Menschen

Klein, wachsen, erwachsen

Autor: Anne Lehwald |
Foto: Johannes Krömer, Dominik Asbach
Wie sind wir die geworden, die wir sind? Wann und wie werden wir eigentlich erwachsen? Wie wachsen wir über uns hinaus? Wer wollten wir als Kind sein? Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Haniel-Gruppe erzählen, woran sie gewachsen sind und wer sie dabei begleitet hat. Sieben Porträts.

Vater und Sohn

Ger Van Rieke, 61, Geschäftsführer von Vink lisse B. V. in Lisse, Niederlande, züchtet in seiner Freizeit Brieftauben. Sein Sohn Don, 23, arbeitet in einer Reitschule. Beide wissen: ehrlich währt am längsten.

Vater Sohn Pferd

 

Don, was haben Sie von Ihrem Vater gelernt?

Alles, was wichtig ist im Leben! Stolz auf mich zu sein, nicht kleinkariert zu denken und mit Niederlagen und Rückschlägen klarzukommen.

Ger, was hat Ihnen Ihr Sohn beigebracht?

An Don bewundere ich seine Beharrlichkeit und seine positive Einstellung. Er lässt sich nicht unterkriegen.

Was haben Sie vom leben gelernt?

[GER] Fleißig zu sein und nie aufzugeben. Dass Ehrlichkeit und Selbstlosigkeit sehr wichtig sind. Und dass, wer nicht mit anderen zusammenarbeitet, seine eigenen Ziele nicht erreichen kann.

[DON] Dass man das Beste aus seinem Leben machen muss! Nicht nur für andere, sondern auch für sich selbst. Ich darf mich nicht mit Situationen abfinden, mit denen ich nicht zufrieden bin. Und ja, das stimmt, Ehrlichkeit führt oft zu guten Ergebnissen.

Was ist das Beste am Älterwerden?

[GER] Durch die Lebenserfahrung, die man hat, werden neue Erlebnisse relativiert. Das macht es leichter, das Leben zu genießen.

[DON] Ich lerne aus meinen Erfahrungen. Ich mache bestimmte Fehler nicht doppelt.


 

Mutter und Sohn

Birgit Sommer, 47, aus Dinslaken ist Cash & FX Managerin bei Franz Haniel & Cie. GmbH. Ihrem Sohn Florian, 18, Schüler am Berufskolleg, hat sie ihr Fernweh vererbt. Florian ist vor Kurzem von einem Schüleraustausch in den USA zurückgekehrt – als Erwachsener.

Muter Sohn

 

Florian Sommer weiß genau, wann er sich zum ersten Mal erwachsen gefühlt hat. Das war im September 2010 auf dem Frankfurter Flughafen. Er war auf dem Weg nach Utah, USA, zum Schüleraustausch, unterstützt durch ein Stipendium der Carl-Lueg-Stiftung, einem Teil der Haniel Stiftung. Ein Jahr lang weg von zu Hause, weg von allen, die er kannte. In ein Land, in dem eine andere Sprache gesprochen wird.

„Das ist kein Schritt, den man macht, wenn man noch ein Kind ist“, sagt Florian Sommer selbstbewusst. Zwischen Sicherheitsschranke und Check-in wurde ihm bewusst, dass er nun zum ersten Mal auf eigenen Beinen stehen musste. „Das war ein gutes Gefühl“, sagt er.

Seine Mutter hat immer daran geglaubt, dass ihr ältester Sohn die Herausforderung meistert. „Schon als kleiner Junge hat sich Florian immer durchgebissen.“ Sie selbst wäre auch gern länger ins Ausland gegangen. „Aber das hat sich für mich nicht ergeben.“

Jetzt organisiert sie ehrenamtlich den Schüleraustausch bei AFS Interkulturelle Begegnungen e. V. – der Organisation, mit der auch Haniel zusammenarbeitet. Auch Urlaubsreisen kompensieren ihr Fernweh. „Wenn man neue Menschen und Kulturen kennenlernt, erweitert man immer seinen Horizont“, sagt Birgit Sommer.

