Menschen

Retter der Dinge

Autor: Tobias Krzossa |
Foto: Tobias Krzossa
Es ist Freitag Nachmittag, kurz vor vier Uhr. Etwa 30 Frauen und Männer verschiedenen Alters stehen vor einem unscheinbaren Gebäude in Duisburg-Ruhrort. Alle sind schwer bepackt: Die einen sind mit Fernseher, Musikanlage, Toaster oder Kaffeemaschine beladen. Andere haben Kleidungsstücke oder kleine Möbel mitgebracht. Was auch immer sich in den Taschen oder Kartons der Wartenden befindet – es ist defekt. Die Besitzer sind hergekommen, um ihre Schätze vor dem Müll zu bewahren.

Anlass zur Hoffnung bietet das Repair Café, das um punkt vier Uhr die Türen öffnet. Ausgerichtet von der Ruhrorter Christengemeinde, die vom Kreativkreis Ruhrort, einer örtlichen Initiative zur Förderung des Stadtteils, unterstützt wird, versuchen sich Hobbybastler daran, die defekten Geräte wieder zum Leben zu erwecken. Einer der Wartenden ist Axel, 52 Jahre und ehemaliger Berufskraftfahrer. Er hat einen DVD-Player unter den Arm geklemmt. „Die Steueranzeige funktioniert nicht mehr. Ich habe das Gerät einfach mal mitgebracht und hoffe, dass sich vielleicht irgendwer damit auskennt.“ Im Inneren des Gemeindehauses haben sich bereits mehrere Hobbybastler auf die Tischreihen verteilt. Sie sind der Dreh- und Angelpunkt des Repair Cafés und warten darauf, irgendwem mit ihrer technischen Begabung zu helfen. Zu den ehrenamtlichen Bastlern gehören Rentner, die früher technische Berufe ausübten ebenso wie Studenten aus den Ingenieurswissenschaften. Während Axel darauf wartet, dass einer von ihnen Zeit findet, seinen DVD-Player zu verarzten, kommt er mit einer älteren Dame ins Gespräch, die etwas skeptisch dreinblickt. Die Frau heißt Helga Gerards. „Eigentlich habe ich nur noch wenig Hoffnung“, erzählt sie und deutet auf einen mitgebrachten Staubsaugeraufsatz, der den Geist aufgegeben hat. 

Vom Wartenden zum Helfer
Weil beide ohnehin gerade warten, bietet Axel an, sich das defekte Stück einmal genauer anzuschauen. Helga nimmt das Angebot gerne an. Und tatsächlich: Es braucht nur wenige Minuten und einige geschickte Handgriffe von Axel und der Staubsaugeraufsatz funktioniert wieder einwandfrei. Die Rentnerin strahlt über das ganze Gesicht: „Ich bin begeistert. Das Repair Café ist eine tolle Sache. Ich werde definitiv wiederkommen.“ Axels Reparaturerfolg macht schnell die Runde. Wenige Sekunden nachdem er sich von Helga verabschiedet hat, wird er erneut angesprochen. Dieses Mal von Helga Münch, die einen uralten Kassettenspieler mitgebracht hat: „Den haben mein Mann und ich unserem Enkelkind als Weihnachtsgeschenk ersteigert. Aus irgendwelchen Gründen funktioniert die Aufnahmefunktion aber nicht.“ Axel widmet sich dem Gerät sofort und mit großer Neugierde: „Das ist heute ein ganz selten gewordener Kassettenrecorder. Ich hatte in meiner Jugend einen ganz ähnlichen. Vielleicht lässt sich da was machen.“

Nach einer ersten Inspektion wendet sich Axel der Dame zu und äußert einen Verdacht: „Ich könnte mir zwei Gründe vorstellen. Entweder es handelt sich um einen Systemfehler – dann kann man leider nichts mehr machen. Es kann aber auch sein, dass nur das Anschlussköpfchen des Kassettenrecorders etwas verbogen ist – in dem Fall würde noch Hoffnung bestehen.“ Die Prognose stimmt Helga Münch zuversichtlich; ein Lächeln huscht über ihr Gesicht.

Auf einmal funktioniert der Kassettenrecorder doch
Plötzlich hält Axel die Kassette in die Höhe, mit der Helga versucht hatte etwas aufzunehmen. „Es gibt gute Nachrichten“, sagt er schmunzelnd: „Es lag überhaupt nicht am Kassettenrecorder. Sie haben einfach die falsche Kassette erwischt. Diese Art von Kassette ist nicht zur Aufnahme geeignet.“ Die Besitzerin des Recorders traut dem Braten noch nicht. „Wir testen es einfach aus“, sagt Axel, legt eine andere Kassette ein, schaltet das Radio an und drückt einmal fest auf die Aufnahmetaste. Als er kurze Zeit später die Wiedergabetaste betätigt, spielt der Kassettenrecorder genau das ab, was er zuvor aufnehmen sollte. Helga ist erstaunt. „Das ist wirklich verwunderlich. Manchmal liegt es wirklich an den einfachsten Dingen.“

Keine Garantie auf Erfolg
„Natürlich können wir keine Garantie auf einen Reperaturerfolg geben“, erklärt Gemeindeleiter Heiner Heseding, der den Hobbybastlern immer mal wieder selbst interessiert über die Schulter schaut. „Grob geschätzt, würde ich aber schon sagen, dass wir mehr als der Hälfte der Besucher helfen können.“ Die heutige ist bereits die dritte Auflage des Ruhrorter Repair Cafés. Im Januar lud die Christengemeinde erstmals zur Reparaturstunde ein. Die Idee entstand damals, um der wöchentlichen Freitagsveranstaltung „Auf’n Käffken und’n nettes Pläuschken“ mehr Leben einzuhauchen. „Es kamen freitags meistens nur wenige Leute zu uns in die Gemeinde. Dann haben wir von der Idee des Repair Cafés gehört und uns gedacht, dass das genau das Richtige sein könnte“, verrät Heseding. Mittlerweile können die Veranstalter festhalten, dass sie mit dem Repair Café einen echten Volltreffer gelandet haben. „Das Ganze wird hervorragend aufgenommen. Ein Ende ist nicht in Sicht. Wir wollen das Repair Café auch in Zukunft einmal monatlich ausrichten.“

Helga Gerards, Helga Münch und auch Axel werden dann wiederkommen. Der ehemalige Berufskraftfahrer hatte sichtlich Spaß daran, dass seine Hilfe so gut ankam. Da ist es fast schon eine Nebensache, dass es für seinen defekten DVD-Player, wegen dem er eigentlich hergekommen war, vorerst noch keine Lösung gibt.

 

Die Idee des „Repair Cafés“ geht bis ins Jahr 2010 zurück und entstand ursprünglich in den Niederlanden. Von dort aus breitete sich das Konzept in alle Himmelsrichtungen aus. Mittlerweile gibt es solche Angebote in weit mehr als 80 Städten weltweit. Weitere Informationen zum Repair Café sind hier nachzulesen.

Der Kreativkreis Ruhrort und die Ruhrorter Christengemeinde engagieren sich gemeinsam für den Duisburger Hafenstadtteil Ruhrort. Ziel ist es, ein liebens- und lebenswertes Ruhrort zu schaffen und mit Hilfe von Kunst und Kultur Ruhrort zu mehr Glanz und Ausstrahlung zu verhelfen. Ruhrorter Bürger, Geschäftsleute und Unternehmen, allen voran Haniel, unterstützen den Kreativkreis.

Reparieren statt wegschmeißen ist auch das Motto vom Haniel-Geschäftsbereich CWS-boco. Lesen Sie mehr hier.