Menschen

Große Kunst

Autor: Elena Brenk und Sonja Hausmanns |
Foto: Tillmann Franzen
Haniel und die Duisburger Philharmoniker stehen für die erfolgreiche Partnerschaft von Wirtschaft und Kultur. Ihren Höhepunkt fand sie im 1. Haniel Klassik Open Air. Wir trafen Generalmusikdirektor Giordano Bellincampi und den Haniel-Chef Stephan Gemkow vorab zum Gespräch über Manager, Musiker – und warum beide gute Psychologen sein müssen.

Herr Gemkow, Sie greifen in Ihrer Wortwahl gerne Bilder aus der Musik auf. Woran liegt das?

[STEPHAN GEMKOW] Das ist mir nie aufgefallen. Aber ich denke schon, dass ich eine gewisse Affinität zur Musik habe. Ich habe zwar kein Instrument gelernt – außer Blockflöte, aber das zählt ja nicht richtig. Eine lange Zeit sang ich jedoch im Chor, etwa im Kirchenchor, später auch im Hochschulchor. Ich mag Musik.

In Stephan Gemkow steckt also ein Musiker – steckt in Ihnen auch ein Manager, Herr Bellincampi?

[GIORDANO BELLINCAMPI] O ja! Natürlich ist es nicht wie in der Wirtschaft. Aber ich habe auch Personalverantwortung. Management ist ein Teil meiner Arbeit als Dirigent.

Könnten Sie sich vorstellen, Ihre Berufe zu tauschen?

[GEMKOW] Dafür habe ich viel zu viel Respekt vor der Aufgabe von Herrn Bellincampi. In einer früheren Position habe ich einmal Managementtrainings gemacht, in denen wir die Führungskräfte mit dem Dirigierstab vor ein Orchester gestellt haben, und gesagt haben: So, jetzt dirigiert mal. Um zu sehen, was passiert. Und wir haben die Führungskräfte auch in das Orchester gesetzt, damit sie mal erleben, wie die umgekehrte Situation ist. Also, das ist schon sehr hilfreich, dieser Austausch. Aber persönlich hätte ich da einen ziemlichen Respekt.

[BELLINCAMPI] Man muss, wie in allen anderen Berufen, Respekt für das Handwerk zeigen. Management ist natürlich komplett anders als künstlerische Leitung. Aber es gibt viele Bereiche, in denen man voneinander lernen kann. Aber, nein, tauschen wollte ich nicht. Auch, weil ich Musik zu sehr liebe.

Sie haben sich beide nicht für den einfachsten Weg entschieden: Herr Gemkow führt mit Haniel ein finan­ziell angeschlagenes Unternehmen, und Herr Bellincampi soll bei sinkenden Kulturbudgets Hochkultur bieten. Suchen Sie beide die Gefahr?

[GEMKOW] Ich habe mal einen amerikanischen General sagen hören: „We are risk takers, but not risk seekers.“ Das heißt, wir wägen die Chancen und die Risiken ab und wissen dann ziemlich genau, was wir tun. Das war bei mir auch so, als ich an die Spitze von Haniel trat: Ich habe mir ein Bild gemacht vom Zustand des Unternehmens und dann überlegt: Was kann man ändern, kann man überhaupt etwas ändern? Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass man das kann, und dann habe ich das auch gerne gemacht.

[BELLINCAMPI]Ja, das ist genau dasselbe bei mir. Manchmal ist man auch in einem Job, weil andere Leute Vertrauen haben. Bei den Philharmonikern sprechen wir ganz oft über alle Probleme. Aber es gibt auch unglaublich viel Gutes für dieses Orchester – die Stadt tut viel für uns und unser Publikum. Und ich kann aus Erfahrung sagen, dass es Orte gibt, wo man es als künstlerische Institution erheblich schwerer hat als in Duisburg.

Manager sehen oft erst nach drei, vier Jahren, ob sie gute Arbeit geleistet haben. Beneiden Sie Herrn Bellincampi um das direkte Feedback vom Publikum, Herr Gemkow?