In diesem Jahr steht eine ganz besondere Reise an: Familie Sommer fliegt gemeinsam nach Utah. Dorthin, wo Florian erwachsen geworden ist – ganz allein.


 

Tochter und Vater

Carmen Brücher, 46, Bezirksverkaufsleiterin der GEHE Pharma Handel GmbH in Weiterstadt, und ihr Vater Gustav Brücher, 73, ehemaliger Direktor der GEHE in Darmstadt, haben durch den Sport gelernt: Niederlagen sind okay, aber Aufgeben ist keine Option.

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Im Personalausweis von Gustav Brücher steht bei Größe: 1,72 Meter. „Aber das stimmt nicht mehr“, sagt der 73-Jährige. Beim Arzt wurde er vor Kurzem neu vermessen. „Ich bin um vier Zentimeter geschrumpft!“

Doch um äußere Größe ging es dem gebürtigen Bremer nie. Gustav Brücher ist sehr früh erwachsen geworden. Als Siebenjähriger, nach dem Krieg, ist er über die Dörfer gezogen, hat die guten Schuhe seiner Mutter gegen Speck, Butter und Eier getauscht, um die Familie zu ernähren. Als 20-Jähriger gründete er seine eigene Familie und hatte drei Jobs gleichzeitig. „Ich bin nicht als Direktor auf die Welt gekommen“, sagt Brücher.

Jetzt, als Pensionär, engagiert er sich als Präsident und Trainer eines lokalen Fußballvereins. „Der Sport hat uns beide sehr geprägt“, sagt Carmen Brücher. „Er hat uns gelehrt, aus Niederlagen zu lernen.“ Als Kunstturnerin wurde sie hessische Vizemeisterin. Mit dem Leistungssport hat Carmen Brücher schon vor vielen Jahren aufgehört. Aber die aufrechte Haltung und der selbstbewusste Blick sind geblieben.

Sie wusste früh, was sie wollte: in die Fußstapfen ihres Vaters treten. Schon als Schülerin jobbte sie im Lager von GEHE. Später machte sie eine Ausbildung zur PTA, studierte Pharmazie, arbeitete in einer Apotheke, seit 2004 ist sie zurück bei der GEHE. „Von meinem Vater habe ich gelernt, dass man selbst sein wichtigster Antrieb ist“, sagt Carmen Brücher. „Man kann alles schaffen, wenn man wirklich will.“

Auf dem Golfplatz hat sie es damit bis zum Handicap 16 gebracht. Phänomenal, sagen viele. „Nicht schlecht“, sagt Carmen Brücher selbst. Sie weiß: Das geht noch besser.


 

Patentante, Patentochter, Patensohn

Für Antje Hegemann, 37, SAP-Consultant bei Franz Haniel & Cie. GmbH in Duisburg, ist eine unbeschwerte Kindheit die Voraussetzung für ein glückliches Leben. Deshalb unterstützt sie ihre Patenkinder Ben, 9, und Frangelys, 6.

Patenkind Patentante

 

„Seit drei Jahren bin ich Patin eines Kindes in Nicaragua. Frangelys ist sechs Jahre alt und geht mittlerweile in die Vorschule. Dieses Foto von ihr habe ich vor einigen Wochen bekommen. Es ist das erste Bild, auf dem sie lächelt. Ich glaube, dass sie viel selbstbewusster geworden ist, seitdem sie zur Vorschule geht.

