Menschen

Der Erste seiner Art

Autor: Sonja Hausmanns |
Foto: Tillmann Franzen
Henning Kagermann war früher Chef von SAP, dem wichtigsten IT-Unternehmen Deutschlands. Nun hat ihn die Haniel-Familie zu ihrem ersten externen Aufsichtsrat ernannt. Beim Rundgang durch das Haniel Museum wird klar: Innovation und Tradition sind für Kagermann keine Gegensätze.

Büro Johann Wilhelm Welker (1870–1962)

Auf dem reich verzierten Schreibtisch liegt noch eine obligatorische Zigarre des Mannes, der auf dem Porträt an der Wand stark an Wirtschaftswunderkanzler Ludwig Erhard erinnert. Kein Vergleich zum drahtigen Henning Kagermann, der immer wirkt, als sei er gerade auf dem Sprung. Und doch verbindet die Männer etwas: Welker war 1917 der erste Manager an der Haniel-Spitze, der nicht aus der Familie stammte. Und Kagermann ist seit Dezember 2012 der erste Aufsichtsrat auf Anteilseignerseite des Unternehmens, der nicht zur Familie gehört. Die an ihn geknüpften Hoffnungen sind ähnlich hoch wie damals bei Welker. „Die Familie ist überzeugt, nicht nur großen Sachverstand, sondern auch einen hilfreichen Blick von außen zu gewinnen“, kommentierte Aufsichtsratsvorsitzender und Familienoberhaupt Franz Markus Haniel die Ernennung. Das bedeutet: Als erfahrener Manager soll Kagermann im Kontrollgremium Entscheidungen mittragen, die der langfristigen Wertentwicklung des Unternehmens dienen – ohne, dass ihm dabei verwandtschaftliche Beziehungen im Wege stehen könnten. „Eigner sind viel emotionaler, da steckt viel Herzblut drin“, sagt Kagermann, der den Unterschied kennt. Schließlich war er einst bei SAP der erste Chef, der nicht zu den Gründern gehörte. Als er 1982 bei der Softwareschmiede anfing, machte diese einen Umsatz von 24 Millionen D-Mark im Jahr und beschäftigte rund 80 Menschen. Bei seinem Abschied aus Walldorf 2009 sind es mehr als zehn Milliarden Euro Umsatz und knapp 50 000 Mitarbeiter.

Kontor (um 1900)

Am Stehpult blättert Kagermann durch in Leder gebundene Folianten. Fein säuberlich haben darin die Buchhalter früherer Generationen Soll und Haben der Haniel-Flotte festgehalten, mit der das Unternehmen die Kohle aus den eigenen Bergwerken weltweit verschiffte und enorme Gewinne machte. Weniger gut sind die Zahlen, die sich Kagermann am Vortag in einem dreistündigen Termin von Haniel-Finanzvorstand Florian Funck hatte erklären lassen. Bis ins Detail wollte der Ex-Manager verstehen, wie es zum Negativergebnis von 1,9 Milliarden Euro kommen konnte. Denn es ist auch sein persönlicher Ehrgeiz, daran etwas zu ändern: „Es trifft mich schon, wenn es einem Unternehmen schlechtgeht, für das ich zuständig bin. Man fragt sich, ob man nicht auch Schuldiger im System ist.“ Seine Prognose für das Unternehmen ist – gut. „Es ist immer ein positives Zeichen, wenn der Vorstand die Schwierigkeiten erkennt und dann die entscheidenden Schritte macht. Das gibt mir ein gutes Gefühl für das Unternehmen.“ Ganz auf sein Gefühl hat sich der Physiker bei der Entscheidung für Haniel natürlich nicht verlassen, sondern sein jahrzehntelang gepflegtes Netzwerk angezapft. Darin finden sich gleich drei ehemalige Haniel-Vorstände: Theo Siegert kennt er aus dem Aufsichtsrat der Deutschen Bank, Eckhard Cordes und Kagermann tüftelten 2008 den „Einkaufsmarkt der Zukunft“ aus, und mit Jürgen Kluge engagiert er sich beim „Haus der kleinen Forscher“. Keiner der drei riet Kagermann ab. Und er selbst fand das Mandat nicht zuletzt deshalb spannend, weil sich das Unternehmen in Privathand befindet – paradiesische Zustände für jemanden, der sich zu SAP-Zeiten als „Getriebener des Kapitalmarkts“ sah.