[GEMKOW] Ja und nein. Auf der einen Seite habe ich natürlich auch Halbjahreszahlen, sodass ich genau weiß, wo das Unternehmen steht. Aber ich glaube, ich habe mehr Möglichkeiten, Fehler zu korrigieren, als Herr Bellincampi. Wenn da was passiert, ist die ganze Aufführung hinüber, und es gibt schlechte Presse. Bei uns ist es sehr viel weniger eine punktuelle Leistung, sondern ein Prozess, den man gestaltet. Und in diesem Prozess entstehen immer wieder Möglichkeiten, etwas zu korrigieren oder die Richtung zu verändern.

[BELLINCAMPI] Natürlich ist die Publikumsreaktion ganz wichtig für jedes einzelne Konzert und jede Symphonie oder Ouvertüre. Aber unsere Arbeit ist es auch, der Stadt eine Identität zu geben – und das auf verschiedenen Niveaus: für Leute, die ganz oft ins Konzert gehen, oder Leute, die vielleicht nicht so viele kulturelle Impulse zu Hause haben. Wenn wir zum Beispiel Kinder- und Jugendarbeit machen, dann wissen wir auch nicht, ob das auf die Schnelle funktioniert.

Herr Gemkow stand vor Kurzem vor dem Problem, dass sein „Orchester“ nicht mehr funktionierte, und hat daraufhin den Celesio-Chef entlassen. Wie gehen Sie als Dirigent damit um, wenn sich Musiker nicht integrieren wollen?

[BELLINCAMPI] Ich denke, das ist genau dasselbe an verschiedenen Arbeitsplätzen. Manchmal gibt es sehr große Probleme. Das ist normal. Aber in jedem Musiker gibt es ein kleines Kind, das sehr gerne Blockflöte spielen wollte oder sehr gerne für viele Leute singen wollte. Und es ist meine Arbeit als Dirigent, immer wieder dieses Kind zu motivieren.

[GEMKOW] Der Charme eines Orchesters besteht ja gerade im gesamten Klang und nicht im einzelnen Instrument. Es geht auch nicht darum, dass jeder möglichst laut spielt. Das ist ja die große Frage des Dirigats: Wie dirigiert der Dirigent? Manche haben eine große Gestik, andere führen mit Augenkontakt. Und das kann man durchaus auch in der Wirtschaft sehen. Die Frage ist: Muss man viel Lärm machen, damit die Botschaft ankommt? Oder versteht das Team auch so, wo es hingeht? Bei einer Partitur ist auch nicht jede Rolle demokratisch gleich lang und groß und wichtig. Aber es gibt unterschiedliche Stücke. Und mal ist eben die Violine ganz wichtig und mal die Posaune. Und so ist es im Wirtschaftsleben auch. Das ist nur leider im Orchester leichter zu vermitteln. Im Unternehmen glauben viele, sie müssen sehr laut und sehr häufig viele Solorollen spielen – sprich, sehr viel mit dem Vorstand zusammen sein, damit sie wahrgenommen werden und wirklich wichtig sind. Aber am Ende des Tages kommt es darauf an, dass sich alle Spieler aufeinander verlassen können. Und wenn mein Nebenspieler einen falschen Einsatz macht, bin ich verloren. Dann entsteht Chaos. Es braucht großes Vertrauen, sonst wird das Gesamtwerk nicht gelingen. Das ist in der Wirtschaft nicht anders als im Orchester.

[BELLINCAMPI] Das ist genau dasselbe! In der Theo­rie bin ich der Leiter dieses Konzerts, aber ich erzeuge keinen Klang. In der Praxis könnte es sein, dass ich dirigiere und das Orchester nicht spielt.

[GEMKOW] Das ist ja eine Horrorvorstellung.

[BELLINCAMPI] Ja, genau. Sie können sehr viele Ideen haben, aber wenn diese von den Leuten nicht umgesetzt werden, passiert gar nichts. Ich denke, in allen Führungspositionen legt man seine persönliche Integrität auf den Tisch und sagt: Das kann ich anbieten, und meine Rolle ist es, diesen Prozess zu leiten, und nun arbeiten wir zusammen und sehen zu, was das bringt.