„Auf die Idee, diese Patenschaft zu übernehmen, hat mich mein Patenkind Ben gebracht, der Sohn meiner besten Freundin. Er ist selbstbewusst, mutig und klug. Wenn er groß ist, will Ben Profifußballer werden. Beim MSV Duisburg natürlich. ‚Wenn das nicht klappt, werde ich eben Arzt‘, sagt Ben. ‚Hauptsache, ich kann mir ein großes Auto leisten, in das meine ganze Familie passt.‘

„Ben so unbeschwert aufwachsen zu sehen, hat mir bewusst gemacht, dass nicht alle Kinder so einen glücklichen Start ins Leben haben. In Frangelys’ Dorf in Nicaragua müssen viele Kinder arbeiten, um ihre Familien zu ernähren. Sie können weder lesen noch schreiben. Ohne Unterstützung haben sie keine Chance auf eine bessere Zukunft. Ich wünsche mir, dass Frangelys eine selbstbewusste junge Frau wird, die irgendwann ihre Träume selbst verwirklichen kann.“


 

Vater, Sohn, Sohn

Bill Fisher, 62, aus Export, Pennsylvania, USA, musste selbst schon früh auf eigenen Beinen stehen. Das Wichtigste, was er seinen Söhnen beigebracht hat: immer zu versuchen, das Beste zu geben. Bill feierte in diesem Jahr sein 40. Betriebsjubiläum bei ELG Metals Corp – er ist dort technischer Leiter. Auch seine Söhne Daniel (29) und Joe (31) arbeiten in der Firma, als Auszubildender zum Strahlenschutzbeauftragten der Jüngere, als technischer Mitarbeiter im Fachbereich Strahlenschutz, Sicherheit und Umweltschutz der Ältere.

Vater Sohn Sohn

 

Bill, was haben Sie von Ihrem Vater gelernt?

Meine leiblichen Eltern starben, als ich drei Jahre alt war. Ich kam in ein Heim und wurde mit fünf Jahren adoptiert. Schon damals war mir klar, dass man im Leben selbstständig sein muss. Durch meine Geschichte bin ich ein bisschen schneller erwachsen geworden. Mein Adoptivvater lehrte mich, nie aufzugeben. Wenn zum Beispiel etwas kaputt war, sollte ich versuchen, es zu reparieren. Ich wünschte, mein Vater hätte mehr Zeit mit mir verbracht als in der Arbeit. Leider muss ich gestehen, dass ich in dieser Beziehung in seine Fußstapfen getreten bin. Auch als meine Söhne jung waren, habe ich oft gearbeitet, wenn ich besser bei meiner Familie gewesen wäre.

Joe, was wollten Sie werden, als Sie ein kleiner Junge waren?

Ich wollte alles sein! In der einen Woche Musiker, in der nächsten Künstler, in der Woche darauf Tierarzt, später Archäologe. Mein Vater war da ganz anders, sehr beständig. Tagein, tagaus derselbe Job in derselben Firma. Früher haben wir uns nicht besonders gut verstanden. Besonders, als ich ein Teenager war, bis in meine früher Zwanziger sind wir oft aneinandergeraten. Das hat sich allerdings geändert. Vor allem in den vergangenen acht Jahren, seitdem wir in derselben Firma arbeiten. Aber ich will vor allem in einer Hinsicht anders sein als er: Ich versuche, weniger Arbeit mit nach Hause zu nehmen. Arbeit ist Arbeit. Privat ist privat.

Daniel, was hat Sie in Ihrem Leben erwachsen werden lassen?

Es gab zwei Wendepunkte in meinem Leben, an denen ich gewachsen bin. Zum ersten Mal, als ich meinen Universitätsabschluss in der Tasche hatte. Es war eine Zeit, in der ich noch nicht in der „echten Welt“ angekommen, aber eben auch kein Student mehr war. Ich wusste nicht, was mich in der Zukunft erwartet. Das zweite Ereignis war meine Entlassung bei ELG Metals aufgrund der wirtschaftlichen Lage. Ich hatte mich gerade verlobt, wollte mit meiner zukünftigen Frau unser Leben planen, und plötzlich waren alle Sicherheiten weg. Das war eine Herausforderung. Jetzt arbeite ich wieder bei ELG, kann für meine Frau sorgen – und meine Eltern sind stolz auf mich.


