Menschen

Es bleibt ja in der Familie

Autor: Sonja Hausmanns |
Foto: Michael Hudler
Haniel trennt klar zwischen Eigentümern und Management – selbst ein Praktikum ist für Familienmitglieder unmöglich. Wer dennoch Erfahrungen sammeln möchte, kann sich an das Netzwerk „Wahlverwandtschaften“ wenden, das Praktika bei Familienunternehmen vermittelt.

Man stelle sich mal vor, man wäre in einen Familienbetrieb hineingeboren worden – dürfe aber nicht mitarbeiten. Für Carlo Böninger ist das so. Weil es bei Haniel die Trennung zwischen Eigentümern und Managern gibt, können Familienmitglieder wie er dort nicht einmal ein Praktikum machen. Doch genau darum ging es Böninger im vergangenen Jahr: praktische Erfahrung sammeln.

Der 24-Jährige hatte gerade sein Bachelorstudium an der Universität Maastricht in Philosophie und Kulturwissenschaften abgeschlossen. Nun wollte er die Zeit bis zum Beginn des Masterstudiums in Public Policy an der Hertie School in Berlin sinnvoll nutzen. Da ein Praktikum bei Haniel ausgeschlossen war, wandte er sich an „Wahlverwandtschaften“. In diesem Netzwerk, das Haniel initiiert hat, sind mehrere Familienunternehmen aus Deutschland und eines aus Italien vereint – darunter das Pharma-, Chemie- und Life-Science-Unternehmen Merck. Für Böninger die ideale Station, denn „ich möchte später gerne Unternehmen in Sachen Corporate Responsibility beraten“. Da passte es gut, dass Merck von Darmstadt aus die CR-Aktivitäten weltweit steuert.

Böningers Lebenslauf landet auf dem Tisch von Frank Gotthardt, denn auch wenn „Wahlverwandtschaften“ ein exklusives Netzwerk ist – einfach durchgewinkt werden Bewerbungen auch hier nicht. Doch Gotthardt, der als Leiter Public Affairs auch den Bereich CR verantwortet, ist angetan von Böninger. „Eine wirklich überzeugende Bewerbung, und ich hatte von Anfang an das Gefühl, dass da jemand vor mir sitzt, der für das Thema brennt und mitarbeiten will.“ Den Studenten wiederum reizen die Aufgaben, die ihm das Unternehmen bietet. Er unterstützt das Team unter anderem bei der Öffentlichkeitsarbeit und wirkt am CR-Bericht mit. „Ich habe viel Recherche gemacht, einige Texte verfasst … eben klassische Praktikantenaufgaben“ – darauf legt er Wert. Deshalb findet er es auch nicht schade, dass während seines Praktikums ein vereinbartes Treffen mit einem hochrangigen Mitglied der Familie Merck am Ende nicht zustande kommt. „Ich wollte Praktikant sein und nicht Vertreter von Haniel.“

Es ist wohl auch diese Bescheidenheit, die Carlo Böninger auszeichnet. Beim Team von Merck jedenfalls kommt der junge Mann, der seine Sätze oft mit einem Augenzwinkern beendet, gut an. „Er hat Eindruck hinterlassen“, bescheinigt ihm Frank Gotthardt. „Wegen seiner Zuverlässigkeit und Gründlichkeit, aber auch, weil er von Anfang an verstanden hat, wie ein Unternehmen funktioniert.“ Böninger findet, er habe in den viereinhalb Monaten in Darmstadt „wahnsinnig viel gelernt“.

Was nicht ohne Folgen blieb: Auch in seiner Masterarbeit wird er sich mit dem Thema „Unternehmerische Verantwortung“ beschäftigen – und er setzt sie schon jetzt ganz praktisch um. Vor Kurzem hat Böninger mit drei Freunden das Unternehmen Karmawood gegründet. Gemeinsam entwerfen und vertreiben sie handgefertigte Sonnenbrillen aus Holz. Die Gestelle sind aus FSC-zertifiziertem Holz, die Lacke biologisch abbaubar und die Logistik CO2-neutral. „All diese Maßnahmen gewährleisten, dass Karmawood mit reinem Gewissen operieren kann. Und doch ist es uns nicht genug“, schreiben die Jungunternehmer auf ihrer Website. Weshalb sie für jede verkaufte Brille einen Euro an eine Schule in Indonesien spenden.

Auch von Haniel erwartet Böninger, dass das Thema Corporate Responsibility vorangetrieben wird – sowohl im Unternehmen als auch in der Familie. Ob er dabei selbst aktiv werden wolle? „Nein, da gibt es erfahrenere Leute als mich“, sagt er. Aber er könne sich durchaus vorstellen, sich irgendwann wie sein Vater in den Gesellschaftergremien oder dem Aufsichtsrat von Haniel einzubringen.

Corporate Governance

Die Trennung von Familie und Management bei Haniel stellt sicher, dass unternehmerische Entscheidungen frei von verwandtschaftlichen Beziehungen getroffen werden können. Die Familie nimmt jedoch über den Aufsichtsrat – dessen Vorsitzender immer ein Familienmitglied ist – und über die Gesellschafterversammlung Einfluss auf die Unternehmensstrategie. Der erste familienfremde Manager war 1919 Johan Wilhelm Welker. Ein Jahr später legte auch die Familie Merck die Geschicke des Unternehmens erstmals in die Hände eines externen Managers. Dort waren zwar in den letzten Jahrzehnten Familienmitglieder in der Unternehmensführung tätig, inzwischen gilt aber auch bei Merck eine Trennung der Funktionen, ähnlich wie bei Haniel. Während der Duisburger Konzern zu 100 Prozent in Familienbesitz ist, hält die Familie Merck nur 70 Prozent der Anteile am Unternehmen.