Es geht also letztlich um Motivation?

[GEMKOW] Ja. Wenn es mir gelingt, die Freude an der Arbeit zu vermitteln, dann habe ich nicht mehr viel zu tun. Aber dazu gehört eben auch, dass man weiß, mit wem man es zu tun hat. Damit man fördern kann, aber einige eben auch ein bisschen zurückhält, damit andere stärker zur Blüte kommen.

[BELLINCAMPI] In unserer Arbeit gibt es verschiedene Phasen. Solche, in denen man dem Orchester ganz viel Energie geben muss. Und dann gibt es Phasen, in denen man weiß: Jetzt geht alles von selbst, da darf ich nicht stören. In einer optimalen Welt ist es so, dass man sein Orchester so gut trainiert hat, dass man nur so macht (schwingt mit den Armen) und alles von selbst kommt.

Gibt es bei Ihnen auch Phasen, Herr Gemkow, in denen Sie sich bewusst zurücknehmen und sagen: Ich habe die Leitplanken gesetzt, jetzt schaue ich mal, was passiert?

[GEMKOW] Ja, ganz sicher. Das geht manchmal schon los beim Entwurf irgendwelcher Schriftstücke, wo es dann bei mir zuckt, weil ich sie am liebsten selber schreiben würde. Manchmal sage ich dann: Nein, das ist jetzt nicht gut, wenn ich das mache, weil der Autor lernen muss, mit meiner Kritik umzugehen und mich besser zu verstehen. Ich glaube, jeder Manager erkennt irgendwann einmal, dass man nicht mehr der beste Sachbearbeiter ist. Dann muss man darauf vertrauen, dass das Team insgesamt die Leistung bringt. Das sind dann immer Zeiten, in denen man wirklich sehr viel Freude an der Zusammenarbeit hat, wenn man merkt, dass die Mitarbeiter sich in dieser Rolle wiederfinden und motiviert sind, ihre Rolle auszufüllen.

Herr Bellincampi, Sie haben jahrelang Posaune im Orchester gespielt. Haben Sie als Dirigent das Vertrauen, dass ein anderer Musiker die Posaune so gut spielt wie Sie?

[BELLINCAMPI] Natürlich spielen alle Musiker in einem Orchester wie die Duisburger Philharmoniker ihr Instrument viel besser als ich. Das ist ganz sicher. Aber ich weiß auch, dass ich etwas anderes kann. Und dieses Vertrauen ist die Hauptsache. Unser Privileg ist, dass wir nicht so viel sprechen. Es kommt alles mit der Musik.

Sie, Herr Gemkow, waren selbst lange Finanzvorstand der Lufthansa. Wie schwer fällt es Ihnen heute, nicht in die Arbeit des Haniel-Finanzvorstands einzugreifen?

[GEMKOW] Als ich kam, habe ich mir natürlich fest vorgenommen, dass ich hier nicht Oberfinanzvorstand bin, sondern dass es da eine neue Rollenverteilung gibt. Und das gelingt aus zwei Gründen sehr gut: Zum Einen könnte ich den Job, den Herr Funck macht, nicht besser machen. Und zum Zweiten habe ich selber in meiner neuen Rolle so viel zu lernen und auch erst mal zu erfahren, dass sich da genug mit zu tun habe. Von daher bin ich gar nicht in der Versuchung, mit ihm in einen Wettstreit zu treten. Das ist seine Verantwortung und da fühlte ich mich sehr gut aufgehoben, da habe ich großes Vertrauen.

Herr Bellincampi bezeichnet sich als Römer, obwohl er schon seit seinem elften Lebensjahr in Kopenhagen lebt. Herr Gemkow sieht sich als hanseatischen Kaufmann, hat aber in seiner Heimatstadt Lübeck nie gearbeitet …

[GEMKOW] …  eine Lehre habe ich da gemacht.  Und nach dem Studium in der Hansestadt Hamburg gearbeitet.

