sitze, sondern es normal und logisch ist, dass ich die eine Woche hier und die andere Woche woanders sitze, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass auch am Schreibtisch Kooperationen entstehen können.

Aber aus Abwechslung entsteht doch nicht zwangsläufig etwas Neues.

Wenn man mit einem Partner jahrelang zusammenwohnt, dann versteht man sich blind, und das ist im Büro genauso.  Sitzt man sich aber zum ersten Mal gegenüber, kann man bei jedem Telefonat, das der andere führt, voneinander lernen, etwa, wie der andere mit un­zufriedenen Kunden umgeht. Früher war es ein Riesenaufwand, sich zu bestimmten Projekten zusammenzusetzen, da mussten Telefone umgestöpselt und manchmal sogar Schreibtische verschoben werden. Jetzt ist häufig alles in der Cloud, und ich kann überall arbeiten.

Und in der Zukunft verschwinden die Schreibtische dann komplett?

Wir sind gerade dabei zu erforschen, wie sich Hologramm-Darstellungen in den Arbeitsalltag integrieren lassen, wo sich dann Interviewer und Interviewter gegenübersitzen würden. Da gibt es schon erste Versuche. Auch bei Social Media sind wir erst ganz am Anfang. Kommunikationsplattformen werden sich zunehmend etablieren. Im Moment ist in der Wissenschaftsszene gerade ein Streit um die Frage im Gange, wie lange wir noch e-mailen werden.

Die E-Mail verschwindet auch?

Irgendwann wird es keine E-Mail mehr geben, sondern Kommunikation, die sich an WhatsApp orientiert, was nicht mehr nur eine One-to-One-Kommu­nikation ist, sondern ein Kommunikationsraum, in den ich dynamisch gesteuert mehrere Leute in die Kommunikation einbinden kann. Allerdings ist schwer vorherzusagen, was sich dabei durchsetzen wird. Früher oder später werden das die jungen Leute von heute dann in die Arbeit mit einbringen. Für meinen 21-jährigen Sohn ist die E-Mail bereits heute ein nachge­ordnetes Kommunikationsinstrument. Wenn ich ihm eine E-Mail geschickt habe, muss ich manchmal extra anrufen und ihm mitteilen, dass er seine Mails checken möge.