Menschen

Wir packen das

Autor: Sonja Hausmanns |
Foto: Albrecht Fuchs, Michelle Gibson
Stillstand ist der Tod. Das gilt für Unternehmen wie für Menschen. Deshalb machen wir uns auf den Weg. Stolpern, straucheln, zweifeln. Und gehen trotzdem weiter. Hier erzählen Mitarbeiter der Haniel-Gruppe ihre Geschichten vom Aufbrechen und Ankommen.

Raus aus dem rostenden Käfig

1990. Die Berliner Mauer ist weg, die Wende ist da. Auch für die 18-jährige Ottilie Krug. Sie lebt in Hermannstadt, in Rumänien. Trotz Abitur sind ihre Perspektiven begrenzt. Ein Studium beispielsweise ist ihr verwehrt. Denn Krug hat deutsche Wurzeln, und das Regime will verhindern, dass „solche wie sie“ einem „echten Rumänen“ den Studienplatz wegnehmen.

„Da überlegt man sich schon, wie es weitergehen soll“, erinnert sich die heute 40-Jährige. „Ich wollte mich nicht einschränken lassen, sondern selbst über mein Leben bestimmen.“

Als der politische Umbruch kommt, reist sie sofort nach Deutschland – ohne Eltern und Geschwister. Krug hat Glück: Weil ihre Familie schon einmal einen Ausreiseantrag gestellt hat, sind ihre Dokumente von den Bundesbehörden bereits geprüft, das verkürzt das Einreiseverfahren. Dennoch muss sie jede Menge Fragen beantworten: Wollen Sie studieren oder eine Ausbildung machen? In welchem Bundesland möchten Sie leben? Wie stellen Sie sich Ihre Zukunft vor? All das prasselt auf die junge Frau ein. „Ich wusste nur ganz wenig von Deutschland. Also habe ich mich intuitiv entschieden.“ Für Bayern, denn dort leben einige Klassenkameraden, die Hermannstadt ebenfalls verlassen hatten – so wie die meisten der etwa 20 000 Deutschstämmigen.

Schließlich landet Krug in Nürnberg. Mutterseelenallein. Von der Bundesregierung bekommt sie finanzielle Starthilfe. Die reicht, um eine Wohnung zu mieten, für viel mehr nicht. Also nimmt Krug einen Aushilfsjob als Packerin bei einem Pharmaunternehmen an. „Ab da beginnt die Geschichte von so vielen Menschen, die mir unheimlich geholfen, an mich geglaubt haben.“ Zum Beispiel der Kollege, der irgendwann sagt: „Mädchen, das hier ist nicht das Richtige für dich. Du kannst doch mehr.“ Und der dann den Personalleiter anruft und ihm von der talentierten jungen Frau erzählt. Dieser wiederum gibt Krug eine Ausbildungsstelle, obwohl die gar nicht eingeplant war. „Von meinem ersten Gehalt habe ich mir einen Walkman gekauft. Ich war unheimlich stolz und hatte das Gefühl, dazuzugehören.“

Rumänien, sagt Krug, lag wirtschaftlich noch weit hinter der DDR zurück. Die Bundesrepublik kam ihr dagegen vor wie das Schlaraffenland. Dennoch zieht es sie von hier weg – ihre erste große Reise geht nach Ägypten „Dieses Eingesperrtsein in einem Land: Das hat mich geprägt, das wollte ich nie wieder.“

Heute verantwortet Krug das Marketing bei einem Celesio- Tochterunternehmen mit Standorten in ganz Europa. Als Führungskraft versucht sie, ihre Mitarbeiter zu stärken. „Denn ich weiß: Ohne mein Selbstvertrauen hätte ich es nie von Rumänien bis hierhin geschafft.“


 

Stadt, Land ... Schluss? „Wohin denn?“ „Nach Bodø.“ „Bodø???“ „Also eigentlich …Tverlandet.“ „Häääh? No way!“

Ranveig Vedvik
Ranveig Vedvik

 

Als die frisch ausgebildete Apothekenhelferin Ranveig Vedvik diesen Dialog mit ihrem Chef Lars Jørgen führt, arbeitet sie gerade fünf Monate in einer Filiale von Vitusapotek in Oslo. Der Standort soll bald geschlossen werden. Aber deshalb von der Hauptstadt in die Provinz ziehen, eine Gegend nördlich des Polarkreises?

Die 23-Jährige ist alles andere als begeistert: „Ich liebe die Sonne, ich bin ein Stadtmensch und kein Bauernmädchen.“ Doch Jørgen lässt nicht locker. Und so bespricht sich Vedvik mit ihrem Freund – der überraschenderweise gar nicht so abgeneigt ist. Jørgen organisiert einen Tagesausflug nach Bodø (gesprochen: Boda), und Vedvik besucht die Tverlandet-Apotheke, die etwa eine halbe Autostunde von der Kleinstadt entfernt liegt. Die pure Idylle: Die Sonne scheint, und das Bergpanorama verzaubert ebenso wie das schmucke weiße Holzhaus, in dem die Apotheke untergebracht ist. Noch etwas spricht für Tverlandet: „Eine Leitungsposition würde ich woanders nicht so schnell bekommen.“ Also arbeitet sie für einen Monat auf Probe. Es gefällt ihr. Sie entscheidet sich, für ein Jahr zu bleiben.