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Wie kommt es, dass Sie sich beide so stark auf Ihre Wurzeln beziehen?

[GEMKOW] Ich glaube, es ist für die Persönlichkeit wichtig, dass man Wurzeln hat. Und ich bin eigentlich auch stolz darauf, aus Lübeck zu kommen, weil das eine Stadt ist mit einer ganz langen Tradi­tion, kaufmännischen und kulturellen Werten und einer hohen Lebensqualität. Es ist schön, wenn man weiß, wo man hingehört und wo man herkommt. Das erleichtert auch die Richtungsbestimmung nach vorne. Ich finde es schön, einen solchen Ruhepol in sich zu haben. Nicht nur geografisch, sondern auch im übertragenen Sinne. Wenn man bestimmte Werte in sich trägt, die einem Entscheidungshilfe geben, muss man da auch nicht lange nachdenken. Das erleichtert vieles.

[BELLINCAMPI] Besonders heute ist so etwas in unserer Welt wichtig – wobei die künstlerische Welt vielleicht immer schon so war –, aber jetzt, wo wir alle in sehr vielen Ländern arbeiten, sehr viele Sprachen sprechen und diese Globalisierungstendenz entwickeln, ist es noch wichtiger für uns, eine Identität zu haben. Ich  habe mich zum Beispiel ein paarmal mit Taxifahrern unterhalten, die sehr schlecht über ihre Heimat sprachen. Und dann habe ich gefragt: Aber wenn der Tag kommt, an dem du tot bist, wo willst du dann begraben sein? Und dann war es immer komplett still.

Was sagen Sie zu Duisburg, Herr Gemkow? Berge gibt es hier nicht, auch keine Altstadt. Und man lebt in ständiger Konkurrenz mit anderen Ruhrmetropolen wie Bochum oder Essen …

[GEMKOW] Duisburg hat eine schwierige Entwicklung genommen und das sieht man in der Stadt. Das ist schade. Aber es gibt zum Einen sehr charakteristische Merkmale wie den tollen Hafen. Ich komme von der See, mir macht Wasser immer viel Freude. Ruhrort, da wo wir mit Haniel sind, ist ein schöner Stadtteil. Und das Firmengelände ist ein Juwel. Das ist schon anders, als in einem Bürohaus irgendwo. Ich maße mir überhaupt nicht an, Duisburg zu kennen, aber es gibt durchaus viele schöne Ecken. Und ich weiß, dass viele, die aus Duisburg kommen, eine sehr starke Identität mit der Stadt verbindet. Das Entscheidende ist, dass da wirklich eine Verbindung zwischen der Stadt und den Leuten, die hier leben, gelingt.

[BELLINCAMPI] Ich habe eine Wohnung hier in Duisburg, und von da aus kann ich ein kleines Stück von der alten Stadtmauer sehen. Aber Architektur ist nicht die Hauptsache. Was wichtig ist, dass die Leute wirklich denken: Dies ist unsere Stadt. Auch diese Arbeiterstadt, das liebe ich! Man merkt, wir wollen wirklich arbeiten.

Sowohl Haniel als auch die Philharmoniker gehören zu Duisburg und stehen für die Partnerschaft von Wirtschaft und Kultur in unserer Stadt. Wie profitieren beide von dieser Verbindung?

[BELLINCAMPI] Für eine Kulturinstitution ist es immer wichtig, Partner vor Ort zu haben. Weil es einem Möglichkeiten gibt, andere Sachen zu machen. Partnerschaften mit anderen gesellschaftlichen Bereichen in einer Stadt sind sehr wichtig für unsere Identität, für die Synergie zwischen Bürgern und Kulturinstitutionen.