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Historische Apotheke (um 1930)

Pflanzenfasern, Samen, Mineralien. In der alten Pharmazie im Haniel Museum findet sich alles, was Apotheker früher mühsam aus aller Herren Länder zusammenkaufen mussten. Arzneimittel waren Luxus – bis 1835 Ludwig Gehe auf den Plan trat. Er belieferte Apotheker zuverlässig mit teilweise vorbearbeiteten Inhaltsstoffen für Pillen und Tinkturen, womit er den Gesundheitsmarkt revolutionierte. Wäre Gehes Unternehmen schon damals Teil des Haniel-Konzerns gewesen, in Henning Kagermann hätte er einen Fürsprecher gefunden. „Ich neige schon dazu, gute, innovative Ideen des Vorstands auch gegen Widerstände zu unterstützen. Aber ich muss fachlich überzeugt sein. Zahlen allein reichen mir nicht, ich muss es wirklich verstehen.“ Vielleicht ist es auch diese Mischung – Begeisterung und Risikofreude auf der einen, Rationalität auf der anderen Seite –, die ihm den Posten als Innovationsberater von Angela Merkel verschafft hat, die in dem 65-Jährigen einen „Mann von morgen“ sieht. Der jedoch bleibt bescheiden: „Man sollte nie versuchen, sich die Ideen von morgen selbst auszudenken. Ich kann gut moderieren, das hilft, die guten Ideen am Ende zur Umsetzung zu bringen und sich nicht in Geschwafel zu verlieren.“ Denn das sei gerade in Deutschland oft das Problem: „Wir neigen dazu, ständig neue Ideen zu produzieren, anstatt die bestehenden umzusetzen.“ Ohnehin findet er es falsch, Innovation auf Technologieneuheiten zu beschränken, und verweist auf das Haniel-Unternehmen Takt: „Ein B2B-Großhändler, der Multichannel macht, ist doch innovativ. Klassisches Kataloggeschäft mit E-Commerce zu verbinden – da gibt es nur wenige, die das wirklich gut können.“ Kagermann glaubt, dass sich mit solchen Geschäftsmodellinnovationen in Zukunft mehr Geld verdienen lässt als mit neuer Technologie. Ein Unternehmen wie Haniel, das viele Branchen unter einem Dach vereint, habe da besondere Chancen. „Haniel kann als eine Art Know-how-Pool für die wichtigsten Trends fungieren und dann Impulse in den Konzern geben“, beschreibt er den Werthebel der Duisburger Holding. Dafür müsse man sich aber natürlich ein paar Kreative leisten können und wollen.

Musikzimmer der Familie Haniel (19. Jahrhundert)

Auf dem roten Sofa nehmen die Eltern Platz, um ihren Kindern beim Spiel auf der Geige oder dem Klavier zu lauschen: ein Familienabend, wie er bei Haniels ausgesehen haben könnte. Eine solche Idylle war Henning Kagermann während seiner Kindheit in Braunschweig fremd. Als er sieben Monate alt war, starb der Vater. Die Mutter erzog ihn allein, unterstützt von den Großeltern. Schon mit 13 Jahren jobbte er in den Sommerferien im Straßenbau und holte sich beim Steineschleppen blutige Hände. Diese Zeit habe ihn Demut vor harter Arbeit gelehrt, sagt Kagermann – und sie zeugt von einem Eifer, der ihn bis heute nicht losgelassen hat. Neben seinen acht Aufsichtsratsmandaten leitet er die Technikakademie acatech und versucht als Chef der Nationalen Plattform Elektromobilität, deutschen Unternehmen auf die Sprünge zu helfen. Eine Mammutaufgabe. Wenn abends der Kopf brummt und er nicht einschlafen kann, löst Kagermann Matheaufgaben. Einfach so, um sich zu entspannen. Wohl auch deshalb will er zurückkommen ins Haniel Museum. Nicht, weil er sich für historische Bilder oder Mobiliar begeistert: Es sind die alten Bilanzen, zu denen er immer wieder greift, um darin fast ehrfürchtig zu blättern.


haniel_media-data-base_photos_headquarters_4-1Das Haniel Museum befindet sich im Gründerhaus des Unternehmens in Duisburg-Ruhrort – dem „Packhaus“. Franz Haniel lebte und arbeitete dort zeit seines Lebens. Mehr Informationen und einen virtuellen Rundgang gibt es unter www.haniel.de/museum

 

 

 

Henning Kagermann wurde 1947 in Braunschweig geboren. Später studierte er Physik und wurde 1975 an der Technischen Universität seiner Heimatstadt promoviert. Sieben Jahre später kam Kagermann zum Walldorfer Softwareunternehmen SAP, wo er zunächst die Entwicklungsbereiche Kostenrechnung und Projektcontrolling verantwortete. Seit 1991 gehörte er dem Vorstand an, zu dessen alleinigem Vorstandssprecher er 2003 berufen wurde, als SAP-Mitbegründer Hasso Plattner aus dem Vorstand ausschied. Im Mai 2009 verließ Kagermann das Unternehmen nach 27 Jahren – schon zwei Monate später wurde er Präsident von acatech, der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften. In dieser Funktion leitet er auch den „Innovationsdialog“ zwischen Bundesregierung, Wirtschaft und Wissenschaft. Zudem sitzt Kagermann unter anderem im Aufsichtsrat von BMW, Deutscher Post, Munich Re und Nokia . Er lebt mit seiner Frau in Königs-Wusterhausen. Das Paar hat drei erwachsene Kinder.