„Läuft es gut in Tverlandet?“ „Ich fühle mich wohl, und die Arbeit macht Spaß. Aber kommendes Jahr will ich wieder in den Süden ziehen.“ „Wir werden sehen …“ „Es ist mein Ernst. Ich gehe dann auf jeden Fall zurück!“

Ranveig Vedvik

Das war vor acht Jahren. Mittlerweile leitet Ranveig Vedvik die Vitusapotek im neuen Einkaufszentrum von Bodø. Die meisten Kunden kennt die heute 33-Jährige persönlich, und mit ihrem fünfköpfigen Team ist sie sehr zufrieden. „Ich mag es, die Leute einzubeziehen, Hierarchien sind mir nicht wichtig“, beschreibt sie ihren Führungsstil. Nach der Arbeit fährt sie in ihr Haus mit großem Garten außerhalb von Bodø. Zwei Kinder hat Vedvik inzwischen, das dritte ist unterwegs.

„Du bist schuld!“ „Woran denn?“ „Ich bin immer noch hier!“ „Und – wann geht es wieder in den Süden?“ „Nie mehr.“

Ranveig Vedvik

Jetzt kommt’s dicke!

Andreas Trützschler

 

Andreas Trützschler (29) wollte einen Schritt nach vorne machen – jetzt rast er im Galopp. Im Dezember wechselt er von Haniel in Duisburg zu C&H nach Milwaukee. Als er praktisch auf gepackten Koffern sitzt, sagt die Freundin: Du wirst Vater!

In der ersten Sekunde war es ein Schock. Damit hatten meine Freundin Ulrike, die auch bei Haniel arbeitet, und ich überhaupt nicht gerechnet. Aber dann kam schnell die Freude auf das Kind. Und irgendwie macht das auch alles einfacher. Denn wir haben die ganze Zeit hin und her überlegt, wie wir es schaffen, dass mich Ulrike zumindest zeitweise nach Milwaukee begleiten kann. Zum Beispiel, indem sie projektbezogen in den USA arbeitet – für Haniel oder an einer Universität. Stattdessen kommt sie nun während der Elternzeit zu mir nach Milwaukee. Nur die Sache mit der Aufenthaltsgenehmigung müssen wir noch klären. Wir wollen, dass unser Kind in Deutschland zur Welt kommt. Wenn es im Frühjahr so weit ist, werde ich also Urlaub nehmen. Für meinen neuen Chef kein Problem, der hat selbst vier Kinder. Bleibt das Risiko, ob das Baby tatsächlich zum errechneten Zeitpunkt kommt und ich bei der Geburt dabei sein kann. Aber da will ich jetzt gar nicht nachgrübeln – wird schon!

Bei Haniel habe ich in der Finanzabteilung gearbeitet und mich vor allem mit Devisenmanagement beschäftigt. Beim Versandhändler C&H, der zum Haniel-Geschäftsbereich Takkt gehört, werde ich das Controlling in der Servicegesellschaft machen – eine völlig andere Baustelle, in der ich nur wenig Erfahrung habe.

Klar, ich bin aufgeregt. Am Anfang habe ich mir vor allem Gedanken wegen der Sprache gemacht: Werde ich meine neuen Kollegen überhaupt verstehen? Aber ich war im September für zehn Tage drüben, und es hat super funktioniert. Die Kollegen haben sich prima um mich gekümmert: Da werden sechs, acht Leute mobilisiert, und los geht’s zum Essen oder Baseball. Vereinsamen werde ich also in Milwaukee bestimmt nicht, auch wenn ich meine Band vermissen werde, in der ich Keyboard spiele. Aber wenn im Frühjahr Ulrike und das Baby kommen, gibt es ohnehin Programm genug.

Jetzt ist noch eine Menge für mich zu tun: Ich beende gerade mein MBA-Studium. Noch die letzten Korrekturen an meiner Abschlussarbeit, dann drucken, abgeben – das passt gerade noch so rein, bevor ich aufbreche. Das kam schon alles ziemlich knüppeldick: Job, Kind, MBA. Auf zwei Jahre gestreckt, wäre das auch nicht schlecht gewesen. Übrigens: Es wird ein Junge!


 

Vorsicht Falle!

Karen Seibüchler

 

Sechs Jahre Fernbeziehung. Irgendwann ist es auch mal gut – denkt sich die 47-jährige Karen Seibüchler und zieht im vergangenen März zu ihrem Lebensgefährten nach Bielefeld. Ihr Büro nimmt die Key-Account-Managerin von CWS-boco gleich mit und merkt: Das Home-Office wird ihr schnell zum Hamsterrad.