[GEMKOW] Es ist schon schön, wenn zwischen Kultur und Wirtschaft so ein symbiotisches Verhältnis besteht, weil der Austausch wirklich beiden nützt. Wir haben ein Interesse daran, dass unser Heimatstandort attraktiv ist. Und zur Attraktivität trägt Kultur enorm bei. Sie erleichtert uns zum Beispiel die Suche nach Arbeitskräften, genau wie eine gute Universität oder eine gute Schule. Das ist durchaus ein bisschen egoistisch: Wenn wir in den Standort investieren, bekommen wir auch etwas zurück. Und wir haben uns ganz bewusst dafür entschieden, angesichts unserer etwas knapperen Kassen auf die Förderung reiner Hochkultur erst mal zu verzichten. Wir werden eher das fördern, was für den Standort wichtig ist. Was für die Kinder, die Schüler und die normale Bevölkerung einen Wert darstellt. Das ist uns wichtig. Da wissen wir: Wenn wir es nicht tun, tut es auch kein anderer.

Aber beim Haniel Klassik Open Air wird ja durchaus Hochkultur geboten.

[GEMKOW] Ja, aber wir hören da keine Zwölftonmusik, sondern etwas, das eine große Zahl von Menschen anspricht.

Wünschen Sie sich auch, Herr Bellincampi, dass Klassik abseits des Bildungsbürgertums Zuhörer findet?

[BELLINCAMPI] Ja, natürlich. Ziel eines Konzerts ist nicht nur, dass da 1500 Menschen sitzen. Sondern, dass vielleicht ein oder zwei von diesen Menschen rausgehen und denken: Okay, heute habe ich etwas wirklich Neues erlebt. Vielleicht war ich sehr müde oder traurig, aber jetzt ist mein Leben ein bisschen besser. Manchmal kommen am Montagmorgen vielleicht 20 Kinder zu einer Probe. Und dann sehe ich ein Kind, das sitzt so da (reißt Mund und Augen weit auf). Dann habe ich alles erreicht.

In den USA sind solche Partnerschaften zwischen Kultur und Unternehmen Alltag: 90 Prozent aller Kulturangebote werden von privater Hand finanziert. In Deutschland sind es nur zehn Prozent. Wünschen Sie sich amerikanische Verhältnisse?

[BELLINCAMPI] Ich habe auch sehr viel in den USA gearbeitet. Dort gibt es eine komplett andere Steuerregelung mit Steuervorteilen für kulturelle Förderung. Hier in Europa haben wir eine andere Tradition, die besagt: Wir brauchen unser demokratische System, um Kultur zu unterstützen. Und das finde ich prinzipiell sehr gut. Was ist interessant, wenn man in den USA arbeitet? Dass viele Leute denken, es ist quasi Prostitution. Aber das ist gar nicht so. Es gibt sehr, sehr gute Kulturinstitutionen und sehr, sehr gute Orchester in den USA.

Andersherum wird ja von Unternehmen heutzutage geradezu erwartet, dass sie etwas für die Stadt tun – mehr als nur wirtschaftlich erfolgreich zu sein und Steuern zu zahlen. Was halten Sie von diesen gestiegenen Ansprüchen, Herr Gemkow?

[GEMKOW] Das ist immer ein bisschen zwiespältig. Es kommt sehr stark auf das Unternehmen an. Bei Haniel haben wir es da relativ einfach, denn es gehört zu den Werten der Familie und des Unternehmens, dass wir uns so betätigen, wie wir uns betätigen. In einem öffentlichen Unternehmen, wo man viele kleine anonyme Kapitalgeber hat, muss man sich immer darüber im Klaren sein, dass das Geld ist, das den Aktionären nicht als Dividende zur Verfügung steht. Und ich habe mich immer damit schwergetan, zu verstehen: Wie weit möchte eigentlich ein Aktionär, dass wir Kunstsponsoring machen?

Marin Alsop, Schülerin von Leonard Bernstein und eine der wenigen weiblichen Dirigenten, hat gesagt: „Mindestens 50 Prozent meiner Arbeit sind Psychologie.“ Gilt das auch für Ihre Arbeit mit den Duisburger Philharmonikern, Herr Bellincampi?