 

Vater und Sohn

Alexander Schiendorfer, 52, ist seit 2011 Sicherheitsbeauftragter bei CWS-boco Suisse SA in Glattbrugg bei Zürich. In seiner Freizeit ist er im Vorstand des Schweizer Schachbundes. Sein ältester Sohn Robert, 26, ist Teamleiter bei MediaMarkt in Muri. Schach ist nicht sein Ding, er programmiert lieber oder tunt seinen Renault Clio V6.

Als Sie klein waren, wollten Sie …

[ALEXANDER] … etwas Außergewöhnliches erreichen. Das ist mir auch gelungen. Im Beruf gab es einige Höhepunkte, auf die ich stolz bin. Außerdem habe ich eine tolle Familie, ein schönes Zuhause und gute Freunde.

[ROBERT] … unbedingt Verkäufer werden! Schon als Sechsjähriger habe ich auf Flohmärkten immer ein sehr gutes Geschäft gemacht. Ich habe an den Ständen der anderen Kinder eingekauft und die Sachen dann an meinem eigenen Stand weiterverkauft, gewinnbringend, natürlich.

Woran sind Sie in Ihrem Leben gewachsen?

[ROBERT] Ganz klar, an meinem Beruf. Begonnen habe ich als Lehrling, und in den letzten neun Jahren habe ich mich bis zum Teamleiter hinaufgearbeitet.

[ALEXANDER] Die schönsten Entwicklungsschritte macht man wohl mit der Familie. Als Vater von vier Söhnen stößt man jeden Tag auf neue Herausforderungen, die es zu meistern gilt.

Wann haben Sie sich zum ersten Mal so richtig erwachsen gefühlt?

[ROBERT] Als ich nach der Führerscheinprüfung meine erste Fahrt ohne Begleitung gemacht habe.

[ALEXANDER] Als mir in der Armee mit 20 Jahren die Dienstwaffe übergeben wurde. Da spürte ich die Verantwortung und die Erwartungshaltung der Gesellschaft, aber auch die Gewissheit, dem gerecht werden zu können.


 

Enkel und Urgrossvater

Jerry Taylor , 65, IT-Experte bei K + K America Corporation in Milwaukee, Wisconsin, USA. Seine Vorfahren sind im 19. Jahrhundert aus Deutschland nach Amerika emigriert. Bei seinem deutschen Arbeitgeber fühlt er sich quasi täglich an seine Wurzeln erinnert.

Großvater Enkel

 

„Meine Großmutter hatte ein großes Fotoalbum mit vielen Bildern meiner deutschen Vorfahren. Das Album reichte zurück bis zu meinen Urururgroßeltern. Außerdem besitze ich den Reisepass meines Urgroßvaters. „Sein Name war Walter Hugo Sander, und er war Oberleutnant in der sächsischen Armee. Bei einem Sturz vom Pferd verletzte er sich und konnte der Armee nicht mehr dienen. Also beschloss er, noch einmal von vorn zu beginnen. In den 1880er-Jahren kam er auf einem Schiff nach Amerika. Er verdiente sein Geld als Cowboy, gab Fechtunterricht und arbeitete bei einer deutschen Zeitung. Er starb sehr jung, wurde nur 35.

„Natürlich habe ich ihn nie kennengelernt, aber ich bin sehr stolz auf meine Herkunft. Ich habe viele schöne Erinnerungen daran, wie ich mit meiner Großmutter und ihrem Bruder das Album angeschaut habe und wie die beiden Geschichten über ihren Vater erzählten. „Die Familie bedeutet mir alles! Meine Frau und ich haben zwei Kinder, und wir haben es immer als unsere Lebensaufgabe gesehen, unsere Kinder zu lieben, zu unterstützen und zu ermutigen, damit sie wachsen und erwachsen werden können.“