Die größte Herausforderung im Home-Office? Selbstorganisation! Ich musste mir zum Beispiel erst einmal angewöhnen, eine Mittagspause zu machen. Ich gehe dann auf den Wochenmarkt oder trinke einen Kaffee. Hört sich vielleicht banal an, aber sonst läuft man schnell Gefahr, rund um die Uhr zu arbeiten. Oder man tappt in die andere Heimarbeiterfalle und macht laufend kleine Pausen, um noch dies oder jenes zu erledigen. So ein Wischiwaschi, das funktioniert nicht. Wenn ich arbeite, arbeite ich – Störungen nur in Ausnahmefällen, das wissen auch meine Kinder.

Übrigens ziehe ich mich immer so an, dass ich direkt in unsere Zentrale nahe Frankfurt fahren könnte. Extrem wichtig: mein Wochenplan. Den mache ich montags und arbeite ihn dann konsequent ab. Dabei hilft mir unsere Onlineplattform, auf der alle Kollegen ihre Termine und Ergebnisse festhalten – für jeden sichtbar. Über dieses System kann ich mir selbst Aufgaben stellen. Zum Beispiel: Am Mittwoch will ich einen Kunden besuchen, am Donnerstag das Angebot schreiben. Am entsprechenden Tag leuchtet dann ein To-do für mich auf. Über diese Plattform bekomme ich auch fast alle Informationen, die ich für meine Arbeit brauche. Und ich halte natürlich Kontakt mit den Kollegen vor Ort. Per E-Mail oder Telefon, und etwa alle sechs Wochen fahre ich ins Unternehmen. Das ist nötig, um sich weiterhin als Teil des Teams zu fühlen.

Gegenüber meinen Kunden mache ich kein Geheimnis daraus, dass ich im Home-Office bin. Den meisten ist es relativ egal, wo ich arbeite, aber ein paar wollen mehr wissen. Einfach, weil das Thema in die Gesamtdiskussion zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie passt. Obwohl – es ist schon eher ein Frauenthema. Daran wird sich hoffentlich bald etwas ändern, sodass auch der ein oder andere Mann von zu Hause aus arbeitet. Das wäre doch ein Fortschritt.


 

Wenn die Fremde liegt so nah

Vor ziemlich genau einem Jahr ist Scott Nichols von den USA nach Kanada umgezogen, um dort für seinen Arbeitgeber National Business Furniture (NBF) eine Onlinemarke aufzubauen. Für den 27-Jährigen zwar ein Karrieresprung, aber Kanada ist fremder als gedacht.

Die USA und Kanada sind Nachbarn. Alles easy, oder?

Tatsächlich sind es von meinem Heimatstaat Wisconsin bis hierher nach Ontario zwölf Stunden Fahrt. Nicht wenig, aber machbar. Umso mehr hat es mich überrascht, wie groß die „gefühlte“ Entfernung ist. Ein Beispiel: Ich habe Anfang September 2010 beim Umzugsunternehmen angerufen und gefragt, wann die meine Sachen benötigen, wenn ich sie am 1. Oktober vor Ort haben will. Die Antwort lautete: in drei Tagen! Ich hatte nicht damit gerechnet, dass es so lange dauern würde. Also habe ich drei Tage und Nächte gepackt. Auch Post ist so eine Sache: Es kann schon mal eine Woche dauern, bis die über die Grenze kommt. Weshalb ich mich mit meiner Frau, die in den USA geblieben ist, lieber per Skype austausche.

Schild Mann Haltestelle

 

Ihre erste Reaktion, als Ihr Chef Ihnen das Angebot machte, nach Kanada zu gehen?

Puh, große Herausforderung! Es ist ja nicht gerade selbstverständlich, einem so jungen Mitarbeiter ein solches Projekt anzuvertrauen. Aber ich hatte während meiner Zeit als Management-Trainee bei NBF viele Abteilungen des Unternehmens kennengelernt und fühlte mich ganz gut vorbereitet. Außerdem wollte ich unbedingt aus meiner Komfortzone rauskommen.

Wie ist denn das Verhältnis zwischen Amerikanern und Kanadiern?

Das ist eine komplizierte Beziehung. Was auch daran liegt, dass die Kanadier manchmal als Anhängsel der so viel größeren USA gelten. Zum Beispiel gucken die Kanadier viel US-Fernsehen – aber die meisten Sonderaktionen, die dort beworben werden, gibt es hier gar nicht. Und auch längst nicht alle Produkte. Deshalb rufen auch bei NBF viele Menschen an, die unsere amerikanische Website gesehen haben und wissen sollen, ob wir auch nach Kanada liefern. Da kommt es natürlich gut an, wenn ich sagen kann: Wir sind hier vor Ort, und du erhältst von uns denselben Service wie Kunden drüben in Amerika. Dann sehen die auch über meinen amerikanischen Akzent hinweg…

Typisch kanadisch ist in Ihren Augen…

Hockey! Die Kanadier lieben diesen Sport. Aber man muss es im Stadion gesehen haben, um diese Leidenschaft wirklich zu begreifen. Schon ein bisschen… irre.