[BELLINCAMPI] Am Podium ist es sicherlich so. Es ist ganz interessant, denn wir wissen nicht, ob ein Instrument eine bestimmte Persönlichkeit hervorbringt oder eine bestimmte Persönlichkeit ein Instrument sucht. Aber ich erkenne schon am Charakter: Ah, das ist ein Solotrompeter, das ist die Flöte. Es ist schon auch die Persönlichkeit, die einen zu einem bestimmten Job bringt. Das ist natürlich unglaublich wichtig, um zu verstehen, wie Leute in einem Orchestermechanismus funktionieren. Andererseits gibt es auch sehr gute Dirigenten, die sehr schlechte Psychologen sind.

Herr Gemkow, Sie haben sich während Ihres Studiums mit Psychologie befasst. Können Sie das heute nutzen?

[GEMKOW] Extrem viel. Das ist weniger im Sinne von plakativen Theorien und Analysen gemeint, sondern sehr praktisch: Ich habe gelernt, frühzeitig zu erkennen, wann Entscheidungsprozesse an die Wand zu fahren drohen. Dann kann man frühzeitig abbrechen und neu aufsetzen, um neue Impulse zu geben. Oder auch bei nonverbaler Kommunikation – wie interpretiert man Verhalten, Gestik, Mimik? Das ist sehr subkutan, aber unglaublich wichtig. Weil vom Kirchenvorstand über die Gewerkschaft bis zum Topmanagement immer wieder die gleichen psychologischen Prozesse ablaufen.

[BELLINCAMPI] Vielleicht ist das eine Floskel, aber ich denke, auch vom privaten Leben lernt man ganz viel. Ich habe jetzt drei erwachsene Kinder, von denen ich viel gelernt habe, wenn ich mal ein bisschen darüber nachdenke.

Was haben Sie Ihren Kindern denn bei der Berufswahl geraten – Vernunft oder Leidenschaft?

[BELLINCAMPI] Ich rate nicht so viel. Aber ich versuche, immer zu unterstützen. Das ist praktisch das Einzige. Ich bin oft weg, ich bin maximal 50 oder 60 Tage im Jahr zu Hause. Es ist in unserer Familie aber auch immer sehr intensiv, wenn ich da bin. Sonst sprechen wir viel miteinander über Telefon und Skype. Aber ich glaube, dass meine Kinder sehen, wie sehr ich meine Arbeit liebe und dass sie die ganze Energie wert ist.

[GEMKOW] Ohne Leidenschaft ist jede Leis­tung bestenfalls Mittelmaß, und dann sollte man gar nicht erst anfangen, dafür ist die Welt zu kompetitiv.

Herr Bellincampi hat lange Posaune gespielt, mittlerweile steht sie ungenutzt in seinem Schlafzimmer. Gibt es bei Ihnen auch eine vergessene Leidenschaft?

[GEMKOW] Ehrlich gesagt, nein. Aber ich hatte lange Zeit einen Dirigierstab in der Schreibtischschublade, den mir meine Mitarbeiter geschenkt hatten. Ich habe intensiv darüber nachgedacht, was sie mir damit wohl sagen wollten.

[BELLINCAMPI] Sie singen nicht mehr im Chor?

[GEMKOW] Nein. Einfach aus Zeitgründen – und weil ich eben doch häufig unterwegs bin. Wenn man nicht proben kann, dann kann man auch nicht singen.


Das 1. Haniel Klassik Open Air

Die Partnerschaft zwischen den Duisburger Philharmonikern und Haniel besteht seit 1998. Regelmäßig sind Musiker des renommierten Orchesters zu Gast bei den Haniel-Akademie-Konzerten, die am Stammsitz des Unternehmens stattfinden. Auch zum 250. Firmenjubiläum 2006 traten die Philharmoniker auf. Im vergangenen Jahr hat Haniel die 100-Jahr-Feier des Duisburger Theaters  unterstützt – damals entstand die Idee, gemeinsam mit den Philharmonikern regelmäßig ein kostenloses Kulturevent auf die Beine zu stellen. Zum 1. Haniel Klassik Open Air am 13. September in der Duisburger Innenstadt kamen rund 6000 Besucher.

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